# taz.de -- Quinn Slobodian über Trump und Big Tech: „Wir müssen herausfinden, was wir stattdessen wollen“
> Die US-Tech-Giganten sind mit dem MAGA-Staat verschmolzen. Doch diese
> Entwicklung könnte sich bald wieder umkehren, sagt der Wissenschaftler
> Quinn Slobodian.
(IMG) Bild: Elon Musk und Donald Trump während einer Pressekonferenz im September in Washington
taz: Herr Slobodian, Elon Musk hat den republikanischen Wahlkampf für die
Midterms [1][mit mehr als 400 Millionen Dollar unterstützt]. Was verspricht
er sich davon?
Quinn Slobodian: Ungünstige Gesetze und Vorschriften können das
Geschäftsmodell von SpaceX erheblich beeinträchtigen. Das gilt
beispielsweise für Genehmigungen von Raketenstarts, für die Erlaubnis,
weitere Satelliten in niedrigeren Erdumlaufbahnen zu platzieren, für die
Vergabe von Frequenzlizenzen oder für Musks Mobilfunkpläne. Darüber hinaus
vertritt er immer wieder die Überzeugung, die Demokratische Partei sei von
woken Sozialisten übernommen worden, die den Fortschritt der Zivilisation
aufhalten würden – so, wie Musk diesen Fortschritt versteht.
taz: Welche dieser beiden Erklärungen trifft seine tatsächlichen Motive
besser?
Slobodian: Man kann das nicht voneinander trennen. Musk ist kein
Intellektueller, sondern ein Kapitalist. Seine geschäftlichen Interessen
sind zugleich seine geistigen. Ich glaube nicht, dass Musk lügt, wenn er
seine Sorgen über das sogenannte „Woke-Mind-Virus“ äußert. Aber das liegt
daran, dass er in dieser Art von Politik seine wirtschaftlichen Interessen
gefährdet sieht.
taz: Wäre denn das Gesamtsystem des Muskismus, das Sie auch als
„Symbiotischen Staat“ bezeichnen, gefährdet, wenn die Demokraten bei den
Zwischenwahlen den Senat oder das Repräsentantenhaus zurückerobern?
Slobodian: SpaceX und Tesla gehören zu den zehn größten Unternehmen am
US-Aktienmarkt. Die Gesundheit dieses Marktes hängt davon ab, dass
Investoren Unternehmen wie die von Musk als vertrauenswürdige Anlageziele
betrachten. Wenn die Demokraten gegen Musk vorgehen wollen – und es sieht
so aus, als wollten sie das –, müssten sie deshalb sehr gezielt vorgehen
und anderen Unternehmen glaubhaft versichern, dass sie nicht als Nächstes
an der Reihe sind.
taz: Aber dann wäre das System, das Sie als Muskismus bezeichnen, doch
nicht verändert?
Slobodian: Das stimmt. Ich verwende den Begriff Muskismus so, wie andere
den Begriff Fordismus verwendet haben. Es geht um ein System der
Gewinnerzielung und um die gesellschaftlichen Strukturen, die Zustimmung zu
diesem System herstellen. Die Konzentration wirtschaftlicher Macht ist
nicht auf Musk beschränkt. Viele der grundlegenden Dynamiken, die die
Tech-Branche 2024 in die Arme von MAGA getrieben haben, bestehen weiterhin.
Und ich habe bislang keine überzeugende Erklärung von demokratischen
Politikern gehört, wie sie erreichen wollen, was ihnen schon damals nicht
gelungen ist.
taz: Sie glauben also, dass das der symbiotische Staat – diese enge
Verbindung zwischen Staat und Tech-Unternehmen – auf absehbare Zeit
bestehen bleiben wird?
Slobodian: So weit würde ich nicht gehen. Der Begriff beschreibt den
gegenwärtigen Zustand. Unter der Trump-Regierung wird diese Verbindung
vertieft und beschleunigt. Aber es gibt durchaus Möglichkeiten, die
US-Wirtschaft relativ schnell wieder breiter aufzustellen. Die
Technologiebranche ist schließlich nicht die einzige Stärke der USA. Eine
vernünftige demokratische Regierung würde versuchen, Investitionen wieder
stärker in andere Bereiche zu lenken: in erneuerbare Energien, aber auch in
traditionelle amerikanische Stärken wie Forschung und Entwicklung.
taz: Sie haben den wachsenden Unmut in der Bevölkerung erwähnt. Glauben
Sie, dass die Bevölkerung inzwischen verstanden hat, wie dieses System der
symbiotischen Verbindung von Staat und Technologieunternehmen funktioniert
und welche Macht die großen Tech-Konzerne besitzen?
Slobodian: Ich denke schon. Als die Branche sich Ende 2022 mit der
Einführung von ChatGPT auf das neue Wachstumsversprechen der generativen KI
konzentrierte, änderte sich praktisch alles. Die Unternehmen konnten sich
nicht mehr einfach auf Distanz zur Bundesregierung halten, so wie sie sich
das in der Ära von Web 2.0 – der Ära der Plattformen – vorgestellt hatten.
taz: Wegen des enormen Bedarfes an [2][Datenzentren].
