# taz.de -- Klimakrise in der Arktis: „Das Schmelzen beschleunigt sich“
       
       > Angelika Humbert war im Sommer auf Grönland, um die Vorgänge auf der
       > weltweit größten Eisfläche zu erforschen. Ihre Bilanz ist
       > niederschmetternd.
       
 (IMG) Bild: Der Russell-Gletscher des grönländischen Eisschildes im Juli 2026 – vor dem Gletscher ist ein Schmelzwassersee entstanden
       
       taz: Frau Humbert, für Ihre Forschung besuchen Sie [1][immer wieder
       Grönland]. Wie sah der diesjährige Sommer aus? 
       
       Angelika Humbert: Er ist sehr kalt, sehr kalt gestartet. Meine erste
       Expedition führte mich nach Nordostgrönland, und ich hatte ernsthafte
       Sorgen, dass wir überhaupt etwas messen können: Auf der Oberfläche war noch
       kein Schmelzwasser und wir wollten genau das messen.
       
       taz: Ungewöhnlich für diese Jahreszeit? 
       
       Humbert: Das kommt immer mal wieder vor, auch 2018 hatten wir einen sehr
       kühlen Sommer. Allerdings stiegen in diesem Jahr die Temperaturen dann
       plötzlich sehr stark an und damit setzte eine wirklich krasse Schmelze ein.
       Ich wollte für meine Messungen in den Südosten fliegen, aber da regnete es
       bis auf 2.000 Meter Höhe, das Wetter war so schlecht, dass wir zuerst gar
       nicht fliegen konnten. Zuletzt war ich im Nordwesten unterwegs, dort gab es
       so viel Schmelzwasser und Regen, das dort die Straße weggespült wurde –
       wobei die Straße eine Schotterpiste war.
       
       taz: Ein verrückter Sommer auf Grönland? 
       
       Humbert: Absolut! Er hat kühl angefangen, und dann folgte ein extrem
       starker, unglaublich schneller Temperaturanstieg mit einer sehr intensiven
       Schmelze.
       
       taz: Wenn das Schmelzwasser auf die Gletscher trifft: Was passiert dann? 
       
       Humbert: Schmelzwasser reduziert [2][den Albedo-Effekt], also die
       Rückstrahlfähigkeit der Gletscheroberfläche. Trockener Schnee reflektiert
       viel Sonnenlicht zurück ins All, Schmelzwasser verändert diesen, und damit
       dringt mehr Energie in den Eiskörper ein, der Gletscher schmilzt schneller.
       Das Schmelzwasser fließt vermehrt den Gletscher hinab und dringt in Spalten
       ein und Gletscher beschleunigen sich über den Sommer.
       
       taz: Grönland gilt als eines der Kippelemente im Welt-Klimasystem. Warum? 
       
       Humbert: Das Schmelzwasser verändert die Oberfläche des grönländischen
       Eisschildes, und der Eisschild wird dünner und damit liegt die Oberfläche
       in niedrigeren Höhen. Weiter unten ist es aber wärmer, was das Schmelzen
       beschleunigt – ein Rückkopplungseffekt, der zum Kippen führen kann.
       
       taz: Und Kipppunkt bedeutet: Einmal angefangen, kann das Abschmelzen nicht
       mehr aufgehalten werden? 
       
       Humbert: Genau so ist das. Der Kipppunkt sagt nicht unbedingt etwas über
       den exakten zeitlichen Ablauf aus, er markiert aber jenen Moment, an dem
       wir aus diesem Mechanismus nicht wieder herauskommen.
       
       taz: Eine Studie des Geologischen Dienstes Dänemarks und Grönlands kam im
       Jahr 2023 zu dem Schluss, dass wir den Kipppunkt überschritten haben. Ist
       das eine Einzelmeinung oder wissenschaftlicher Konsens? 
       
