# taz.de -- Wahl zum Weltfußballer: Einzeltitel für den Teamplayer
> Der Karriereweg von Ballon-d’Or-Gewinner Harry Kane ist so ungewöhnlich
> wie sein Auftreten. Der FC Bayern fühlt sich von der Auszeichnung
> geschmeichelt.
(IMG) Bild: Ganz oben: Harry Kane ist nach der Wahl zum Weltfußballer ergriffen
Als Harry Kane seinen Namen hörte, schlug er die Hände vors Gesicht. Der
Angreifer des FC Bayern und Kapitän der englischen Nationalmannschaft
konnte kaum fassen, dass er den Ballon d’Or gewonnen hat. Nach einem Moment
der Überwältigung und des Innehaltens betrat Kane am späten Montagabend die
Bühne des Palladium Theater in London, um den goldenen Ball und Beifall
entgegenzunehmen.
Gerührt und erkennbar aufgeregt setzte Kane danach zu einer mehr als
zehnminütigen Dankesrede an, in der er gefühlt so ziemlich jeden Menschen
bedachte, der Anteil daran hatte, dass er nun zum besten Fußballer der Welt
gekrönt wurde. Unter anderem dankte der 33-Jährige seinen aktuellen
Mitspielern und schickte seinem erkrankten Trainer Vincent Kompany Grüße.
Zugleich erwähnte er auch alle anderen Trainer, die er im Laufe seiner
Karriere gehabt hatte. Und er erinnerte daran, dass sein Weg keineswegs
geradlinig verlaufen war. Hinzudenken ließ sich: Anders als die Aufstiege
seiner Konkurrenten Kylian Mbappé, 27, von Real Madrid und Lamine Yamal,
19, vom FC Barcelona, die schon als Teenager zu Superstars geworden waren.
„Ich war nicht das Kind, für das es sofort nach oben ging“, sagte Kane.
Beim FC Arsenal war er einst mit acht Jahren aussortiert worden. Zu
pummelig, nicht athletisch genug, lautete das Urteil damals. Später musste
er sich über die dritte und zweite Liga nach oben kämpfen. Bei Tottenham
Hotspur wurde Kane zu einem außergewöhnlichen Stürmer und Torschützenkönig
der englischen Premier League, ehe er Mitte 2023 für knapp 100 Millionen
Euro zum FC Bayern wechselte, um dort endlich auch Mannschaftstitel zu
gewinnen.
Jetzt hat Kane den Ballon d’Or mit knappem Vorsprung vor Mbappé erhalten,
nach der besten Saison seiner Karriere. 73 Tore in 65 Pflichtspielen für
den FC Bayern und Englands Nationalteam hat Kane geschossen. Deutscher
Meister und Pokalsieger wurde er in der vergangenen Spielzeit, in der
Champions League erreichte er mit den Münchnern das Halbfinale. Mit England
wurde er WM-Dritter. Bei all dem tat sich Kane immer wieder als großer
Teamplayer hervor, der nicht nur vorne auf die Vorlagen der Kollegen
wartet, sondern auch selbst Bälle in der Defensive erobert, das Spiel mit
aufbaut und Pässe im Stile eines Spielmachers schlägt.
## „Beeindruckende Lebensleistung“
„Mir sind schon vor langer Zeit die Superlative ausgegangen, um deine
Leistungen zu beschreiben. Aber ich freue mich sehr zu sehen, dass du nun
auch offiziell von der Fußballwelt anerkannt wurdest“, sagte Englands
deutscher Nationaltrainer Thomas Tuchel. Die individuelle Auszeichnung sei
„der Lohn für seine insgesamt beeindruckende Lebensleistung“, befand
Bayerns Sportvorstand Max Eberl. Die italienische Zeitung La Gazzetta dello
Sport hob Kanes „unprätentiöse Art“ hervor. Er schaffe es „immer normal zu
bleiben in einer Welt voller Superstars mit Talent, aber auch enormen Egos.
Wenn es einen richtigen Zeitpunkt für Kane gab, den Ballon d’Or zu
gewinnen, dann war es dieser.“ Für die spanische Zeitung El País ist Kane
„wahrscheinlich die am meisten unterschätzte Persönlichkeit des
Weltfußballs im vergangenen Jahrzehnt“.
Als zuvor letzter Engländer hatte Michael Owen 2001 den Ballon d’Or
gewonnen. Aus der Bundesliga war es zuletzt Matthias Sammer 1996 gewesen,
der damals für Borussia Dortmund spielte. Von den Münchnern war zuletzt
Karl-Heinz Rummenigge 1981 ausgezeichnet worden. 45 Jahre danach sei es
auch „ein stolzer Tag für den FC Bayern“, sagte Präsident Herbert Hainer.
Verbunden ist mit dem Ballon d’Or für Kane die Hoffnung der Münchner, dass
die Strahlkraft der Auszeichnung die weltweite Wahrnehmung des FC Bayern
verbessert. Der Klub steht ja immer ein bisschen im Schatten von Real
Madrid, dem FC Barcelona und einiger Vereine aus der global am besten
vermarkteten Premier League. Auch Paris Saint-Germain, zuletzt zweimaliger
Gewinner der Champions League, zählt zu dieser Konkurrenz. Über den FC
Bayern heißt es in England abschätzig, er gewinne seine vielen Titel in der
Bundesliga völlig konkurrenzlos in einer Farmers League (Ausbildungsliga).
Es kam also nicht von ungefähr, dass die Münchner bei ihren Gratulationen
an Kane auch betonten, dass für einen Spieler des FC Bayern alles möglich
sei. „Der FC Bayern ist eine Bühne für Weltklasse“, sagte Eberl. Die
Münchner hoffen, dass Kanes Titel ihnen künftig erleichtert, weitere
potenzielle Ballon-d’Or-Preisträger für sich zu gewinnen. Oder auch sie zu
behalten. Wie Michael Olise, der diesmal Neunter wurde. Als beste
Fußballerin wurde die Spanierin Alexia Putellas ausgezeichnet, die im
Sommer vom FC Barcelona zu den London City Lionesses gewechselt war.
Nationalspielerin Klara Bühl vom FC Bayern musste sich mit Platz zwölf
begnügen.
27 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Maik Rosner
## TAGS
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