# taz.de -- Fortschritt im Alltag: Zu schwer, zu smart und leicht zu vergessen
> Beide nerven gleichermaßen: Fahrradschlösser und Passwörter. Beim
> Wettrennen darum, was zuerst obsolet wird, steht es Kopf an Kopf.
(IMG) Bild: Ein E-Bike wird per digitalem Schlüssel verriegelt
Fahrradschlösser sind die Passwörter der analogen Welt. Man nutzt sie
mangels besserer Alternativen eher gezwungenermaßen als mit Begeisterung,
die richtig guten sind eigentlich viel zu schwer – und dementsprechend
häufig werden sie vergessen. Wenn das passiert und man das Rad trotzdem nur
mal kurz vor dem Bäcker stehen lässt, ist es weg. Genauso wie der Zugang
zum Social-Media-, E-Mail- oder Bankkonto ohne Passwort.
Was Passwörter angeht, verspricht die Tech-Industrie schon seit Jahren, sie
überflüssig zu machen. Wahlweise durch biometrische Daten wie
Fingerabdruck, Iris-Scan oder – ganz fancy – das Herzschlagmuster. Oder
durch Geräte, die USB-Sticks nicht unähnlich sind und Einmalpasswörter
generieren sollen. Durchgesetzt hat sich beides bislang nicht, aus guten
wie aus weniger guten Gründen. Stattdessen gibt es Passwortgeneratoren,
Passwortmanager – und [1][wenn man Berliner Verwaltung ist] und zeigen
will, wie man es vielleicht besser nicht machen sollte, eben eine Datei
namens Passwort.docx.
Auch die Fahrradindustrie versucht seit Jahren, eine Alternative zu
kiloschweren Metallungetümen zu finden. Durch dezente Schlösser
beispielsweise, die sich per App entsperren lassen, und durch eingebaute
Tracker. Bei E-Bikes hat beides eine gewisse Verbreitung. Aber wer ohne
Motor fährt, bleibt meist doch beim Metallmonstrum, und wer das E-Bike
nicht gerade verlässlich in einem abschließbaren Keller parken kann, in der
Regel auch.
Das Sortiment der Schlösser hat sich dafür bis zum Maximum differenziert:
Bügel-, Ketten-, Kabel- oder Spiralschloss, Panzer-, Falt- oder
Rahmenschloss? Klein, mittel, groß, welches Gewicht darf es sein und wo am
Rad ist Platz für eine Halterung? Und wer sich endlich entschieden hat,
darf bloß nicht den Fehler machen, nur mal kurz bei der Stiftung Warentest
nachzuschauen, wie der Favorit bei der Schadstoffanalyse abgeschnitten hat.
Sonst kann es ganz schnell wieder auf „Los“ gehen.
## Das Schloss ohne Schloss
Ein Fahrradhersteller will es nun aber wirklich geschafft haben. Sein
E-Bike hat eine Dreifach-Diebstahl-Hinderung, ganz ohne Schloss:
Bewegungsmelder plus Alarmanlage mit Jaulton und menschlicher Stimme plus
blockierbare Vorderradnabe sollen ein Wegschieben oder -tragen verhindern.
Und wenn doch, macht das festgestellte Vorderrad das Fahrrad unfahrbar.
Klingt als Prinzip irgendwie vertraut, wenn auch ohne Stimme? Genau, die
elektronische Wegfahrsperre bei Autos lässt grüßen. Die ist da übrigens
seit 30 Jahren Standard.
Der Haken ist natürlich, dass dieses Sicherheitssystem auf Elektronik
beruht, also Strom braucht. Vielleicht entwickelt ja noch jemand einen
Akku, der sich beim Treten langsam auflädt und dessen Kapazität dann für
das elektronische Schloss genutzt werden kann, sodass sich auch
Nicht-E-Bikes damit schützen lassen. Voraussetzung wäre dann vermutlich,
dass man spätestens alle paar Tage ein paar Aufladerunden fährt. Was sicher
gut wäre für die Fitness, aber wahrscheinlich nicht so gut für die breite
Akzeptanz bei den Radfahrer:innen. Vielleicht gibt es doch noch schneller
eine Alternative zum guten, alten Passwort.
30 Oct 2026
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