# taz.de -- Klimaproteste in der Türkei: Erdoğan erschwert Klimagipfel der Zivilgesellschaft
> Repressive Maßnahmen belasten die Alternativveranstaltung zur
> Weltklimakonferenz in der Türkei. Tausende Protestierende wollen
> anreisen.
(IMG) Bild: Richtung Antalya: auf dem Weg zur COP31 in der türkischen Mittelmeermetropole
Schon jetzt steht ein bleibendes Ergebnis der Weltklimakonferenz COP 31,
die im November in der türkischen Stadt Antalya stattfinden wird, fest: Es
ist ein riesiger Parkplatz, der in einem Naturschutzgebiet eigens für die
rund 80.000 bis 100.000 Teilnehmer der COP angelegt wurde.
Der [1][offizielle UN-Klimagipfel] wird auf dem Expo genannten
Ausstellungsgelände östlich der Mittelmeermetropole stattfinden. Die
meisten Delegationen werden wohl in den Luxushotels im nahe gelegenen Belek
einquartiert werden, wo normalerweise reiche Golf-Liebhaber nächtigen. Für
sie gibt es mehrere große Golfplätze in der näheren Umgebung.
Weniger Begüterte werden sich dagegen in der Stadt Antalya versammeln, beim
„Gipfeltreffen der Völker für das Klima“, auf Türkisch „Halkların İklim
Zirvesi“. Das ist der Name, unter dem die Zivilgesellschaft zu einer
fünftägigen Alternativveranstaltung zur COP zusammenkommen will. Der Event
versteht sich nicht als Gegengipfel, sondern mehr als Ergänzung zur
offiziellen Veranstaltung.
Zumindest sagen die verantwortlichen Organisatoren des Alternativgipfels
das so. Einer von ihnen ist Kıvanç Eliaçık, ein Gewerkschafter, der seit
Monaten im Vorbereitungskomitee mitmischt. Angestoßen haben den
[2][Alternativgipfel] Vertreter türkischer Umweltorganisationen, die
bereits im Vorjahr beim [3][Alternativprogramm der COP 30 in Brasilien]
mitgemischt hatten. „Das müssen wir in der Türkei auch machen“, war die
einhellige Meinung vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen. Viele
Umwelt– oder Frauengruppen sowie Gewerkschaften und kleinere linke Parteien
stimmten zu.
## Unterstützer des Alternativgipfels bekommen Probleme
„Doch das war einfacher gesagt als getan“, meinte Kıvanç Eliaçık. Der große
Unterschied zu Brasilien ist: Die dortige linksgerichtete Regierung von
Luiz Inácio „Lula“ da Silva hat den brasilianischen Alternativgipfel
unterstützt – politisch, aber vor allem auch finanziell. „Unsere Regierung
will die Zivilgesellschaft klein halten und wird keinesfalls auch noch
finanzielle Unterstützung gewähren“, sagt Eliaçık.
Im Gegenteil: Kommunen, die den Alternativgipfel unterstützen, müssen mit
schweren Sanktionen rechnen. „Als die Vorbereitungen für unsere Treffen
begannen, sagte der damalige Bürgermeister von Antalya uns Unterstützung
zu. Kurz darauf wurde er verhaftet“, so Eliaçık. Natürlich nicht nur wegen
seiner Sympathie für den zivilgesellschaftlichen Alternativgipfel, sondern
vor allem im Rahmen der Repression gegen die Bürgermeister der
Oppositionellen CHP. „Doch“, meint Eliaçık, „seine Haltung zur COP dürfte
auch eine Rolle gespielt haben.“
Nach langem Suchen haben die Organisatoren für die Alternativ-COP jetzt ein
Kulturzentrum in einem Stadtteil von Antalya mieten können. Aus Angst vor
der Regierung wollte es ihnen der Bezirksbürgermeister aber nicht umsonst
zur Verfügung stellen. Wie gesagt, der offizielle Gipfel ist kilometerweit
von Antalya entfernt und niemand dort, der sich nicht aktiv an dem
Alternativgipfel beteiligen will, wird von den Veranstaltungen der
Zivilgesellschaft überhaupt etwas mitbekommen.
Demonstrationen in der Nähe des offiziellen Veranstaltungsortes sind zudem
selbstverständlich verboten. Stattdessen soll zum Auftakt des
Alternativgipfels im Zentrum von Antalya eine Demonstration stattfinden.
Der Umzug wurde angemeldet, ob er auch stattfinden kann „wird man sehen“,
meint Eliaçık. „Unser Land ist sehr autoritär geworden. Als 2004 das erste
Mal unter der Regierung von Recep Tayyip Erdoğan ein Nato-Gipfel in
Istanbul stattfand, durfte noch überall in der Stadt demonstriert werden.
Jetzt, beim Nato-Gipfel 2026 in Ankara, war es schon eine Woche vor
Gipfelbeginn verboten, auch nur ein Flugblatt in der Stadt zu verteilen“.
## 5.000 TeilnehmerInnen werden erwartet
Dennoch will sich niemand entmutigen lassen. Die Veranstalter haben ein
umfangreiches Programm auf die Beine gestellt. Die Hauptdebatten sollen
sich um vier Themen drehen: die Rechte der Natur, Ausstieg aus fossilen
Energien, ökologische Nahrungsmittelproduktion und Antimilitarismus,
Frieden und Demokratie. Daneben finden massenweise kleinere Workshops
statt, bei denen beispielsweise mit Umweltschützern aus Irak über die
Nutzung der Flüsse Euphrat und Tigris diskutiert werden soll. Oder mit
Gewerkschaftern aus Bahrein über eine neue Energiepolitik.
Insgesamt erwarten die Veranstalter rund 5.000 TeilnehmerInnen, darunter
auch Prominente wie den früheren linken griechischen Ministerpräsidenten
Alexis Tsipras und dessen damaligen Finanzminister und späteren Kritiker
Yanis Varofakis. Zu einem Panel soll der linke Wirtschaftswissenschaftler
Thomas Piketty kommen. Ob die Klimaaktivistin Greta Thunberg teilnimmt, sei
noch unklar, meint Eliaçık. Sie sei „ja mittlerweile grundsätzlich gegen
solche Veranstaltungen wie die von der UN organisierten COPs.“ Kıvanç
Eliaçık freut sich am meisten über junge Leute von den bedrohten
Pazifikinseln und auf viele Gewerkschafter aus dem Globalen Süden, die
kommen wollen.
Aus Äthiopien hat sich eine besonders große Gruppe angesagt, weil die
übernächste UN-Klimakonferenz in der Hauptstadt in Addis Abeba stattfinden
soll. Daran werden auch mehrere Länder aus dem südlichen Afrika beteiligt
sein. Die COP 2027 werde„eine afrikanische COP“, meint Eliaçık.
12 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Wolf Wittenfeld
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