# taz.de -- Nach tödlicher Attacke an Checkpoint: Israel riegelt Westjordanland ab
       
       > Israels Premier Netanjahu macht mit dem Schicksal der Palästinenser
       > Wahlkampf. Razzien und Militäraufmarsch kurz vor den Wahlen am Dienstag.
       
 (IMG) Bild: Kollektivstrafe in Hebron: Als Vergeltung für den Anschlag wird das Haus eines Palästiners abgerissen, der muss tatenlos zuschauen
       
       Ein Mann mit langem Bart und Pistole in der Hand duckt sich im Kugelhagel:
       Dieses Bild von einem Fotografen der Nachrichtenagentur AFP soll einen der
       zwei Angreifer zeigen, die am Freitag in Hebron das Feuer auf israelische
       Streitkräfte eröffnet haben. Auf weiteren Bildern ist ein Mann mit einem
       Maschinengewehr in der Hand zu sehen. Der Angriff soll sich an einem
       israelischen Checkpoint ereignet haben. Fünf Israelis wurden dabei
       verletzt, zwei von ihnen sind inzwischen gestorben. Die zwei Palästinenser
       wurden von Sicherheitskräften erschossen.
       
       Hebron liegt im südlichen Westjordanland und ist die einzige Stadt im dort,
       in der [1][israelische Siedler:inne]n mitten in einem palästinensischen
       Wohngebiet leben. Immer wieder eskaliert hier auf beiden Seiten die Gewalt.
       
       Israelische Medien haben die zwei Angreifer als Einwohner Hebrons aus ein
       und derselben Familie identifiziert. Sie sollen ein M16-Gewehr und eine
       Pistole für den Angriff benutzt haben, eine große Menge Munition hat das
       israelische Militär (IDF) nach eigenen Angaben in ihrem Auto gefunden. Die
       Terrororganisation Hamas hat die Tat als „heldenhafte Operation“ gepriesen,
       sie jedoch nicht direkt beansprucht.
       
       ## Abriegelung und Razzien
       
       Nach dem Angriff hat das israelische Militär das Gebiet rund um Hebron
       abgesperrt und Razzien in mehreren palästinensischen Dörfern durchgeführt.
       Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat zudem die Abriegelung des
       gesamten Westjordanlands angekündigt. Sie soll noch heute beginnen.
       
       Unklar ist, ob dies eine direkte Folge der Terrorattacke ist, oder ob es
       mit den bevorstehenden Wahlen in Israel zusammenhängt und schon länger
       geplant war. Laut der israelischen Zeitung Times of Israel war ein Lockdown
       für Montag und Dienstag, den Wahltag, bereits anvisiert. Eine entsprechende
       Anfrage an das Büro des Premierministers blieb unbeantwortet.
       
       Videos aus Hebron zeigen unterdes Wolken von Tränengas, Menschen, die
       weglaufen und Lastwagen, die chaotische Wendeversuche unternehmen. Im
       Hintergrund sind Blendgranaten zu hören. Ein Mann soll laut der
       palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa schwer verletzt worden sein. Die
       israelischen Streitkräfte hätten bereits Straßensperren an zahlreichen
       Straßen rund um palästinensische Dörfer errichtet, sowohl im südlichen als
       auch im nördlichen Westjordanland.
       
       ## Netanjahu beschuldigt Hamas
       
       Netanjahu pries den Mut der israelischen Soldat:innen bei dem Angriff
       und schrieb auf X, ehemals Twitter: „Ich habe die IDF angewiesen, [2][die
       Stadt Hebron unverzüglich abzuriegeln] und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen
       zu ergreifen, um terroristische Anschläge zu verhindern, die von Judäa und
       Samaria [biblische Bezeichnung fürs Westjordanland, Anm.d.Red.] ausgehen“.
       Man führe gerade „umfangreiche Verhaftungswellen“ durch. Er bezeichnete die
       Angreifer als Hamas-Mitglieder.
       
       Finanzminister Bezalel Smotrich teilte auf X mit, er habe den Abriss
       palästinensischer Gebäude in der Nähe des Tatorts angeordnet, die Israel
       als illegal einstuft. Smotrich, selbst Siedler und Anführer einer
       rechtsextrem-religiösen Partei, leitet de facto die zivile Verwaltung und
       den Siedlungsbau in den von Israel kontrollierten Gebieten des
       Westjordanlands, auch Gebiet C genannt.
       
       In einem Video sagte Netanjahu später, er wolle das Viertel in Hebron, aus
       dem die Angreifer stammen, „zerstören“. „Wir werden etwas tun, das bisher
       noch nicht getan wurde: Wir werden das erfolgreiche und aggressive Modell
       umsetzen, das wir in den Flüchtlingslagern angewandt haben – die im Grunde
       Terroristenhochburgen sind“, so der Premierminister.
       
       ## Vertreibung von 35.000 Palästinenser:innen
       
       Im Frühjahr 2025 hatte das israelische Militär etwa 35.000
       Palästinenser:innen aus drei Flüchtlingslagern im Westjordanland
       vertrieben und diese größtenteils beschädigt oder eingeebnet – ein Vorgang,
       den Menschenrechtsorganisationen scharf kritisierten. Noch sind die Camps
       menschenleer und von der Armee besetzt, die eine Rückkehr der
       Bewohner:innen verhindert.
       
       Der Premierminister erwähnte zudem, man plane gerade die größte
       Militäroperation im Westjordanland seit der Eroberung 1967. Wann und wie
       sie stattfinden soll, blieb unklar. Netanjahu lobte fortan die
       „heldenhaften Siedler:innen“, die „ein Vorbild für die Menschen in Israel“
       seien. Siedlungen im besetzten Westjordanland sind nach internationalem
       Völkerrecht illegal.
       
       23 Oct 2026
       
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