# taz.de -- Greenpeace-Expertin über Küstenschutz: „Wir müssen die Küste vom Beton befreien“
       
       > 80 Prozent der natürlichen Ressourcen an der Küste seien beeinträchtigt,
       > sagt Greenpeace-Küstenexpertin Elvira Jímenez. Straßen und Mauern müssten
       > weg.
       
 (IMG) Bild: Im Januar waren die Strände von Barcelona besonders von Sturm Harry betroffen
       
       taz: Wie steht es um die spanischen Mittelmeerküsten? 
       
       Elivra Jimenez: [1][Der Klimawandel bedroht die Küsten immer mehr]. In
       diesem Winter haben wir das ganz klar gesehen. Ein Tiefdruckgebiet mit
       Stürmen mit sehr hohem Wellengang und starken Niederschlägen jagte das
       andere. Unsere Küsten sind nicht auf solche Wetterlagen vorbereitet. Wir
       haben mit den Sünden der Vergangenheit zu kämpfen und auch mit denen, die
       noch immer begangen werden.
       
       Was heißt das? 
       
       Wir haben in den letzten drei Jahrzehnten täglich eine Küstenfläche
       zerstört, die 26 Fußballfeldern entspricht. 80 Prozent der natürlichen
       Ressourcen der Küste sind dadurch beeinträchtigt und nehmen ständig ab.
       Dennoch entstehen in Regionen wie Andalusien oder Valencia noch immer
       Neubausiedlungen und Ferienkomplexe in unmittelbarer Küstennähe. Und dort,
       wo Sandstrände bei Unwettern weggespült werden, dem [2][steigenden
       Meeresspiegel] zum Opfer fallen, oder die ständige Erosion den Sand
       wegschwemmt, wird vielerorts wie zuvor auf das erneute Aufschütten mit
       herbeigebrachtem Sand gesetzt.
       
       taz: Was ist daran schlecht? 
       
       Jimenez: Das ist nur eine vorübergehende Lösung. Bis zum nächsten Unwetter.
       Es macht die Strände nicht langfristig resilient gegen Erosion. Außerdem
       ist es eine Verschwendung öffentlicher Gelder. Unser Bericht zeigt, dass
       das, was für Aufschüttungen ausgegeben wird, in die Milliarden geht. Und es
       ist immer schwieriger, den richtigen Sand zu finden.
       
       taz: Sind die Lkw mit Sand für den Sommertourismus das, was die
       [3][Schneekanonen] in den Skigebieten sind? 
       
       Jimenez: Ja, das ist kein schlechter Vergleich. Um ab Ostern die besten
       Strände zu haben, wird den Winter über aufgeschüttet. Es ist eine
       kurzfristig gedachte Politik, die völlig an den Gründen für die ständig
       zunehmende Erosion vorbeigeht.
       
       taz: Die da wären? 
       
       Jimenez: Die Erosion ist nicht nur die Folge des Klimawandels und des
       steigenden Meeresspiegels. Sie beginnt im Landesinneren. Die Flüsse werden
       überall gestaut. Das hat zur Folge, dass immer weniger Sedimente ins Meer
       gelangen. Die Küste ist überall verbaut. Und sie hat ihr Hinterland
       verloren. Hinzu kommt die Zerstückelung der Küste durch Buhnen und Häfen,
       die die Strömungen unterbrechen und umleiten. Was wiederum fehlende
       Sedimente für die Strände zur Folge hat. Die Strände sind nicht mehr Natur,
       sondern urbane Elemente. Die Unwetter sind punktuelle Ereignisse, die all
       das, was schieflief, verdeutlichen.
       
       taz: Wie muss eine langfristige Politik aussehen? 
       
       Jimenez: Mit dem steigenden Meeresspiegel – 3 Millimeter pro Jahr seit den
       1990er Jahren – müssen wir leben und die Küsten darauf vorbereiten. Zum
       einen muss die Küste neu strukturiert werden. Sie zieht sich durch Erosion
       und steigendem Meeresspiegel zurück. Manche Strände haben bis zu 60 Meter
       verloren. Häuser, die am Strand gebaut wurden, stehen jetzt praktisch am
       Wasser, und bei Stürmen werden sie überschwemmt. Das heißt, die nicht
       bebaubaren Zonen müssen neu vermessen werden. Und dort, wo die Küste
       zubetoniert wurde, muss abgerissen werden. Feuchtgebiete müssen wieder
       entstehen. Flüsse müssen wieder frei fließen. Wenn wir wirklich wollen,
       dass die Sandstrände weiter existieren, müssen wir dafür sorgen, dass sie
       wieder auf natürliche Art und Weise Sand bekommen und dieser Sand dann auch
       dort bleibt. Dazu dienen Dünen und auch die Wasserpflanzen auf dem
       Meeresgrund vor der Küste. Die Ökosysteme, die wir in den letzten
       Jahrzehnten dem Tourismus geopfert haben, müssen wieder entstehen.
       
       taz: Die Natur verlangt nach der Abrissbirne? 
       
       Jimenez: Dort, wo es um Wohnungen geht, ist dies juristisch nicht ganz
       einfach. Aber öffentliche Infrastruktur wie Uferpromenaden, Straßen, Mauern
       oder Buhnen können wir und müssen wir entfernen. Wir müssen die Küste vom
       Beton befreien. Nur so haben Küste und die Strände eine Zukunft.
       
       30 Apr 2026
       
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