       Humbert: Ich würde das nicht als Stand der Forschung bezeichnen. Aus der
       heutigen Datenlage lässt sich ein Erreichen des Kipppunktes nicht eindeutig
       belegen. Es gibt aber viele Indikatoren, die zeigen, dass wir kurz davor
       sind, den Punkt zu erreichen. Wir sehen vermehrte Schmelzwassermengen an
       der Oberfläche von Grönland, die Fläche, über die Schmelzwasser abfließt,
       hat sich zwischen 1985 und 2020 um 29 Prozent erhöht.
       
       taz: Das bedeutet aber auch: Noch schmilzt es nicht überall auf Grönland? 
       
       Humbert: Nein, es gibt im Inland immer noch eine sehr große Fläche, die im
       Sommer ein Trockenschneegebiet ist. Aber diese Fläche wird kleiner. Und das
       verwundert auch nicht. Rund um Grönland gibt es nicht nur jede Menge
       Messstationen, sondern auch mehrere bemannte Wetterobservatorien. Mitte der
       1990er wurde dort ein Sprung der mittleren Jahrestemperatur um 1 Grad
       Celsius registriert. Und es gibt diese Kopplung: Höhere Temperatur bedeutet
       mehr Schmelzwasser.
       
       taz: Immer wieder versuchen Forschungsprojekte, die Menge von Schmelzwasser
       genau zu beziffern. Eine [3][Studie] kam beispielsweise zu dem Schluss:
       Seit den 1980er Jahren hat Grönland rund fünf Billionen Tonnen Eis
       verloren; etwa die Hälfte davon seit 2010. Wie misst man denn so was? 
       
       Humbert: Es gibt kein direktes Messen des Schmelzwasservolumens. Was es
       gibt, ist eine Messung der Veränderung des Volumens des Eisschildes. Die
       wird mittels Satelliten durchgeführt: Aus dem Orbit werden Pulse
       ausgesendet, gemessen wird die Zeit, wie lange der Puls braucht, um zurück
       zum Satelliten zu kommen. Und der Satellit fliegt immer wieder über die
       gleichen Gebiete mit einer gewissen Wiederholfrequenz. Seit den 2000er
       Jahren gibt es kontinuierliche Satellitenmissionen, die ganz Grönland
       abdecken: Man misst, wie die Höhe abnimmt, also welches Gletschervolumen
       verloren geht, und berechnet daraus das Gewicht.
       
       taz: Wie viel ist es denn? 
       
       Humbert: Das wären 169 Milliarden Tonnen pro Jahr zwischen 1992 und 2020
       mit großen Unterschieden zwischen den Jahren, wie beispielsweise nur 86
       Milliarden Tonnen in 2017 und 444 Milliarden Tonnen in 2019. Diese
       Unterschiede kommen durch große Unterschiede im Schmelzen an der Oberfläche
       zwischen kalten und warmen Jahren. Heute ist der jährliche Massenverlust in
       Grönland fünfmal höher als in den 1990er Jahren.
       
       taz: [4][Eine weitere Studie] kam Anfang des Jahres zu dem Ergebnis, dass
       die eisfreien Flächen Grönlands in den vergangenen zehn Jahren 23
       Zentimeter in die Höhe gewachsen sind. Wie kommt das?
       
       Humbert: Der Vorgang nennt sich glazial-isostatische Ausgleichsbewegung:
       Auf dem Untergrund der Insel lasten Billionen Tonnen von Eis, was die
       Erdkruste über Jahrtausende nach unten gedrückt hat. Durch den Eisverlust
       verringert sich diese Last, das Land federt langsam wieder zurück. Die
       Landschaft am Rande der Insel sieht ja so ein bisschen wie die
       Fjord-Landschaft in Norwegen aus. Wissenschaftler haben dort auf den
       eisfreien Punkten – vereinfacht gesagt – GPS-Stationen angebracht. Und dank
       dieser Stationen wissen wir, wie sich der Fels hebt.
       
       taz: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist der „Zachariæ Isstrøm“, ein
       Gletscher im Nordosten Grönlands, der eine Fläche dreimal so groß wie
       Brandenburg entwässert. Wie sieht es dort aus? 
       
