# taz.de -- Abschiebung aus den USA nach Guatemala: Mit 63 zurück auf Anfang
> Ronald Rivera lebte fast 25 Jahre in den USA, baute sich ein Geschäft und
> ein neues Leben auf. Dann wurde er nach Guatemala abgeschoben.
(IMG) Bild: Mit dem Tönen von Autoscheiben hat sich Rivera in den USA etwas dazuverdient
Ronald Rivera ist 63 Jahre alt. Vor einem Monat hat er eine neue
Arbeitsstelle gefunden. Doch das ist nur eine von vielen Veränderungen, die
sein Leben in den vergangenen zehn Monaten durchgemacht hat. Im Juni 2026
wurde Ronald aus den USA nach Guatemala abgeschoben.
Sein „amerikanischer Traum“ begann anders als bei den meisten
guatemaltekischen Migrant*innen. Denn die USA waren ihm bereits vertraut.
Regelmäßig reiste er dorthin, um Autos zu kaufen, sie zu reparieren und
anschließend gemeinsam mit einem Geschäftspartner in Guatemala
weiterzuverkaufen.
„Ich habe mich zur Auswanderung entschieden, nachdem ich mich scheiden
ließ“, erzählt er. Bei einer Lieferung hatte sein Partner einen Unfall, er
starb. „Danach war ich auf mich allein gestellt.“
Am 10. Dezember 2001 kam Rivera in den USA an. Sein Plan: zunächst für ein
paar Dollar auf dem Sofa eines Bekannten schlafen und anschließend eine
Arbeit finden. Als er ankam, dachte er: „Hier werde ich arbeiten, mal
sehen, was passiert.“
## Weihnachten im fremden Land
Die USA bleiben das wichtigste Zielland guatemaltekischer Migrant*innen.
Das zeigen [1][Daten des UN DESA International Migrant Stock Report]. Nur
0,3 Prozent der im Ausland lebenden Guatemaltek*innen leben in Europa.
Sein erstes Weihnachtsfest in den USA war schwierig. Er war allein in einem
fremden Land. „Es war nicht einfach. Ich habe ins Kissen geweint.“ Es
sollte nicht das schwierigste Weihnachten werden, das Rivera in den USA
verbringen würde.
Seine erste Arbeitsstelle in den USA fand Rivera in einem chinesischen
Restaurant, wo er Geschirr spülte. Nur einen Tag pro Woche hatte er frei.
Als er noch sein eigenes Geschäft in Guatemala geführt hatte, hatte er
selbst Autoscheiben getönt. Diese Erfahrung nutzte er, um an seinem freien
Tag zusätzlich Geld zu verdienen. An Erholung dachte er nicht.
Vier Jahre später eröffnete er sein eigenes Geschäft. Beruflich und privat
hatte er sich mittlerweile etabliert. Er fand Freunde, die meisten von
ihnen waren ebenfalls Lateinamerikaner. Er heiratete erneut.
## Plötzlich hinter Gittern
Ein Sprung nach vorne, 2025. Am Tag seiner Festnahme war Rivera noch
schnell angehalten, um Futter für seine Haustiere zu kaufen. Plötzlich sah
er Blaulichter. Über einen Lautsprecher forderten Polizisten ihn auf,
stehenzubleiben. Sie überprüften seinen Aufenthaltsstatus, dann nahmen sie
ihn fest.
Seiner Frau teilten die Behörden mit, dass sie ihn in das Montgomery
Processing Center bringen würden. Die Einrichtung wird vom privaten
Unternehmen GEO Group betrieben und vom [2][US-Einwanderungs- und Zollamt
ICE] (Immigration and Customs Enforcement) bewacht.
Dort angekommen, steckten sie ihn zunächst in die sogenannte „Hielera“ –
die Eiskammer. „Das ist ein winziger, eiskalter Raum. Bis zu 60 Menschen
werden dort untergebracht.“ Geschlafen habe er im Sitzen oder in der Hocke,
weil es keinen Platz gab. Bis die ganze Aufnahmeprozedur abgeschlossen war,
vergingen fast zweieinhalb Tage.
Rivera erinnert sich an die Etagenbetten, in denen die Menschen „Kopf an
Kopf“ schliefen. Es gab auch einen umzäunten Bereich, in dem sie etwas
Sonne abbekamen. Die Toiletten und Duschen boten immerhin einen kleinen
Rest Privatsphäre. „Dieses Gefängnis war noch gut im Vergleich zu dem, in
dem ich später war“, sagt er. Sein Weihnachten verbrachte er in diesem
Zentrum – 24 Jahre nach jenem ersten Weihnachtsfest, an dem er auf dem Sofa
eines Bekannten geweint hatte.
