# taz.de -- Aktivistin aus Kolumbien: „Menschenhandel ist Sklaverei“
> Helga Flamtermesky begleitet Frauen, die Menschenhändlern entkommen sind.
> Sie kritisiert, dass Europa die Grenzsicherheit zunehmend über
> humanitären Schutz stellt.
(IMG) Bild: Menschenhandel und Prostitution gehören oft eng zusammen
Helga Flamtermesky ist eine kolumbianische Aktivistin, die in Spanien lebt.
Sie leitet die Nichtregierungsorganisation [1][Mujer Diáspora], die seit
zwei Jahrzehnten Frauen begleitet, die in Europa unterschiedliche Formen
von Gewalt erfahren haben. Darunter sind auch Opfer von Menschenhandel, ein
Verbrechen, das die Behörden ihrer Ansicht nach bis heute nicht vollständig
verstehen.
In 2024, dem letzten Jahr mit konsolidierten Zahlen, wurden in der
Europäischen Union [2][9.678 Menschen] als Opfer von Menschenhandel
registriert. Zwei Drittel von ihnen waren Frauen oder Mädchen. Doch die
offiziellen Zahlen bilden nur einen Teil des Ausmaßes ab: Viele Betroffene
erstatten keine Anzeige, misstrauen den Behörden oder können ihren
Peinigern entkommen, ohne jemals die vorgesehenen Schutzmechanismen in
Anspruch zu nehmen.
Im Gespräch mit der taz berichtet Flamtermesky über die Grenzen staatlichen
Handelns im [3][Kampf gegen Menschenhandel], trotz internationaler Abkommen
und Schutzprotokolle. Flamtermesky erzählt sie von einer Frau aus
Kolumbien, die sie über Jahre begleitet hat und der schließlich die Flucht
vor ihren Ausbeutern gelang. Sie schaffte es bis nach Mexiko.
Zwei Jahre später traf Flamtermesky sie auf einem Kongress zum Thema
Menschenhandel in Puebla wieder. „Sie war als Nonne gekleidet. Kaum hatte
sie mich gesehen, sagte sie mir flüsternd, dass sie so einen Weg gefunden
hatte, von dort wegzukommen und zu fliehen.“ Ihre Geschichte verdeutlicht,
was eine Flucht aus dem Menschenhandel bedeutet: Sie ist ein langer,
gefährlicher und einsamer Prozess, der Strategie erfordert.
## Nicht auf die Behörden warten
Helga Flamtermesky betont, dass eine Frau nicht darauf warten könne, von
den Behörden gerettet zu werden. Von den zahlreichen Betroffenen, die sie
im Laufe der Jahre kennengelernt hat, erinnert sie sich nur an eine, die
tatsächlich gerettet wurde. Alle anderen flohen selbst. „Die wichtigste
Entscheidung, die ein Opfer von Menschenhandel vor seiner Flucht treffen
muss, lautet: Ich werde fliehen oder ich werde sterben“, erklärt sie.
Gerade angesichts dieses Überlebenskampfes sieht sie die größten Defizite
in Lateinamerika wie in der Europäischen Union bei den politischen
Maßnahmen, die der Realität des Menschenhandels nicht gerecht würden. „Das
große Problem ist, dass Staaten das Ausmaß des Menschenhandels weiterhin
anhand von Anzeigen und Rettungsaktionen bemessen“, erklärt Flamtermesky.
„Die Begleitung von Frauen, die sich gegen eine Anzeige entscheiden oder
selbst vor ihren Peinigern fliehen, gerät dagegen ins Hintertreffen.“
Dem [4][jüngsten Bericht] der Europäischen Kommission zufolge stammt die
größte Zahl der registrierten Betroffenen aus Nigeria: 1.747 Fälle wurden
erfasst. An zweiter Stelle steht Kolumbien mit 1.083 Betroffenen, gefolgt
von Marokko mit 864 und Brasilien mit 477 registrierten Fällen. Kolumbien
nimmt dabei eine besondere Stellung ein: Das Land ist sowohl von sexueller
Ausbeutung als auch von Zwangsarbeit besonders betroffen.
Das tatsächliche Ausmaß der Menschenhandelsnetzwerke lässt sich allerdings
nur schwer erfassen. Im März 2024 führte eine [5][Razzia] zur Festnahme von
sieben Mitgliedern eines Netzwerks, das Frauen in Venezuela und Kolumbien
anwarb und sie unter falschen Versprechungen an verschiedene Orte in Europa
brachte.
