# taz.de -- Braunkohletagebau in der Türkei: Jahrhundertealte Olivenhaine in Gefahr
       
       > Olivenbäume sind in der Türkei ein geschütztes Kulturgut. Bei Bodrum
       > sollen sie jedoch den Baggern weichen. Kann eine Sammelklage noch helfen?
       
 (IMG) Bild: Eine Demonstrantin sitzt am 24. Juli 2023 am Rande der Proteste gegen eine geplante Kohlemine im Akbelen-Wald im Schatten der Bäume
       
       „Wir haben schon etliche Leute zusammen, die klagen wollen, und bis Ende
       der Woche werden es sicher noch mehr“, berichtet die Dorfvorsteherin Nejla
       Işık gewohnt kämpferisch am Telefon. „So schnell werden sie uns nicht los.“
       Doch den Optimismus der langjährigen Vorkämpferin gegen den Braunkohleabbau
       an der südwestlichen Ägäisküste teilen nicht mehr allzu viele Aktivisten.
       Nach jahrelangen Auseinandersetzungen will der Staat jetzt knapp 700
       Besitzer enteignen, deren teils große Olivenhaine dem Abräumbagger im Weg
       stehen. Dazu gehören die Olivenplantagen der Dörfer Akbelen und İkizköy,
       die in der gesamten Türkei [1][für ihren Kampf gegen den Braunkohleabbau]
       bekannt geworden sind.
       
       Die Braunkohle lagert in einer klassischen hügligen Ägäislandschaft im
       Hinterland von [2][Bodrum, der Metropole für Luxustourismus] in der Türkei
       schlechthin. Während die Oligarchen ihre überdimensionierten Luxusyachten
       im Hafen von Bodrum parken, verpesten nur knapp hundert Kilometer entfernt
       drei uralte Kohlekraftwerke die Luft, die alle mit der besonders
       schädlichen Braunkohle betrieben werden.
       
       Um den Flächenfraß des oberirdisch operierenden Braunkohlebergbaus zu
       stoppen, hatten vor mehr als fünf Jahren Umweltaktivsten aus der gesamten
       Türkei am Rande des Dorfes Akbelen ein Protestcamp eingerichtet, von dem
       aus sie die Dorfbewohner in ihrem Kampf gegen die Abräumbagger
       unterstützten. Am Ende [3][wurde das Camp dann nach drei Jahren von der
       Gendarmerie geräumt], der Wald bei Akbelen abgeholzt und Platz für die
       Bagger geschaffen.
       
       Nach dem Wald sind jetzt die Olivenhaine von insgesamt sieben Dörfern an
       der Reihe. Eigentlich sind Olivenbäume seit den 30er Jahren des vergangenen
       Jahrhunderts in der Türkei ein besonders geschütztes Kulturgut. Sie dürfen
       nicht abgeholzt werden.
       
       ## Im „nationalen Interesse“
       
       Mit einem [4][neuen Minengesetz hat die Regierung von Präsident Recep
       Tayyip Erdoğan vor gut zwei Jahren den Schutz der Olivenhaine ausgehebelt].
       Wenn ein besonderes nationales Interesse besteht, dürfen sie nun doch
       abgeholzt werden. Nachdem der Kandidat der Regierungspartei AKP in Milas,
       der zuständigen Kreisstadt für die bedrohten Dörfer, vor den Kommunalwahlen
       im März 2024 zunächst noch dafür gesorgt hatte, dass das neue Gesetz in
       seinem Bezirk nicht angewendet wurde, ist es nun so weit: Die Enteignungen
       der Olivenhaine wurden angeordnet.
       
       Die Gegner des Braunkohleabbaus versuchen jetzt, eine Sammelklage gegen die
       Enteignungen auf die Beine zu stellen, der sich jedoch bislang nur rund 50
       der 679 Betroffenen angeschlossen haben. Es gibt weitere Klagen, aber die
       zielen vor allem auf die Erhöhung der Entschädigung, die die Betroffenen
       bekommen sollen.
       
       Auch nicht alle aus der Region sind gegen den Braunkohletagebau. Etliche
       Einheimische arbeiten dort und wollen ihren Job nicht verlieren. So rückt
       der Tag wohl näher, an dem die teils Jahrhunderte alten Olivenplantagen von
       Akbelen und İkizköy der [5][schmutzigsten Form der Energiegewinnung] zum
       Opfer fallen werden.
       
       ## Windkraft im Hintertreffen
       
       Dabei stehen auf vielen Hügeln an der Ägäisküste bereits [6][Windräder,
       deren Anzahl noch beträchtlich ausgebaut werden könnte], um saubere Energie
       zu weit weniger hohen Kosten zu liefern, als es die alten
       Braunkohlekraftwerke in Milas, Ören und Yatağan können. Doch die drei
       Kraftwerke gehören zu zwei der größten Industrieholdings der Türkei, Limak
       und IC Holding, die beide seit vielen Jahren zum bevorzugten Kreis des
       Präsidenten gehören, wenn es um Großaufträge und Subventionen geht.
       
       Alle drei Kraftwerke haben lukrative Verträge mit dem Staat, die ihnen noch
       etliche Jahre Gewinne versprechen. Bei der Stromgewinnung in der Türkei
       nimmt der Prozentsatz der erneuerbaren Energien zwar stetig zu, aber
       dennoch will die Regierung auf Kohlekraftwerke nicht verzichten und plant
       dazu den [7][Ausbau der Atomenergie]. Das erste AKW an der Mittelmeerküste
       bei Mersin, das von den Russen gebaut wird, soll im nächsten Jahr mit einem
       ersten Block ans Netz gehen, zwei weitere AKWs am Schwarzen Meer sind in
       Planung. Mit den AKW und auch dem neuen Minengesetz will die Regierung die
       einheimische Energieerzeugung ankurbeln, um die Abhängigkeit von Öl- und
       Gasimporten zu reduzieren.
       
       29 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jürgen Gottschlich
       
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