# taz.de -- Oper „Der Fliegende Holländer“ in Berlin: Mit Wagner gegen Wagner
> Milo Rau bringt an der Deutschen Oper in Berlin Wagners „Fliegenden
> Holländer“ auf die Bühne. Vorab war er durch Israel gereist, um dort die
> Musik des Antisemiten zu spielen.
(IMG) Bild: Szene aus dem „Fliegenden Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin
Der fliegende Holländer steht einsam am Strand. Hinter ihm die Brandung,
die droht, gleich alles zu verschlingen. Und tote Körper überall.
Bleischwer setzt Tomasz Koniecznys Holländer seine Schritte. Seine
Schultern sind nach vorne gekippt und ziehen den Nacken nach. Es ist, als
drücke eine Last, die er physisch spürt, wir aber nicht sehen, ihn nieder.
Richard Wagner gibt seinem Holländer im ersten Aufzug eine ganze Arie, um
sich selbst zu bemitleiden, denn für ihn gibt es „Nirgends ein Grab!
Niemals ein Tod!“.
Konieczny singt, als stülpe sich etwas zwangsläufig nach außen. Das
Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Giedrés Šlekyté
begleitet ihn fokussiert und warm zugleich. Vor dem Leichnam einer jungen
Frau bleibt er stehen, kniet nieder und legt ihr vorsichtig sein Jackett
über den Oberkörper. Sarah von Schwarze holt ihn ab und drückt ihm das
Jackett wieder in die Hand.
Von Schwarze und Shlomi Moto Wagner begleiten die Vorstellung von der
seitlichen Bühnenrampe aus. Mit beiden ging [1][Milo Rau] im vergangenen
August in Israel auf Tour, um die Musik von Richard Wagner zu promoten. Vor
25 Jahren hatte [2][Daniel Barenboim] den Tabubruch begangen, Wagner in
Israel zu spielen. In Raus Berliner „Fliegendem Holländer“ bilden die
Videoaufnahmen die Folie für die Bühnenhandlung. Auf der Bühnenrückwand
sind sie in Großaufnahme zu sehen.
Im zentralen Omnibusbahnhof in Jerusalem und vor dem
israelisch-palästinensischen Theater in Jaffa singt die israelische
Sängerin Tamara Nishri u. a. die Arie der Senta. Und so sieht man Nishri
Sentas Sehnsucht nach dem Holländer in den sommerlichen Abendhimmel
schmettern, und auf der Bühne steht zeitgleich Aušriné Stundyté als Senta,
streckt die Hände nach oben und es ist, als würde sie jeden einzelnen Ton
genau von dort abholen. Der Zuschauerblick versucht die großflächigen
Gesichter des israelischen Publikums zu lesen. Stundytés Senta führt
währenddessen auf der Bühne ihr Eigenleben.
## Holländers Schuld wird zur deutschen Schuld
In seiner dritten Operninszenierung stellt Milo Rau mehrere Ebenen
nebeneinander. Mit Sarah von Schwarze und Shlomi Moto Wagner führt er zwei
Erzählerstimmen ein, die vor der Ouvertüre ihre Familiengeschichte
erzählen, zurückgehend bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Ouvertüre untermalt
die Vorstellung der Solist:innen, die von folgenschweren Entscheidungen
ihrer Vorfahren während des Zweiten Weltkriegs berichten. Und so ist der
Rahmen gesetzt für eine weitere Ebene: Holländers Schuld, die ihn auf den
Weltmeeren herumirren lässt und von der er erlöst werden möchte, wird zur
deutschen Schuld, Sentas Vater Daland zu einem der Gründerväter Israels und
der in Senta verliebte Erik, schon bei Wagner ein Außenseiter, zum
Palästinenser.
Eine kluge Dokumentartheaterdramaturgie begleitet die szenische Handlung,
indem sie die drei Aufzüge drei Themenkomplexen der deutsch-israelischen
Beziehungen zuordnet: Staatsgründung 1948, Münchner Olympia-Attentat 1972
und die Einweihung des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin
2005. In wenigen auf die Leinwand projizierten Sätzen wird jeweils die
Gemengelage Ursache-Wirkung auf den Punkt gebracht. Gruselig ist da das
Duett zwischen Daland und dem Holländer, bei Milo Rau zwei Staatsmänner vor
der israelischen und bundesdeutschen Flagge.
Bei Wagner „verkauft“ Daland seine Tochter aus Gier nach Holländers
Schätzen. Rau gibt Tomasz Konieczny einen Aktenkoffer in die Hand. Devot
demütig und gleichzeitig aggressiv drängt er Tareq Nazmis Daland den
Aktenkoffer mit einem Vertrag über die Entschädigungszahlungen auf. Im
Bühnensetting des „Mahnmals für die ermordeten Juden Europas“ (Bühne: Anton
Lukas) intoniert der Chor „Lieb`Nachbarn, so wachet auf und macht´s uns
nach“, während das einschlägige Hellblau den staatstragenden Zweiteiler
erobert hat.
Shlomi Moto Wagner und Sarah von Schwarze stehen im August auf einem Hügel.
Sie schauen in Richtung Gaza, sprechen übers Handy mit dem Künstler Ashraf
Afifi aus Gaza-Stadt. Der sagt: „Schuld ist narzisstisch“. Sie muss sich in
Verantwortung verwandeln, um etwas zu verändern. Afifi hat das letzte Wort,
Giedrés Šlekyté tupft mit dem Orchester die verbliebenen Takte in den Raum.
Der Kopf ist voll mit Assoziationen in alle Himmelsrichtungen. Das
Überwältigungsgefühl, das einen gerne überkommt, wenn man Wagner hört,
bleibt diesmal aus. Man hat anders hingehört. Mit Richard Wagner gegen
Richard Wagner. Und gegen die unendliche Gewaltspirale.
25 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wiener-Festwochen/!6178371
(DIR) [2] /Ruecktritt-vom-Daniel-Barenboim/!5907149
## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
## TAGS
(DIR) Milo Rau
(DIR) Richard Wagner
(DIR) Gaza
(DIR) Israel
(DIR) Deutsche Oper
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Musikfest Berlin: Wo Wiederhören Freude macht
Das Musikfest Berlin bot dieses Jahr neben Orchesterwerken viel
Musiktheater ganz unterschiedlicher Art. Am Anfang wie am Ende standen
diesmal Vokalwerke.
(DIR) Stockhausens Oper „Mittwoch“ in Berlin: Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz
Zum Auftakt der Intendanz Aviel Cahns stemmt die Deutsche Oper Berlin eine
Riesenproduktion: „Mittwoch aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen bietet
kosmisches Spektakel.
(DIR) Spielzeiteröffnung Komische Oper Berlin: Nur wenige überleben
Die Komische Oper Berlin eröffnet die Saison 2026/27 mit dem
brutalstmöglichen aller Stoffe: Aribert Reimanns „Lear“ im Hangar des
Flughafens Tempelhof.