# taz.de -- Schwindender Sand auf Norderney: Kommen und gehen
       
       > Der beliebte Strand an der Weißen Düne auf Norderney ist weggespült
       > worden. Manche meinen, es sei das Beste, der Natur einfach ihren Lauf zu
       > lassen.
       
 (IMG) Bild: Verschwunden: der Strand bei der Weißen Düne
       
       Da ist das Meer, und hier ist der Sand. Noch feucht und angenehm fest unter
       den Schritten. Ein paar zerbrochene Muscheln liegen herum, näher am Wasser
       finden sich auch ein paar, die noch ganz sind. Menschen spazieren umher,
       ein Labrador wird losgelassen, er wetzt zum Wasser, 20, 30 Meter. Das ist
       doch ein Strand, so ein richtiger Nordseeinselstrand. Oder?
       
       Die Weiße Düne ist weg, zerstört, steht vor dem Aus, so berichteten
       Tageszeitungen und Newsportale. Eine Sturmflut hatte Ende Oktober den
       Strand auf der Nordseite [1][Norderneys] getroffen, den Sand weggespült und
       die Düne abgebrochen. Um mehr als sechs Meter ist die Dünenkante dieses Mal
       zurückgewichen, laut Niedersächsischem Landesbetrieb für Wasserwirtschaft,
       Küsten- und Naturschutz.
       
       Bei Niedrigwasser kann man weiterhin über eine ziemlich große Fläche Sand
       laufen. Aber das, was jetzt zu sehen ist und wirkt wie ein Strand, wird bei
       Flut von den Wellen verschluckt, das Meer schlägt dann direkt bis an die
       abgebrochenen Dünen. Eine Gefahr ist das nicht: Die Außendüne ist an dieser
       Stelle um die 100 Meter breit, das reicht als Schutz vor dem Meer.
       
       Aber bis vor zwei Wochen waren da eben noch einige Zigtausend Kubikmeter
       Sand, ein erhöhter Strandbereich, der von den Dünen aus erreichbar ist.
       Immerhin: Eine Rampe aus Sand haben die Behörden inzwischen aufgeschüttet;
       wer vom Restaurant „Weisse Düne“ hierherkommt, steht nicht mehr hilflos an
       der Abbruchkante, sondern kann die gut fünf Meter heruntergehen.
       
       ## Eindrucksvoll im Nichts
       
       Ein großes Holzpodest steht auf Stelzen eindrucksvoll im Nichts, Leute
       wandeln darunter her. Etwa fünf, vielleicht sechs Meter ragt es aus dem
       Sand – früher war es ebenerdig zum Strand, Toilettenhäuschen und
       Umkleidekabinen waren hier untergebracht. Das ist nun schon ein paar Jahre
       her: Die Sturmflut im Oktober war nicht die erste, die den Strand kalt
       erwischt hat.
       
       Im Frühjahr 2022 war ein großer Strandabschnitt beschädigt worden, die
       Holzplattform freigelegt, der Küstenschutz war nicht mehr gesichert. Als
       Gegenmaßnahme wurden 125.000 Kubikmeter Sand künstlich angespült, vor allem
       um die Außendüne zu stabilisieren. Der Aufwand zeigte Erfolg: Die Düne gilt
       dem Küstenschutz heute wieder als sicher.
       
       Für den Badestrand war die Wirkung nicht so nachhaltig. Jedes Jahr im
       Herbst wird er abgetragen, jedes Mal Frühjahr wird Sand nachgeschüttet,
       doch bei Weitem nicht genug, um den Verlust auszugleichen. Jedes Jahr wird
       der wiederhergestellte Strandabschnitt kleiner; noch 2014 gab es bei
       Hochwasser rund 150 Meter Strand. In diesem Sommer wurde nur noch eine
       kleine Rumpffläche aufgeschüttet, für 60 Strandkörbe. Nach wenigen Tagen
       wurde der Sand weggespült, noch einmal und noch einmal musste nachgelegt
       werden.
       
       „Ja, so ist das jetzt“, sagt eine Frau am Strand halb zu ihrer Begleiterin,
       halb zu mir. Ich habe sie nicht angesprochen, aber wir stehen nicht weit
       voneinander entfernt und schauen auf die Abbruchkante. Die beiden
       Freundinnen kommen aus Essen, jedes Jahr fahren sie nach Norderney, immer
       im November. Die Frau hat mitbekommen, wie der Strand von Jahr zu Jahr
       geschrumpft ist. „Da kann man jetzt nichts machen“, sagt sie. „Das ist der
       Klimawandel.“
       
       Der Klimawandel – das hatte ich auch im ersten Moment gedacht, und
       tatsächlich wird er hier oft als Erklärung genannt, auch von Einheimischen.
       Ausnahmsweise aber ist er gar nicht schuld.
       
       ## Ganz natürliches Phänomen
       
       Es gebe aktuell nicht mehr oder stärkere Sturmfluten an der Nordsee, sagt
       Frank Thorenz vom Landesbetrieb für Küstenschutz. „Die Dünenerosion bei
       erhöhten Wasserständen ist ein ganz natürliches Phänomen.“ Unter dem Meer
       wandern riesige Sandbänke von der Nachbarinsel Juist nach Norderney – wenn
       sie da sind, verändern sie die Art, wie die Wellen an Land schlagen. Und
       wenn sie fehlen, so wie jetzt, „holt sich das Meer den Sand aus der Düne“,
       so Thorenz.
       
       Gegen diesen natürlichen Prozess arbeitet man seit Jahren an auf Norderney.
       Doch dieses Mal überlegen sie, ob es das letzte Mal war. Ob man sie erst
       einmal aufgeben soll als Badestrand, die Weiße Düne. „Wir können ja nicht
       immer weiter gegen die Natur arbeiten“, sagt Olivia Meiners-Hagen vom
       Staatsbad Norderney, der offiziellen Tourismusorganisation der Insel, die
       hier in manchen Bereichen mehr zu sagen hat als das Rathaus.
       