## Klos ohne Trennwände
Als ein Anwalt seinen Fall übernahm, wurde Ronald in eine Einrichtung von
CoreCivic in Houston, Texas, verlegt. „Das sind komplett geschlossene
Räume. Man weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist.“ Die Toiletten bestanden
aus zehn offenen Klos ohne Trennwände. Die Duschen befanden sich in einem
Raum mit drei ebenfalls offenen Duschplätzen.
Auch das Essen war knapp und von schlechter Qualität. In der Einrichtung
erlitt Rivera eine gesundheitliche Krise, die ihn für mehrere Wochen auf
eine Gehhilfe angewiesen sein ließ. Als seine erste Anhörung stattfand,
konnte er nicht selbstständig gehen. Sie wurde virtuell abgehalten.
Insgesamt gab es drei Termine, zwischen denen jeweils etwa 20 Tage lagen.
Die ganze Zeit blieb er in der Einrichtung.
Im März entschied der Richter, ihn gegen Kaution freizulassen. Allerdings
musste Rivera eine elektronische Fußfessel tragen, da noch nicht
entschieden war, ob er nach Guatemala zurückkehren musste. Er suchte sich
eine Wohnung, eine Arbeitsstelle und einen neuen Anwalt. Seine Ehe war
zerbrochen, ebenso das gemeinsame Vermögen, das beide in 18 Jahren
aufgebaut hatten. Rivera zog von Houston nach Cleveland in Texas. Weil er
sich keinen privaten Anwalt mehr leisten konnte, wechselte er zu einem
Anwalt, der soziale Unterstützung anbot.
Als er zu einem regulären Gerichtstermin erschien, erfuhr er, dass sich in
seinem Fall nichts getan hatte. Die Fußfessel reichte nun nicht mehr aus.
Er musste entweder erneut inhaftiert oder abgeschoben werden.
## Noch einmal von vorn
Am 17. Juni 2026 wurde Ronald nach Guatemala abgeschoben. Nach Angaben des
guatemaltekischen Migrationsinstituts IGM wurden zwischen Januar und der
zweiten Oktoberwoche insgesamt 51.198 Menschen aus den USA nach Guatemala
abgeschoben.
Ronald kam in seiner Heimat an, ohne auch nur ein Ausweisdokument zu
besitzen und ohne einen Ort, an dem er schlafen konnte. Seine Familie lebte
in Quetzaltenango, weit entfernt von der Hauptstadt. Die Zeit und die
räumliche Distanz hatten auch die Beziehung zu seinen Kindern belastet.
Schließlich fand er die [3][„Casa del Migrante“], eine von der
Ordensgemeinschaft der Scalabrinianer betriebene Organisation, die
Migrant*innen unterstützt. Dort blieb er fast einen Monat.
Über seine Rückkehr sagt Rivera: „Ich hadere mit nichts. Im Gegenteil, Gott
sei Dank bin ich hier, in meinem eigenen Land.“ Er habe Arbeit gefunden,
schlafe gut. Und vor allem: Er muss nicht mehr damit rechnen, dass sie ihn
morgen wieder festnehmen.
Als er gefragt wird, was er in den USA am meisten vermisst, werden seine
Augen feucht. „Ich vermisse all den Komfort, den ich hatte. Ich habe
geschuftet, gelitten und mir alles aufgebaut, was wir dort hatten.“ Sogar
seine Werkzeuge vermisse er. Dann hält er kurz inne und erzählt von seinen
Freunden in den USA, die ihm schreiben: „Wir schicken dir eine Umarmung. Es
ist schwer, aber du musst weitermachen. Du lebst.“
[4][Melani Coyoy] ist eine Journalistin und Podcasterin aus Guatemala. Sie
arbeitet für das Online-Medium [5][Plaza Pública].
Übersetzung aus dem Spanischen von Niklas Franzen
6 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://migranto.io/country/guatemala/diaspora
(DIR) [2] /WM-in-New-York/!6195399
(DIR) [3] https://www.simn-global.org/centros-scalabrinianos/centro/mountain-cycling/
(DIR) [4] https://plazapublica.com.gt/author/melani-coyoy/
(DIR) [5] https://plazapublica.com.gt/
## AUTOREN
(DIR) Melani Coyoy
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