# taz.de -- Umweltpolitik der Türkei: Schlechtes Klima, schlechte Luft
> Nächste Woche beginnt in Antalya die Weltklimakonferenz. Die türkische
> Regierung will sich positiv präsentieren. Dabei hat sie viel
> Nachholbedarf.
(IMG) Bild: Hier wird enorm viel klimaschädliches Methan ausgestoßen: Mülldeponie bei Istanbul
Durch Nejla Işıks Heimat fressen sich riesige Bagger: Der Braunkohletagebau
hat schon Wohnhäuser, große Teile des Akbelen-Walds und Olivenhaine in und
um den Ort İkizköy in der südwestlichen [1][Türkei] geschluckt. Viele von
Işıks NachbarInnen mussten umziehen. Die Mittvierzigerin ist das Gesicht
der Bewegung gegen den Abbau klimaschädlicher Kohle in der Region geworden.
Im November wird ihr Protest sie 380 Kilometer weit in die
Mittelmeermetropole Antalya führen: Dort beginnt am kommenden Montag die
[2][Weltklimakonferenz]. Umweltaktivist*innen [3][planen einen
Alternativen Klimagipfel].
Sie wollen den Blick der Weltöffentlichkeit darauf lenken, dass die
Gastgeberin Türkei in ökologischer Hinsicht viel Nachholbedarf hat. Im
Akbelen-Wald stand über Jahre ein landesweit bekanntes Protestcamp, von dem
aus sich UmweltschützerInnen aus der gesamten Türkei jahrelang den
Braunkohlebaggern entgegenstellten. Mit massiver Gewalt wurde das Camp vor
drei Jahren geräumt und das Waldstück abgeholzt. Jetzt laufen
Gerichtsverfahren gegen die Enteignung weiterer Olivenhaine. Wie der
Widerstand gegen den Braunkohleabbau weitergehen kann, soll nun auf der
alternativen Klimakonferenz diskutiert werden.
Die Kohle ist nicht das einzige Problemfeld der türkischen Klimapolitik:
Beispielsweise gehört die größte Mülldeponie Istanbuls zu den schlimmsten
Methanemittenten der Welt. Aus Lecks entweichen stündlich 7,4 Tonnen des
hochwirksamen Treibhausgases, zeigen [4][Berechnungen von US-ForscherInnen
der Universität von Kalifornien in Los Angeles auf Basis von
Satellitendaten].
Demnach entspricht der Klimaeffekt durch das Methan pro Stunde dem, den 1,5
Millionen SUV im selben Zeitraum hätten. Die zweitgrößte Deponie der
18-Millionen-Einwohner-Metropole bringt es immerhin auch noch stündlich auf
4 Tonnen Methan. Die Mülldeponien der anderen türkischen Großstädte wie
Ankara, Izmir und auch Antalya haben ebenfalls immense Methan-Emissionen.
## Dreckige Luft wegen fossiler Energie
Sie entstehen, weil die mit Lehmschichten abgedichteten Müllberge Lecks
haben, durch die das Methan entweicht. Dabei wäre das Problem relativ
leicht lösbar. Einmal könnte man dafür sorgen, dass Speisereste, durch
deren Gärungsprozess das Methangas entsteht, auf anderen speziellen
Deponien verarbeitet werden, was in anderen Ländern längst Praxis ist. Oder
man fängt das Methan noch auf der Deponie auf und nutzt es für die
Wärmegewinnung. Das ist technisch machbar, wird in der Türkei aber nur
unzulänglich versucht.
Die anhaltende Kohleverbrennung, die großen Rohölraffinerien, die
zahlreichen Zementfabriken und der dichte Autoverkehr in den Metropolen
heizen nicht nur die Klimakrise an, sie sorgen auch für gefährliche Luft.
Eine jüngst veröffentlichte Studie der internationalen Plattform für das
Recht auf saubere Luft zeigt, dass die hohe Luftverschmutzung für jährlich
26.500 Tote verantwortlich ist und das Land rund 55 Milliarden US-Dollar
jährlich kostet. Das ist das Zweieinhalbfache des Budgets des
Gesundheitsministeriums.
Zu den ökologischen und gesundheitlichen Aspekten kommt hinzu, dass die
Türkei Öl und Gas zum allergrößten Teil teuer importieren muss. Der
Londoner Energie-Thinktank Ember empfiehlt der Türkei deshalb dringend, den
Einsatz von Elektrizität im Energiemix zu erhöhen. Tatsächlich will die
türkische Regierung diese Frage sogar auf der Weltklimakonferenz in Antalya
zum Thema machen. Sie schlägt ein globales Ziel vor, den Anteil von Strom
am Endenergieverbrauch von aktuell 20 bis 23 Prozent bis 2035 auf 35
Prozent zu erhöhen.
Hilfreich für das Klima ist das aber vor allem dann, wenn der Strom aus
erneuerbaren Energien gewonnen wird. In der Türkei ist das bei rund 44
Prozent des Stroms der Fall. Vor allem gemessen am Potenzial, das die
Türkei wetterbedingt hat, ist das immer noch sehr wenig.
## Energiewende spät begonnen
Das Land ist [5][sehr spät in die Produktion von Strom aus Windenergie und
noch später in Solarenergie eingestiegen]. Lange Jahre kam der erneuerbare
Strom allein von Wasserkraftwerken, die in Staudämmen verbaut wurden. Noch
heute liefert Hydropower den größten Anteil an erneuerbarem Strom.
Das Problem bei dem Ausbau der Wind- und Solarenergie ist, dass die
türkische Regierung dabei sehr zentralistisch vorgeht. Flächen für
Windparks werden von der Regierung festgelegt, ohne mit den Kommunen vor
Ort zu kommunizieren. Bauern erfahren oftmals nur auf dem Liegenschaftsamt,
dass ihre Felder plötzlich für Windkraftanlagen vorgesehen sind. Das erhöht
die Akzeptanz für Windräder natürlich nicht, auch weil die
Entschädigungssummen nicht dem tatsächlichen Wert der Flächen entsprechen.
Bei Solaranlagen ist es ähnlich. Die Türkei setzt bislang ausschließlich
auf große flächenintensive Solaranlagen und behindert Photovoltaik-Anlagen
auf dem eigenen Dach eher, statt sie zu fördern. Es gibt nicht nur keine
Förderung, die Genehmigung und Einspeisung in das öffentliche Netz ist
kompliziert und bringt finanziell nichts. Deswegen sieht man auf den
Dächern, wenn überhaupt, nur kleine Warmwasseranlagen und keine
Solarpaneele.
Hinzu kommt, dass die Regierung aus politischen Gründen an der Verfeuerung
von Kohle festhält, ja sogar Kohle noch importiert, statt die Nutzung zu
reduzieren. Sie steckt auch Geld in den Bau von Atomkraftwerken, statt Wind
und Sonnenenergie massiv zu fördern. Bei der Diskussion um den schnellen
Ausstieg aus den fossilen Energien dürfte die Türkei bei der
Weltklimakonferenz in Antalya deshalb eher auf der Bremse stehen – auch als
Gastgeberin.
3 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Tuerkei/!t5404167
(DIR) [2] /Weltklimakonferenz/!t5018328
(DIR) [3] /Klimaproteste-in-der-Tuerkei/!6220624
(DIR) [4] https://law.ucla.edu/news/spotlight-top-methane-sources-turkeys-waste-sector
(DIR) [5] /Energiewende/!6172145
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Gottschlich
## TAGS
(DIR) Weltklimakonferenz
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Türkei
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