# taz.de -- Rohstoffabau in Armenien: Noch schnell eine Goldmine eröffnet
       
       > Armeniens Regierung hat kurz vor der UN-Naturkonferenz eine umstrittene
       > Goldmine in Betrieb genommen. Kritiker:innen hoffen auf
       > internationale Aufmerksamkeit.
       
 (IMG) Bild: Protest gegen die Goldmine vor der „Blue Zone“ der COP17 in Jerewan
       
       Zuerst fährt ein Auto mit argentinischer Flagge vor, danach eines mit
       kanadischer. Menschen in Anzügen kommen aus einem Ausstellungszentrum, sie
       warten auf die grünen Busse, die sie zurück in die Innenstadt von Jerewan
       bringen sollen. Sechs Frauen erscheinen. Sie sind ruhig, sie lächeln und
       heben Schilder hoch: „Stop Mining Amulsar“ steht auf einem. Oder: „Stop
       poisoning our water“.
       
       Die Frauen protestieren gegen den Bau einer Goldmine in Armenien, direkt
       vor dem Sport- und Konzertkomplex, [1][in dem die UN-Weltnaturkonferenz
       tagt.] Die Demonstration bleibt friedlich, ein Konferenzbesucher aus
       Spanien kommt zu ihnen und will mehr wissen. Die Polizei beobachtet die
       Frauen aus der Ferne. Anders als zwei Tage zuvor schreitet sie nicht ein.
       
       Die Amulsar-Goldmine im Südosten des Landes wird in Armenien seit Jahren
       kontrovers diskutiert. Die Bauarbeiten begannen 2016 in der Region Jermuk,
       einem Kurort. [2][Aktivst:innen hatten die Eröffnung schon mehrfach
       gestoppt, zuletzt 2018.] Doch die Blockade der Umweltaktivist:innen
       endete mit dem zweiten Bergkarabach-Krieg 2020, sagt Nazeli Vardanyan von
       der NGO „Armenian Forests“. Die Umweltjuristin Vardanyan kommt aus Jermuk,
       wo die Goldmine gebaut werden soll, und sagt: „Wir hatten starke Kämpfer,
       die in den Bergen vor der Mine übernachtet haben.“ Doch 2020 mussten die
       Männer in den Krieg gegen Aserbaidschan ziehen, die meisten kamen nicht
       zurück, so Vardanyan.
       
       Vardanyan engagiert sich seit 2006 gegen den Bau der Goldmine. Da begannen
       die ersten Grabungen 13 Kilometer außerhalb des Kurorts. Gegner:innen
       der Mine befürchten eine starke Belastung der Umwelt: vor allem durch die
       Wasserableitungen, die bei der Wäsche des Golds entstehen würden. Vardanyan
       sagt, dass dieses Wasser in Flüsse abgeleitet werden und dadurch in den
       Sewansee gelangen würde, den größten Süßwassersee des Kaukasus, mehr als
       doppelt so groß wie der Bodensee.
       
       ## Unternehmen geht mit Slapp-Klagen gegen Kritiker vor
       
       Nazeli Vardanyan bezweifelt, dass die Mine in Jermuk überhaupt genug Gold
       bietet. Untersuchungen lieferten keine eindeutigen Ergebnisse. Sie
       befürchtet, dass das Unternehmen Lydian Armenia, dass für die Goldmine
       zuständig ist, eigentlich andere Ressourcen gewinnen, will, etwa Uran. Das
       Unternehmen, dessen Muttergesellschaft Lydian im britischen Steuerparadies
       Jersey registriert ist, antwortet nicht auf Anfragen.
       
       Der Wirtschaftsprofessor und Bergbauexperte Suren Parsyan glaubt, dass die
       armenische Wirtschaft von der Goldmine in Amulsar profitieren könne. Er
       geht von jährlichen Umsätzen von 930 Millionen US-Dollar aus, damit würde
       sie das BIP Armeniens um etwa 1,5 Prozent steigern. Zudem würden 900
       direkte Arbeitsplätze und etwa 3.600 indirekte Arbeitsplätze geschaffen, so
       Parsyan. Er argumentiert, der Goldpreis sei global stabil, wirtschaftlich
       gebe es also Potenzial. Ob das Unternehmen ökologische Standards befolgen
       wird, könne Parsyan nicht einschätzen.
       
       Anfang Oktober, nur wenige Tage vor dem Start der Naturkonferenz, eröffnete
       der armenische Premierminister Nikol Paschinjan die Mine überraschend. Seit
       2025 hält die armenische Regierung einen Anteil von 12,5 Prozent an Lydian
       Armenia. Zuvor hatte sie Finanzierungspakete mit Banken möglich gemacht,
       damit das Unternehmen die Arbeiten an der Mine fortsetzen kann, wie
       armenische Medien berichteten.
       
       Die Aktivistin und Anwältin Nazeli Vardanyan sagt, dass mehrere
       Politiker:innen, die in der Vergangenheit öffentlich gegen die Goldmine
       waren, mittlerweile ihre Meinung geändert hätten. Eine angefragte
       Politikerin reagierte nicht auf die Mail. Der Menschenrechtsaktivist Oleg
       Dugaryan, ebenfalls ein Gegner der Goldmine, beschäftigt sich mit
       Slapp-Klagen. Diese Gerichtsverfahren gegen Aktivist:innen führen zu
       hohen Kosten und sollen deren Kritik stoppen.
       
       Das armenische Unternehmen Lydian Armenia soll mehrfach in solcher Weise
       gegen Aktivist:innen geklagt haben. Dugaryan geht mit seiner NGO gerade
       gerichtlich gegen die armenische Regierung vor. Und alle, die gegen den
       weiteren Ausbau der Amulsar-Goldmine kämpfen, hoffen auf internationale
       Aufmerksamkeit durch den Weltnaturgipfel.
       
       29 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Naturschutzgipfel-in-Jerewan/!6224656
 (DIR) [2] /Proteste-in-Armenien/!5617590
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Flörchinger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Rohstoffe
 (DIR) Gold
 (DIR) Armenien
 (DIR) Naturschutz
 (DIR) Wasser
 (DIR) Vereinte Nationen
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Weltnaturschutzkonferenz in Jerewan: Geld für Zerstörung oder Geld für Natur
       
       Renaturierung braucht Geld, doch das fließt weiter in umweltschädliche
       Subventionen, zeigt ein UN-Bericht. Kleine Lichtblicke gibt’s dennoch.
       
 (DIR) Naturschutzgipfel in Jerewan: Nach dem Tunnel eine andere Welt
       
       In Armenien entsteht das erste Biosphärenreservat des Landes. In der
       Hauptstadt treten die Verhandlungen der Naturschutzkonferenz in die heiße
       Phase.
       
 (DIR) UN-Naturschutzchefin über Ziele: „Die Natur wartet nicht“
       
       Am Montag beginnt die Weltnaturkonferenz in Armenien. Die Ziele müssen
       schneller umgesetzt werden, sagt die UN-Verantwortliche Astrid Schomaker.
       
 (DIR) Wahl in Armenien: 42 Kilometer Fragezeichen
       
       In Armenien soll ein Transitkorridor gebaut werden, um das verfeindete
       Aserbaidschan mit der Exklave Nachitschewan zu verbinden. Sorgt das für
       Frieden?