       Ein dpa-Bericht verbreitete die Überlegungen, eine ganze Reihe an Medien
       griffen sie auf. Beim Staatsbad Norderney und auch im Rathaus der Stadt
       rudert man schon zurück. Man habe so etwas nie gesagt, erst einmal warte
       man die Wintersaison ab, es sei noch über-haupt nichts entschieden.
       
       In Wirklichkeit gibt es Überlegungen und Aussagen schon lange. Die jetzt
       gewählte Formulierung, man könne nicht ewig „das Geld aus dem Fenster
       rauswerfen“ hatte Kurdirektor Wilhelm Loth schon nach den Herbststürmen vor
       einem Jahr gegenüber der Norderneyer Morgenpost gewählt.
       
       Aber so einfach sind solche Entscheidungen nicht. „Sie sehen ja die
       Aufregung“, heißt es aus dem Staatsbad. Ausgerechnet die Weiße Düne! Der
       Name hat einen Klang, es ist einer der bekanntesten Badestrände
       Niedersachsens. Weil der Sand hier vor nicht allzu langer Zeit fast weiß
       war, und weil der Strand so weit war, so schön. „Vermutlich war es unser
       schönster Strand“, sagt der junge Mann vom Fahrradverleih. „Es ist schon
       etwas traurig, wenn man das jetzt sieht.“
       
       ## Norderney-Fans bleiben gelassen
       
       Die Aufregung aber ist auf der Insel selbst nicht so richtig zu Hause.
       Viele haben sich noch gar keine Gedanken gemacht, die Tourist*innen
       zeigen Verständnis. Selbst auf Facebook bleiben die Norderney-Fans bei dem
       Thema gelassen, posten ein paar Vergleichsbilder von früher – aber die
       Gemüter erhitzen sich eher an der Frage, ob die Insel eine Gepäckabholung
       einrichten sollte.
       
       Einer, dem es nicht egal sein dürfte, weil er hier Aktien drin hat, ist
       Matthias Möckel, der Betreiber der Weissen Düne – des Restaurants. Er ist
       gerade ein paar Tage auf dem Festland, wir können nur telefonieren – aber
       das macht er gerne. „Der Strand wird aufgegegeben – das hört sich ja erst
       mal fürchterlich an“, sagt er. „Und das ist es ja auch. Mir laufen die
       Tränen runter, wenn ich den Anblick mit früher vergleiche.“
       
       Aber: Er hat sie mitbekommen, die Sandaufschüttungen der letzten Jahre.
       Letztes Jahr waren es 150.000 Euro, die die Gemeinde eingesetzt hat, um
       zumindest noch einen kleinen Badestrand herzustellen, der dann nur wenige
       Tage hielt.
       
       „Der Drops ist gelutscht. Den Rest macht die Natur“, sagt Möckel. Er sei
       der einzige echte Anlieger. „Und wenn ich meine Klappe halte: Ich glaube
       nicht, dass es dann jemand anderen gibt, der den Strand fordern sollte.“
       
       Er kann sich das erlauben: Das Restaurant ist eine Institution, die Gäste
       kommen nicht nur des Strandes wegen. Das Lokal ist heute voller als der
       Strand, „obwohl es heute sehr entspannt ist“, sagt ein Kellner. Ein junges
       Pärchen mit Spiegelreflexkamera halte ich für Adventure Seeker, die die
       Abbruchkante sehen wollen – aber nein, Ziel war das Restaurant. Sie waren
       noch gar nicht am Strand, fotografiert wird das Lokal und das Dessert: Er
       verbindet schokoladige Erinnerungen aus seiner Kindheit mit dem Restaurant.
       
       Das Gute: So, wie die Sandbänke gehen, so kommen sie auch wieder. 10, 15
       Jahre dauere so ein Zyklus, sagt Küstenschützer Thorenz. Es lässt sich
       nicht genau prognostizieren, wann die Phase wieder wechselt. Aber wenn der
       Erfahrungswert mit den 10, 15 Jahren auch dieses Mal stimmt, dann müssen
       die Menschen, die die Insel lieben, gar nicht mehr so lange warten, bis der
       Sand von alleine wiederkommt.
       
       ## Ökonomische Entscheidung
       
       Aufschütten oder nicht sei vor allem eine ökonomische Entscheidung, sagt
       Thorenz. Es kostet einen sechsstelligen Betrag, einen Rumpfstrand
       anzuhäufen. Und mit etwas Pech hält das Ergebnis nur Tage bis Wochen.
       
       Aber wenn man es macht, dann hat man einen Badestrand, einen, auf dem die
       Strandkörbe nicht bei jeder Flut weggespült werden. Man kann den
       Tourist*innen etwas bieten, die Norderney jedes Jahr besuchen und die
       die Lebensversicherung der Insulaner sind.
       
       Auf dem Weg von der Weißen Düne nehme ich die Hauptstraße mit dem Fahrrad,
       ich muss pünktlich zurück zur Fähre. Eine alte Frau mit ihrem Rollator
       läuft die Straße entlang – bestimmt eine Norderneyerin, welche Touristin
       würde diesen Weg wählen?
       
       Und so ist es: Selma Harms ist 96 Jahre alt, „hier geboren und immer hier
       gelebt“, sagt sie. „Die Weiße Düne, ja … die war früher schon mal weg.“
       Wann denn? Harms denkt nach. „Ich weiß es nicht. Mehrfach, glaube ich.“ So
       ist das nämlich. Es kommt. Und es geht.
       
       8 Nov 2026
       
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