# taz.de -- Staatliche Gewalt in Ecuador: „Die Regierung erklärt uns zu Feinden“
       
       > Unter Ecuadors Präsident Daniel Noboa nimmt das gewaltsame
       > Verschwindenlassen zu. Menschenrechtsaktivistin Suelin Noriega
       > unterstützt Betroffene.
       
 (IMG) Bild: Eine Angehörige von Justin Valverde hält ein Plakat mit seinem Bild in der Hand. Er ist am 25. November 2024 verschwunden
       
       taz: Frau Noriega, die Ermordung der „Vier von Las Malvinas“ ist zum Symbol
       für das Scheitern von Präsident Noboas [1][harter Sicherheitspolitik]
       geworden. Vier Jungen wurden von Soldaten festgenommen und später tot
       aufgefunden. Wie glaubwürdig ist die offizielle Darstellung, dass nicht
       Angehörige des Militärs, sondern als Soldaten verkleidete Personen für das
       Verschwindenlassen verantwortlich sind? 
       
       Suelin Noriega: Die offizielle Darstellung lautet bei solchen Fällen
       häufig, dass nicht Soldaten selbst, sondern lediglich als Soldaten
       verkleidete Personen für das Verschwindenlassen verantwortlich seien. Diese
       Erklärung ist jedoch wenig überzeugend: In einigen Fällen liegen Fotos,
       Videos und Zeugenaussagen vor. Letztere sind auch rechtlich zulässige
       Beweismittel, wenn es um eine mögliche Beteiligung von Angehörigen des
       Militärs geht. Dass solche Beweise überhaupt existieren, ist vor allem dem
       Engagement der Zivilgesellschaft zu verdanken – den Nachbar*innen,
       Anwohner*innen und den Überwachungskameras örtlicher Geschäfte.
       
       taz: Besteht die Gefahr, dass das gewaltsame Verschwindenlassen durch
       staatliche Sicherheitskräfte unsichtbar bleibt? 
       
       Noriega: Ja. Im Fall der „Vier von Las Malvinas“ erklärte der
       Verteidigungsminister zunächst, das Militär habe nichts damit zu tun. Die
       Jungen seien Kriminelle gewesen, die von Gruppen des organisierten
       Verbrechens entführt worden seien. Schließlich wurde bewiesen, dass es
       Soldaten waren und die Jungen unschuldig waren. Die offizielle Rhetorik
       dient der Diskreditierung der Betroffenen. Juristisch müssten bei einem
       Fall von gewaltsamem Verschwindenlassen, an dem staatliche Akteure
       beteiligt sind, die Einsatzprotokolle der Sicherheitskräfte zugänglich
       sein. Das Verteidigungsministerium hat dies jedoch verhindert und die
       entsprechenden Informationen als geheim eingestuft. Dass es hier offenbar
       eine Form der Komplizenschaft gibt, ist gravierend und wirft grundlegende
       Fragen über den Zustand der Demokratie auf.
       
       taz: Beobachten Sie Versuche, die Familien zu kriminalisieren,
       einzuschüchtern oder in Misskredit zu bringen? 
       
       Noriega: Sicher, die wichtigste Waffe dieser Regierung war es, uns zu
       Feinden zu erklären. Es ist eine enorme Belastung, Angehörige eines
       Menschen zu sein, der von Soldaten entführt wurde. Denn die
       Regierungsrhetorik lautet: „Ich bin der Gute, du bist der Terrorist.“ Damit
       werden schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen gerechtfertigt.
       
       taz: Die Europäische Union arbeitet mit Ecuador bei der Bewältigung der
       Sicherheitskrise und im Kampf gegen die organisierte Kriminalität zusammen.
       Was tut Ihre Organisation, das Ständige Komitee zur Verteidigung der
       Menschenrechte (CDH)? 
       
