# taz.de -- Lyrik von Asiye Müjgan Güvenli: Herzhafte Zweifel am Wort
> Von Naturmotivik zu türkischer Exillyrik und zurück: Neue Gedichte von
> der Dichterin und Dissidentin Asiye Müjgan Güvenli.
(IMG) Bild: Seit 1997 lebt Asiye Müjgan Güvenli im schweizerischen Winterthur
Deutsche Gedichtbände, in denen Kosmos, Wind, Wetter, Vögel, Sträucher
bedichtet werden, sind meist alles andere als unpolitisch und flankieren
ein ausnehmend restauratives Lebensgefühl. Zu den Bekannteren unter diesen
Heimatbarden zählt [1][Jörg Bernig]. Man sieht sich gern als Opfer enger
werdender Meinungskorridore, und betont ein diffus bleibendes „Eigenes“.
Ganz ohne den Rückgriff auf betuliche und nationalschmalzige
Selbstmystifikation schreibt die in Winterthur lebende [2][Dichterin Asiye
Müjgan Güvenli] unter Rückgriff auf eine ähnliche Naturmotivik: „Unkraut,
Steube, Steinhühner schlafen / Müdigkeit umarmt meinen Körper / zu müde ein
Stück vom Sternenlicht zu holen / lege mich langsam auf die harte Erde“.
Güvenlis poetisches Debüt „Vor dem Vorhang“ („Perdenin Önü“) ist 2018 noch
als zweisprachige Ausgabe in Verbindung mit dem Basler Dichter und
Philologen Wolfram Malte Fues in der Edition Hohweg erschienen.
Vorherrschend waren dort kühn ausgestellte Erinnerungsscherben, in Fues’
Nachdichtung: „Wind im Blatt/ Aschenrest. Kein Ausweg. / Flatternde Stimme
sucht / in der Stille ihr Echo“. Der aktuelle Gedichtband „vor gestern –
nach heute“ lässt die Archaik zwar nicht außen vor, zur Lyrikerin tritt
aber in merklicherem Maße der politische Mensch, der Güvenli als
PEN-Mitglied und Journalistin eben auch ist, die Lebensgeschichten von
Insassinnen türkischer Gefängnisse unter dem Titel [3][„Sind immer wie
schuldig“] (2024) herausgab.
Ihr Exil in der Schweiz, ihren Status als Dissidentin, die Repressionen in
ihrer alten Heimat wie auch die Phrasen, Heucheleien eines vermeintlich
weltoffen-liberalen Milieus in der Schweiz beschrieb die seit 1997 in
Winterthur lebende Güvenli unter dem griffigen Titel „Wie ich mich (nicht)
integrierte“, Titelzusatz: „Füchtigkeitsfehler“ in erfahrungssatten
Erzählungen.
Sie arbeitete seit ihrer Ankunft in der Schweiz an soziokulturellen
Projekten mit und zuletzt im Sozialdepartement der Stadt Zürich. Aus diesem
Zusammenhang wohl ergeben sich für die studierte Soziologin
Dringlichkeiten, die unter mittelalten Lyrikern (von Nachwuchskräften und
ihren Textwerkstättenleitern einmal ganz zu schweigen) passé sind: „um mich
zu wärmen / suche ich Verse / es gibt keine, ob / die Lyrik tot ist?“
## Auflösen in Grübelei
Aufs Angenehmste fühlt man sich an die kantige Art jüngerer Schweizer
Autoren wie Walter Fabian Schmid („Die Lost Places zucken noch“, 2025)
erinnert oder auch frühe Gedichte des (leider auch religionssoziologisch)
performativen Autors [4][Jürg Halter]. Beide formulier(t)en ihre Poetik in
Zeitschriften bzw. im Internet; Güvenli schreibt, was sie wie und wozu tut,
ohne Aufhebens gleich in ein Gedichtgedicht, das mit der Schulbuchschnulze
„Stufen“ von Hermann Hesse nur den Titel teilt: „so eine Sprache muss ich
finden / sie spricht einen Text // so einen Text muss ich schreiben / er
hat ein Bild in sich (…) so einen Raum muss ich bauen / er birgt ein Gefühl
// so ein Gefühl muss ich spüren / er befreit mich“.
Die 90 Gedichte, teils nur wenige Zeilen lang, gönnen sich herzhafte
Zweifel am Wort, lösen sich in Grübelei fast auf: „Ver-/Lust // unter
hellem Laternenlicht / sitze ich an der Ecke / ohne Scheu und Reue / ohne
sittliche Ordnung (…)“. Umso mehr Gewicht erhält „Der Prozess im Schloss“,
das dem staatlicher Repression unterworfenen [5][Philanthropen Osman
Kavala] gewidmet ist: „Warten ohne Ende / was kommt zuerst / der Tod oder
Rosenknospen / warten ohne zu klagen / ganz allein im Schloss / noch mal
Kafka lesen / nur lesend da sein (…)“.
Frivol mag es da erscheinen, dass auf diese erschütterte Ansprache „Katze
und ich“ folgt. Aber auch hier gilt: Wenn zwei, deutsches Neobiedermeier
und türkische Exillyrik, dasselbe sagen, ist die Tragweite doch sehr
unterschiedlich: Güvenlis Katze ist, anders als aus deutscher
Katzenkalenderlyrik vertraut, ein Symbol der Unregierbarkeit; „Katze und
ich“ wie auch andere ähnlich gebaute Poeme collagieren ästhetisch stupend
türkische Gewaltgeschichte; in einer Fußnote lesen wir: „Zum Gedenken an
die Keller von Cizre (2015–16). Während der Ausgangssperren wurden die
Menschen in Kellern eingeschlossen und getötet“. Im Gedicht liest man: „der
Kellergeruch / gemischt mit Schiesspulver / alles zu laut / in der Ecke /
ein paar Augen / eine Katze stillt / ihre Jungen (…) ich starre ins Leere /
sie starrt ins Leere / die Leere schluckt uns irgendwann“.
Illustrationen der Grafikerin Brigitte Boller treten den
lakonisch-schwermütigen Gedichten zur Seite. In sattem Türkis, bordeauxrot
und faulig gelb geben sich aufgerissene Erdschollen zu erkennen, manches
erinnert an eine schwärende Wunde. Asiye Müjgan Güvenlis Aktivismus mit
Stil sucht auch hier die Intensität.
Ganz zum Schluss rollt dann doch ein Kalauer durchs Buch, die Titel der
letzten Gedichte heißen: „Augenblick“, „leere Blicke“, „Übersehen“,
„Sehnsucht“, „Unsichtbarkeit“ und schließlich: „Seeluft“, darin die
ansehnlichen Zeilen: „sanft berühren mich / die Wellen / ein Strassenhund
leckt / meine nasse Hand / aus Durst? / aus Liebe?“
5 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zoff-in-Radebeul-um-Autor-Joerg-Bernig/!5689452
(DIR) [2] https://www.asiyemujganguvenli.com/
(DIR) [3] https://qantara.de/artikel/berichte-aus-t%C3%BCrkischen-frauengef%C3%A4ngnissen-der-himmel-im-quadrat
(DIR) [4] /Kampf-der-Wortschoepfer-mit-der-Materie/!827489&s=j%C3%BCrg+halter/
(DIR) [5] /Menschenrechte-in-der-Tuerkei/!6207110
## AUTOREN
(DIR) Konstantin Ames
## TAGS
(DIR) Lyrik
(DIR) Opposition in der Türkei
(DIR) Türkei
(DIR) Schweiz
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