# taz.de -- Festival „Female-Fronted Is Not A Genre“: Es bleibt kompliziert, auch im Jahr 50 von Punk
> Wie divers ist Subkultur? In Berlin legte man beim Festival
> „Female-Fronted Is Not A Genre“ den Fokus auf weibliche Stimmen in Punk
> und Hardcore.
(IMG) Bild: Die Band Kill Her First auf der Bühne des SO36
Es ist ein milder Herbstabend auf der Kreuzberger Oranienstraße und vor dem
Eingang zum SO36 hat sich bereits eine ansehnliche Menge Wartender
versammelt. Zum fünften Mal lädt das Festival „Female-Fronted Is Not A
Genre“ in den Club, um zwei Abende lang den Fokus auf die behauptete
Gleichbehandlung der Geschlechter in Subkulturen zu richten.
Weil Punk und Hardcore noch immer von Männern dominiert werden, stehen nur
„weibliche Stimmen“ und „weiblich teilbesetzte Bands“, auf dem Programm,
wie es in der Ankündigung heißt. Die etwas sperrige Vokabel deutet an, wie
Versuche der Sichtbarmachung marginalisierter Positionen in eine
Hervorhebung münden können, die nichts über die künstlerische Arbeit
aussagt.
Der Festivalname kommentiert diesen Effekt, indem er die Voranstellung
„female fronted“ als inhaltslose Beschreibung von Bands negiert, ungeachtet
dessen, dass die Ankündigung nicht-männlicher Personen auf der Bühne auch
als unterstützend verstanden werden kann. Es bleibt kompliziert, aber im
Jahr 50 von Punk eine bemerkenswerte Eigenschaft dieses unendlich
kleinteiligen Genres, dass szeneinterne Ansprüche und Realitäten immer
wieder reflektiert und aktualisiert werden.
Der Eröffnungsabend beginnt pünktlich und im gut gefüllten Saal übernimmt
die niederländische Sängerin und Gitarristin Wick Bambix die Rolle des
charmanten Openers. Zwei Akustikgitarren und rauchiger Gesang bestimmen
ihren Folkpunk mit aufrührerischer Haltung und gelegentlichem
Country-Einschlag. Das Publikum ist so aufmerksam wie mitsingbereit – nicht
zum letzten Mal an diesem noch jungen Abend.
## Keine Angst vor Mainstream im Metal
Im Sinne der von den Veranstalterinnen angestrebten musikalischen
Bandbreite betritt als Nächstes das Alternative-Metal-Quintett Never Obey
Again die Bühne. Präsenz, Songwriting und Sound machen klar, dass die Band
nach Größerem strebt und sich vor einer mainstreamigen Interpretation von
Metal nicht scheut. Zwölf Stunden seien sie aus Italien gefahren, um hier
zu spielen, erzählt Sängerin Carolina Bertelegni und wirkt ehrlich
überwältigt, dass ihre Band vom Berliner Publikum so begeistert aufgenommen
wird. Eine gern genutzte Erklärung für die Abwesenheit von Frauen im
Line-Up großer Rock- und Metalfestivals ist die Behauptung, es gäbe eben
nicht genügend Bands mit Frauen, die auf professionellem Niveau spielen –
hier wäre eine.
Beim anschließenden Set der queerfeministischen Hardcoreband Kill Her First
geht es musikalisch wieder schnörkelloser zu. Vor einer klassischen
Instrumentierung aus Schlagzeug, Bass und Gitarre singen und growlen sich
Gero Crocianelli und Giulia Campagna durch eine Mischung aus wuchtigen
Breakdowns und melodischen Teilen. Hörbar an Punk und Oldschool-Hardcore
geschult, streut die Band hier und da sanfte Passagen ein, ehe Wut und
Energie das Ganze wieder in den Kreuzberger Untergrund zurückboxen.
„Ihr seid das beste Publikum“, freut sich Sängerin und Mitveranstalterin
Gero Crocianelli über die mitgerissene Menge und betont die Vision ihres
Festivals als inklusiven Ort. Dem Anspruch, nicht-männliche Personen in
einer Subkultur sichtbar zu machen, die oft maskulin und für Außenstehende
wenig einladend wirkt, wird die Veranstaltung an diesem Eröffnungsabend
gerecht, auch wenn die meisten Instrumente im Line-Up noch immer von
Männern gespielt werden. Über reine Zahlenverhältnisse hinaus geht es den
Veranstaltenden aber um eine solidarische Atmosphäre ohne Mackertum und
Deutungshoheit darüber, wer sich in subkulturellen Räumen zu Hause fühlen
darf.
Auf die Utopie einer inklusiven Szene weist auch die US-amerikanische
Punkband The Iron Roses während ihres abschließenden Konzerts immer wieder
hin. Ihr melodischer Punk mit charakteristischem zweistimmigem Gesang und
wohl dosierten Ska-Anleihen rundet einen abwechslungsreichen Konzertabend
ab, der hier noch einmal eine explizite Zuspitzung auf die Sichtbarmachung
queerer Positionen in der Szene erfährt.
26 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Jana Sotzko
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