       Noriega: In 38 von 53 Fällen vertreten wir die Betroffenen rechtlich. Die
       Dunkelziffer ist höher, weil viele Fälle bei der Staatsanwaltschaft falsch
       eingeordnet und deshalb an die falschen Justizbehörden weitergeleitet
       werden. Unsere Erfassung beginnt 2024 mit der [2][Ausrufung des internen
       bewaffneten Konflikts]. Seitdem leben wir praktisch in einem permanenten
       Ausnahmezustand. In dieser Zeit wurden 25 entsprechende Notstandsregelungen
       verhängt. Damit gingen Ausgangssperren und Einschränkungen von Grundrechten
       einher. Dieser vermeintliche bewaffnete Konflikt schafft eine Rhetorik, in
       der ein Feind definiert wird. Die Leidtragenden sind die Zivilist*innen.
       
       taz: Welche Gemeinsamkeiten haben Sie bei den 38 Fällen festgestellt, die
       Sie begleiten? 
       
       Noriega: Es gibt ein wiederkehrendes Muster: In den meisten Fällen näherten
       sich Soldaten den jungen Menschen, stellten ihnen Fragen und nahmen sie
       anschließend angeblich „zu Ermittlungszwecken“ mit. Die meisten Fälle
       ereigneten sich im Rahmen der Befugnisse, die der Ausnahmezustand den
       Sicherheitskräften einräumt. Wenn die Streitkräfte Aufgaben übernehmen, die
       eigentlich der Polizei zustehen, beobachten wir diese Probleme. Die
       Soldaten kommen mit ihrer gesamten militärischen Ausrüstung in die Viertel
       und versetzen die Familien in Angst.
       
       taz: Was bedeutet es für eine Mutter, von einem Tag auf den anderen zu
       einer „suchenden Mutter“ zu werden? 
       
       Noriega: Es verändert etwas für immer. Der Schmerz sitzt tief. Wenn man
       seinen Ehemann verliert, ist man Witwe. Wenn man seine Eltern verliert, ist
       man Waise. Aber wenn man ein Kind verliert, gibt es nicht einmal ein Wort,
       um diesen Verlust zu beschreiben. Noch schmerzhafter ist es, wenn es nicht
       einmal einen Leichnam gibt. Diese Mütter stellen sich ununterbrochen
       dieselben Fragen: Ist mein Kind tot? Lebt es noch? Sie beginnen, in einem
       Zustand permanenter Ungewissheit zu leben. Das nimmt ihnen jede
       Möglichkeit, ein normales Leben aufzubauen.
       
       taz: Entwickelt sich in Ecuador etwas Ähnliches wie in anderen
       lateinamerikanischen Ländern, wo Bewegungen von Müttern und Angehörigen
       Verschwundener zu Symbolen des Widerstands geworden sind? 
       
       Noriega: Wir haben uns mit verschiedenen zivilgesellschaftlichen
       Organisationen zusammengeschlossen. In diesem Rahmen wurden Workshops mit
       suchenden Frauen aus Mexiko und Kolumbien organisiert. Zu sehen, welche
       Wege die anderen gegangen sind, gibt ihnen Hoffnung. Es ist wichtig, diese
       Frauen nicht allein über das Gewaltereignis – das gewaltsame
       Verschwindenlassen – zu definieren. Wir müssen sie auch als Symbol für
       Widerstand, Hoffnung und eine tiefe Liebe begreifen.
       
       Suelin Noriega ist eine ecuadorianische Menschenrechtsaktivistin. Sie
       arbeitet für das [3][Ständige Komitee zur Verteidigung der Menschenrechte
       (CDH)], das Angehörige begleitet, die nach ihren Kindern suchen. 
       
       Die Interviewerin Thalie Ponce ist eine Journalistin aus Ecuador und
       arbeitet für das investigative Onlinemedium [4][Indómita Media]. 
       
       Übersetzung aus dem Spanischen von Niklas Franzen
       
       6 Nov 2026
       
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