# taz.de -- Frust und Lust der Google Rezensionen: Das Spießer-Hobby
> Google-Bewertungen führen zu einer Quantifizierung des Alltags. Verloren
> gehen dabei echter Austausch und Erzählung. Klingt sehr deutsch? Ist es
> auch.
(IMG) Bild: Schnell noch eine Bewertung mit Sternchen fürs Hotelbett abgeben
„Wenn ich null Sterne geben könnte, würde ich es tun“, liest C. vor. Die
Google-Rezension gilt nicht etwa der Creative-Director-Hochburg La Maison
am Maybachufer oder der Victoria Bar, diesem Schöneberger Fleckchen
Prätention.
Nein, sie gilt dem Kölner Hauptbahnhof. C. muss selbst lachen während sie
fortfährt: „Schlimmster Aufenthalt meines ganzen Lebens. Ein Zug nach dem
anderen ist ausgefallen, am laufenden Band extrem unangenehmes Gequietsche,
während ich drei Stunden warten musste, um nach Düsseldorf zu kommen.“
Exzessive Google Rezensent:innen haben einen Knacks. Sie sind
Deutschland in a nutshell: humorlos, rechthaberisch und ausgestattet mit
einem grundlosen Zerstörungsdrang.
Dieses permanente Sterneverteilen führt zu einer dystopischen
Quantifizierung und Ökonomisierung des Alltags. Der Kellner war schlecht
gelaunt: ein Stern. Der Görlitzer Park dreckig: ein Stern. Der Kaffee nur
lauwarm: ein Stern.
## Falzungen akkurat!!!
Natürlich kann man auch positive Bewertungen hinterlassen, aber seien wir
mal ehrlich, wie häufig geben wir dem Druckladen fünf Sterne, weil die
„Druckqualität genau so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe (und vor
allem die Falzungen akkurat sind)!!“? (Wieder C.)
Der [1][Philosoph Byung-Chul Han] kritisiert in seinem Essay „Die Krise der
Narration“, dass in der Transparenzgesellschaft Informationen echte
Erzählungen verdrängt haben. Damit gehe Sinnstiftung und Gemeinschaft
verloren.
„Erzählen verlangt nach Muße. In einer beschleunigten Kommunikation haben
wir keine Zeit, ja, keine Geduld fürs Erzählen. Es werden nur Informationen
ausgetauscht“, schreibt der Philosoph. [2][„Die Transparenz entzaubert die
Welt, indem sie sie in Daten und Informationen auflöst.“]
Beim Sterneverteilen zählt nur das Urteil, nicht der Kontext. Vielleicht
wurde der schlechtgelaunte Kellner gerade verlassen, vielleicht der Görli
ausgerechnet am 2. Mai besucht? Nebensache. Wie so oft wird verkürzt,
zugespitzt und der Frust im Internet abgeladen, anstatt das Gespräch zu
suchen.
## Die Bedeutung der Schwarmintelligenz
Andererseits können Google-Rezensionen auch gerechtfertigt und im besten
Fall ein mikrorevolutionärer Akt sein. Wie die Bewertung meiner Freundin
I., der am Flughafen in Mexiko Kerzen abgenommen wurden, angeblich, weil
sie entzündbar seien.
Kurz zuvor hatte sie gesehen, wie das Personal die beschlagnahmte Ware
gegenüber verkaufte. „Diebstahl ist eine Sünde,“ schreibt I. in ihrer
Bewertung. „Ich hoffe, ihr habt das auf dem Schirm, Security-Personal mit
Kreuzen um die Hälse.“
So können Rezensionen auch ein Dienst an der Gesellschaft sein, durch den
Wissen geteilt und Öffentlichkeit demokratisiert wird. Wer sich an solchen
Open-Source-Projekten beteiligt, gestaltet das Zusammenleben mit. Und was
hätte ich bloß für unwiderrufliche Fehler ohne diese Scharmintelligenz
gemacht?
Womöglich wäre ich ins Moviemento gegangen, diesen „verschwitzten
überfüllten Raum mit Temu-Projektor, in dem es noch unbequemer ist als in
öffentlichen Verkehrsmitteln“.
Oder ich hätte in der Hamburger Davidwache übernachtet, dieser „sehr
dubiosen, aber kostenlosen Unterkunft“. Der Service sei „miserabel“,
kritisiert Lukas B., „die Mitarbeiter unfreundlich.“ Im schlimmsten Fall
hätte ich mich in das Wilma Shopping Center verirrt und wäre jetzt in der
Klapse, denn: „Dieser Ort löst Depressionen aus“, wie Luja schreibt.
Doch so demokratisch das Spießer-Hobby auch erscheinen mag, es gibt einen
Haken. In keinem anderen Land in Europa werden mehr Google-Bewertungen von
Unternehmen und Geschäftsinhaber:innen entfernt als hierzulande.
Mehr als 99 Prozent der im ersten Halbjahr 2026 europaweit wegen
[3][vermeintlicher „Diffamierung“ entfernten Google-Rezensionen] stammten
aus Deutschland. Vielleicht liegt die Krise der Rezension also nicht nur im
Bewerten, sondern auch im Austeilen ohne einstecken zu können.
1 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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