       Humbert: In diesem Sommer konnte ich mich nur wenig mit dem Zachariæ
       Isstrøm befassen. Was wir aber sehen, ist, dass sich der Gletscher immer
       weiter zurückzieht und sich riesige Schmelzwasserseen in immer höheren
       Lagen bilden. Da gibt es jetzt einen auf ungefähr 1.200 Meter Höhe, der 21
       Quadratkilometer groß ist. Um ein Bild zu bekommen: Das ist fast halb so
       groß wie der Ammersee. Diese Seen drainieren.
       
       taz: Sie leiten Wasser durch den Eiskörper ins Meer ab? 
       
       Humbert: Exakt. Durch gigantische Risse und Spalten, durch die das Wasser
       die Basis der Gletscher findet, wo es ein hydrologisches System gibt. Wir
       haben 2018, dann nochmals in den Jahren 2021 und 2024 gemessen, wie groß
       diese Kanäle an der Basis sind. Manche dieser Kanäle sind nicht 1 Meter
       oder 2 Meter groß, sondern mehrere hundert Meter. Wir vermuten, dass diese
       Drainagen der großen Seen dafür verantwortlich sind, dass 30 bis 50
       Kilometer weiter hangabwärts der Gletscher von unten hunderte Meter hohe
       Kanäle ins Eis entstanden sind. Wir, aber auch andere Forscherteams, haben
       eine solche Veränderung in so kurzer Zeit noch nirgendwo gesehen.
       
       taz: Sie beobachten diese Dramatik vor Ort nicht nur, Sie vermessen sie
       auch. Wie gehen Sie eigentlich damit um, wenn Sie dann nach Hause kommen
       und eine Politik vorfinden, die sich für den Klimawandel nicht interessiert
       und die falschen Gesetze erlässt? 
       
       Humbert: Mein persönlicher Umgang mit der Dramatik auf Grönland ist,
       Grundlagen zu schaffen, auf denen Entscheidungsträger handeln könnten: Ich
       versuche, so häufig und so gut wie möglich zu erklären, was mit dem
       Grönländischen Eispanzer passiert. Wenn ich mich mit Fachleuten aus den
       Ministerien unterhalte, habe ich schon den Eindruck, dass die alle richtig
       Ahnung haben. Freilich ist das, was dann rauskommt, oft dem Problem nicht
       angemessen: Wir müssen unsere Emissionen reduzieren.
       
       1 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Groenland/!t5017784
 (DIR) [2] /Eisschmelze-in-Arktis-und-Antarktis/!6035366
 (DIR) [3] https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1904242116
 (DIR) [4] https://www.nature.com/articles/s41467-025-68182-6
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nick Reimer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Grönland
 (DIR) Gletscher
 (DIR) Eisschmelze
 (DIR) Klimaforschung
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Abkommen mit den USA: Grönland gibt grünes Licht
       
       Das grönländische Parlament hat für das Sicherheitsabkommen mit den USA
       gestimmt. Wenn Dänemark zustimmt, kann die Vereinbarung in Kraft treten.
       
 (DIR) Superreiche und die Klimakrise: Ein Jahr CO₂-Emissionen pro Flug
       
       Superreiche verursachen enorm viele klimaschädliche Emissionen, warnt
       Oxfam. Vor allem mit ihren Privatjets und Investitionen heizen sie das
       Klima an.
       
 (DIR) Wetterphänomen El Niño: El Niño lässt Argentiniens Flüsse über die Ufer treten
       
       Die Weltwetterorganisation und die Vereinten Nationen warnen eindringlich
       vor den Folgen des Wetterphänomens. Oxfam fordert mehr Geld, um sie
       abzufedern.
       
 (DIR) Klimawandel: Seit 1979 sind 11 Billionen Tonnen Eis weg
       
       Wenn das Eis in Grönland und der Antarktis schwindet, hat das gravierende
       Auswirkungen auf den Meeresspiegel. Fachleute legen nun ein umfassendes
       Bild vor.