# taz.de -- Eritrea im Konflikt mit Äthiopien: „Die eritreische Opposition ist tief gespalten“
> Eritrea und Äthiopien stehen sich wieder als Kriegsgegner gegenüber.
> Exiljournalist Zekarias Kebraeb über die Folgen für die eritreische
> Gesellschaft.
(IMG) Bild: Militärparade in Asmara, Eritrea, im Mai 2023
taz: Herr Kebraeb, im Oktober sind eritreische Truppen in das Nachbarland
Äthiopien eingezogen, um die Rebellen in der dortigen Provinz Tigray gegen
die äthiopische Zentralregierung zu unterstützen. Sie beobachten diesen
Konflikt von Deutschland aus. Was wissen Sie darüber?
Zekarias Kebraeb: Der Konflikt begann im September als [1][ein neuer
äthiopischer Bürgerkrieg]. Die Tigray-Milizen flüchteten vor der
militärischen Übermacht der Zentralregierung dicht an und über die
eritreische Grenze. Äthiopien [2][schloss daraufhin am 1. Oktober die
eritreische Botschaft] und wies Diplomaten aus. Eritrea reagierte mit dem
gleichen Schritt. Bilder internationaler Medien [3][zeigten eritreische
Truppen] auf Mannschaftswagen in der äthiopischen Provinz Tigray. Äthiopien
bekämpfte sie mit Drohnen. Da das eritreische Militär nur für den
Bodenkampf ausgebildet ist, zog es sich schnell hinter die Landesgrenze
zurück.
taz: Was wissen Sie über Tote und Verletzte unter eritreischen Soldaten,
die ja wie Sklaven in den Krieg gezwungen wurden?
Kebraeb: Leider nichts. Da Eritrea offiziell bestreitet, in Äthiopien
überhaupt militärisch aktiv gewesen zu sein, spricht die Regierung
natürlich nicht darüber.
taz: Im [4][Krieg von 2020 bis 2022] hatte Eritrea noch Äthiopiens
Zentralregierung gegen die aufständische TPLF in Tigray unterstützt. Wie
kommt es, dass Eritrea nun die Seiten gewechselt hat?
Kebraeb: Eritrea wollte die Tigray-Milizen militärisch besiegen, aber
Äthiopien hat 2022 Frieden mit ihnen geschlossen. Darüber war Eritrea
verärgert, die Beziehungen zwischen beiden Staaten verschlechterten sich.
2023 hat der äthiopische Premier im Parlament einen Zugang seines Landes
zum Meer gefordert und damit die Unabhängigkeit Eritreas, das zwischen
Äthiopien und dem Roten Meer liegt, infrage gestellt. Das führte dazu, dass
sich Eritrea mit den Gegnern der äthiopischen Regierung verbündete.
taz: Die Regierung in Eritrea behauptet, äthiopisches Militär sei in
Eritrea einmarschiert. Haben Sie Informationen, ob das stimmt?
Kebraeb: Äthiopien hat im Oktober einige kleine Grenzorte eingenommen,
beispielsweise die lange umkämpfte Kleinstadt Badme. Die ganz große Sorge
ist, dass Äthiopien in das gesamte Land einmarschiert. Der US-Außenminister
hat bislang auf Äthiopien eingewirkt, das nicht zu tun.
taz: Würde Äthiopien Eritrea erobert, wäre Eritrea die brutale Diktatur los
– wäre das nicht zu begrüßen?
Kebraeb: Darüber ist die eritreische Opposition tief gespalten. Wenn ich
von Opposition spreche, meine ich die in der Diaspora, denn in der
Militärdiktatur Eritrea selbst wäre eine Opposition undenkbar. Einige
Oppositionelle sehen Äthiopien in der Tat als Verbündete, um die brutale
Diktatur in Eritrea zu stürzen. Andere sehen darin eine Aufgabe der
eritreischen Souveränität, was sie ablehnen.
taz: Gibt es eine Mobilmachung in Eritrea für einen neuen Krieg?
Kebraeb: Ja. Die Bevölkerung Eritreas ist teilweise lebenslang für den
Nationaldienst zwangsverpflichtet. Das kann Militärdienst heißen oder auch
Zwangsarbeit im zivilen Bereich. Meine Quellen sagen, dass etliche zivile
Zwangsarbeiter gerade ins Militär versetzt werden. Aber auch in der
Diaspora macht das Regime mobil.
taz: Was heißt das?
Kebraeb: International veranstalten regimenahe Organisationen Versammlungen
oder [5][Eritrea-Festivals]. Dort sammeln sie Geld für den Krieg. In
Deutschland gab es bisher in Wuppertal so eine Versammlung, für Mannheim
ist eine angekündigt. Die Diaspora-Eritreer sind die wichtigste
Finanzquelle des international isolierten Regimes. Auch einige
Oppositionelle beteiligen sich, sie sehen diese Versammlungen als notwendig
zur Verteidigung der eritreischen Souveränität, weil das Regime angesichts
der Kriegsgefahr an ihre nationalen Gefühle appelliert.
taz: Durch den Tigray-Konflikt und den [6][Krieg in Sudan] sind
eritreischen Flüchtlingen die Fluchtwege aus dem Land versperrt. Wohin kann
man noch vor dem Zwangsdienst und einem möglichen Krieg fliehen?
Kebraeb: Das ist schwierig. Nach Äthiopien gibt es noch Wege, aber dort ist
das Leben für Eritreer nicht mehr sicher. Viele fliehen nach Uganda. Die
Hauptstadt Kampala, in der ich schon war, erscheint wie eine eritreische
Großstadt mit vielen eritreischen Geschäften. Dort verhält sich die
Bevölkerung einzigartig solidarisch gegenüber Flüchtlingen, aber dennoch
sind viele Eritreer verzweifelt bis hin zum Selbstmord. Dann spielt die
Fluchtroute über Belarus und Polen eine Rolle. Leider gibt es dort viele
Tote. Ich musste selbst in Polen in einer Leichenhalle einen Verwandten
identifizieren, der beim Grenzübertritt erfroren war. Die Zivilgesellschaft
in Europa sollte da hinschauen.
28 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marina Mai
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(DIR) Tigray
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