Slobodian: Genau. Für die neue Entwicklung brauchen sie große Flächen,
enorme Wassermengen, günstige Energie und die Beseitigung regulatorischer
Hindernisse. In manchen Schätzungen ist von Investitionen in Höhe von bis
zu 10 Billionen Dollar innerhalb des nächsten Jahrzehnts die Rede. So ein
historisch beispielloses Vorhaben lässt sich nicht umsetzen, ohne dass die
Bevölkerung darauf aufmerksam wird. Menschen aus unterschiedlichen
politischen Lagern fragen sich: Was zum Teufel passiert hier eigentlich?
Und was soll für mich dabei herausspringen? Die Unternehmen haben keine
überzeugende Antwort darauf.
taz: Die Ausbreitung der Rechenzentren hat die Macht dieser symbiotischen
Verbindung von Staat und Wirtschaft für die Menschen konkret erfahrbar
gemacht, deshalb richtet sich ihr Ärger gegen das gesamte System?
Slobodian: Bislang richtet sich der Ärger der Menschen vor allem gegen die
gewählten Politiker, weil sie den Ausbau zulassen.
taz: Sie sprechen in Ihrem Buch von den drei Rs, die dazu beitragen
könnten, das System zu verändern – Regulation, Replacement (Ersetzung) und
Reimagination. Das Wichtigste davon sei die „Reimagination“, also die
Fähigkeit, sich etwas grundlegend Neues vorzustellen. Wie könnte man das
gegenwärtige System neu denken?
Slobodian: Nehmen wir künstliche Intelligenz. Es werden gewaltige Summen in
der Hoffnung ausgegeben, [3][Arbeitskräfte einzusparen], was für
diejenigen, die über die entsprechenden Werkzeuge verfügen, äußerst
profitabel ist. Aber man kann sich – und solche Anwendungen existieren
bereits – wesentlich bescheidenere Formen derselben Technologie vorstellen,
die für gesellschaftlich produktive Zwecke eingesetzt werden.
taz: Zum Beispiel?
Slobodian: Ein Beispiel ist die Forschung, die mit dem [4][Nobelpreis für
Chemie] ausgezeichnet wurde. Da wurde ein Modell entwickelt, das die
unterschiedlichen Formen vorhersagen kann, die Proteine annehmen können.
Das könnte wissenschaftliche Durchbrüche und die Entwicklung neuer
Behandlungsmethoden für Krankheiten ermöglichen.
taz: Es ginge also darum, die Technologie für gemeinnützige Dinge und
echten Fortschritt einzusetzen.
Slobodian: Ich halte es für gefährlich, wenn sich um technologische
Neuerungen ein grundsätzliches Stigma als Arbeitsplatzkiller entwickelt.
Disruptive Technologien erfordern eine neue gesellschaftliche Verständigung
darüber, wie ihre Folgen verteilt und ausgeglichen werden. Es braucht neue
Kompromisse, die auch die betroffenen Bevölkerungsgruppen berücksichtigen.
Man muss den Menschen das Gefühl geben, dass sie an diesem Prozess
beteiligt sind und ihn mitgestalten können.
taz: Das größte Problem am Muskismus ist also, dass die großen
gesellschaftlichen Umwandlungen undemokratisch vorangetrieben werden?
Slobodian: Ja, das ist der Kern des Problems. Die Menschen müssen selbst
entscheiden können, was in ihrem Leben wichtig ist und was nicht.
taz: In gewisser Weise geht es also darum, in diesem neuen technologischen
Umfeld ein weniger zynisches, stärker am Menschen orientiertes Leben zu
ermöglichen?
Slobodian: Die Entwicklung zwingt uns dazu, grundlegende Kategorien unseres
gesellschaftlichen Lebens neu zu hinterfragen. Oberflächlich betrachtet ist
zum Beispiel die Vorstellung, dass wir Arbeit verteidigen sollten, ein
wenig merkwürdig. Warum sollten wir uns eigentlich nicht darüber freuen,
von Arbeit befreit zu werden? Aber das wäre für eine linke Zukunftsvision
natürlich zu kurz gedacht. Es geht auch um die Würde der Arbeit. Insofern
könnte eine neue Vorstellung von Gesellschaft tatsächlich darin bestehen,
die Bedeutung von Arbeit neu zu denken. Für solche Überlegungen sollten wir
offen sein.
taz: Bislang gibt es solche Debatten aber kaum. Es gibt nur ein Anti-Gefühl
gegen die Symbiose des Staates und der Technologiebranche.
Slobodian: Diese Verweigerung ist eine Chance. Sie ist nicht das Ende eines
politischen Prozesses, sondern dessen Anfang. Bewegungen können entstehen,
weil Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einen gemeinsamen Gegner
erkennen und sich zunächst schlicht weigern, dessen Vorstellungen zu
akzeptieren. Die eigentliche Arbeit beginnt aber danach. Die Rechenzentren
haben gezeigt, was viele Menschen ablehnen. Nun müssen wir herausfinden,
was wir stattdessen wollen.
30 Oct 2026
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