## Hilft die Europäische Union?
Die Kritik der Expertin kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für Europa.
Am 15. Juli 2026 lief die Frist ab, innerhalb derer die Mitgliedstaaten
eine 2024 verabschiedete [6][Reform zur Bekämpfung des Menschenhandels] in
nationales Recht umsetzen mussten. Die neue Regelung erkennt ausdrücklich
an, welche Rolle das Internet und digitale Technologien bei der Anwerbung
und Ausbeutung von Betroffenen spielen.
„Die Behörden suchen weiterhin nach den sichtbaren Strukturen der
Menschenhandelsnetzwerke, etwa nach Vermittlern, die früher die Anwerbung
übernommen haben“, sagt Flamtermesky. „Heute läuft das aber zunehmend über
soziale Netzwerke und das Internet.“
Die EU-Reform sieht außerdem verschärfte Strafen für die Verbreitung
sexueller Bilder und Videos von Betroffenen vor. Damit soll auch gegen die
Weiterverbreitung solchen Materials vorgegangen werden. Eine weitere
wichtige Neuerung: Ermittlungen sollen nicht mehr allein von formellen
Anzeigen abhängen.
Für Flamtermesky liegt die Herausforderung nun darin, dass die
Schutzmechanismen den tatsächlichen Erfahrungen der Betroffenen gerecht
werden, auch jenen Frauen, denen die Flucht gelingt, die den Behörden aber
nicht vertrauen. Manche suchen schließlich Hilfe bei Beratungsstellen für
Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt. Dort können sie Unterstützung
erhalten, ohne zunächst die gleichen Hürden überwinden zu müssen wie bei
einer offiziellen Anerkennung als Opfer von Menschenhandel.
Deshalb glaubt die Aktivistin nicht, dass neue Gesetze das Problem allein
lösen werden. Erst recht nicht in einer Zeit, in der Europa ihrer Ansicht
nach den humanitären Schutz zunehmend zugunsten der Grenzsicherheit
zurückstellt.
## Zwischen Schutz und Abschottung
„Europa befindet sich in einer seiner schlimmsten Phasen, was seine
moralischen, ethischen und humanitären Grundsätze angeht“, sagt
Flamtermesky. Sie kritisiert die Umsetzung des EU-Migrations- und
Asylpakts. Dieser habe zwar durchaus sinnvolle humanitäre Ansätze
enthalten, doch seien diese inzwischen in den Hintergrund gerückt. „Es
spielt keine Rolle mehr, ob du Opfer von irgendetwas bist. Noch weniger,
wenn du Migrantin bist. Heute zählen vor allem Sicherheit und Aufrüstung.“
Erschwerend kommt hinzu, dass Menschenhandel noch immer vor allem mit
sexueller Ausbeutung gleichgesetzt wird. Diese verkürzte Perspektive
blendet andere Formen der Ausbeutung aus und beeinflusst, wie Behörden
Betroffene überhaupt erkennen. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen,
dass es dabei nur um Prostitution geht. Menschenhandel ist vor allem
Sklaverei“, betont Flamtermesky.
Doch wer es schafft, seinen Peinigern zu entkommen, findet deshalb noch
lange keinen sicheren Zufluchtsort. Nicht immer gibt es eine Unterkunft,
ein Schutzprotokoll, das greift, oder eine Behörde, die bereit ist, die
Betroffenen zu begleiten. Der erste Schritt zurück in ein selbstbestimmtes
Leben ist oft viel grundlegender: ein Mensch, der Essen anbietet, unterwegs
ein Telefon leiht oder einer Frau ohne Vorurteile begegnet.
[7][Valentina Parada Lugo] ist eine Journalistin aus Kolumbien und für die
Tageszeitung [8][El País] tätig.
Übersetzung aus dem Spanischen von Niklas Franzen
4 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.mujerdiaspora.com/
(DIR) [2] https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20260129-1?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [3] /Aktionsplan-gegen-Menschenhandel/!6037418
(DIR) [4] https://home-affairs.ec.europa.eu/document/communication-commission-progress-made-eu-combating-trafficking-human-beings-and-setting-out-renewed_en?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [5] https://www.interior.gob.es/opencms/en/detail-pages/article/La-Policia-Nacional-libera-a-seis-victimas-de-explotacion-sexual-que-fueron-captadas-aprovechando-su-situacion-de-pobreza/?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [6] https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2024/1712/oj?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [7] https://elpais.com/autor/valentina-parada-lugo/
(DIR) [8] https://elpais.com/
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