# taz.de -- Historiker über Wikingerlegenden: „Die allermeisten Menschen waren keine Seeräuber“
       
       > Das Bild, das viele Menschen von Wikingern haben, ist mehr als schräg,
       > sagt Matthias Toplak. Das liegt auch an den Nazis. Wie waren sie also
       > wirklich?
       
 (IMG) Bild: Auf den Spuren der Wikinger im Freilichtmuseum von Haithabu
       
       taz: Herr Toplak, um Wikinger ranken sich viele Mythen. In Serien und
       Büchern kommen sie gerne als kampflustige Hünen mit Hörnerhelmen vor, die
       in Drachenbooten ständig auf Raubzug gingen. Nun habe ich bei meiner
       Recherche erfahren, dass Wikinger nicht mal der richtige Begriff für die
       Menschen der Zeit ist. 
       
       Matthias Toplak: Das stimmt. Der Name „Wikinger“ stammt vom Altnordischen,
       „fara i víking“ und bedeutet so viel wie auf Raubzug zu gehen. Das machten
       allerdings längst nicht alle Menschen, die wir heute als Wikinger
       bezeichnen. Der Begriff hat sich für eine ganze Kultur eingebürgert.
       
       taz: Was wäre denn eine korrektere Bezeichnung? 
       
       Toplak: Vermutlich trifft es Menschen aus dem altnordischen Kulturraum
       besser. Zugegeben, das klingt nicht annähernd so gut wie Wikinger.
       
       taz: Und wie entstand die Vorstellung, dass die Menschen aus dem Norden so
       gerne plünderten und brandschatzten? 
       
       Toplak: Dieses Bild entstand schon sehr früh. Die meisten Überlieferungen
       über die Zeit der Wikinger stammen von christlichen Mönchen. Sie waren oft
       Leidtragende der Überfälle. Immerhin waren die reichen Kirchen und Klöster
       lohnende Ziele für die Wikinger. Dort gab es kaum Widerstand, aber reiche
       Beute. Die Berichte über die brutalen Überfälle sind durchaus glaubhaft,
       allerdings überstrahlen sie viele andere Facetten des altnordischen
       Kulturraums.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Toplak: Die [1][allermeisten Menschen waren keine Seeräuber], sondern
       Bauern, Fischer, Handwerker oder Händler. Schätzungen zufolge lag der
       Anteil der Menschen, die zumindest einmal im Leben auf Raubzug waren, bei
       etwa fünf bis zehn Prozent. Die überwiegende Mehrheit der Männer der
       skandinavischen Wikingerzeit ist nie weiter als bis zum nächsten Marktplatz
       gekommen.
       
       taz: Aber der Teil mit den Schiffen stimmt schon … 
       
       Toplak: Tatsächlich kommen die Menschen auf dem Seeweg weit in der Welt
       herum. Neben den Raubzügen schaffen es Händler bis nach Zentralasien und in
       die islamische Welt. Und es entstehen Siedlungen auf Island und Grönland.
       
       taz: Der Begriff Wikinger impliziert ja auch eine gewisse gemeinsame Kultur
       und ein gemeinsames Verständnis als „Volk“. Doch wie viel haben „Wikinger“
       aus Schweden, Schleswig-Holstein oder Island gemeinsam? 
       
       Toplak: Über die Gemeinsamkeiten wird in der Forschung viel diskutiert.
       Aber ich denke, wir können durchaus von einem altnordischen Kulturraum
       sprechen. Es gibt doch einige verbindende Elemente, also neben der
       seefahrtfokussierten Lebensweise. Zum Beispiel wird eine relativ
       einheitliche Sprache gesprochen, das Altnordische. Damit konnte man sich
       von Haithabu bis nach Grönland verständigen.
       
       taz: Haithabu war eine Wikinger-Siedlung im heutigen Schleswig-Holstein.
       Sie leiten das archäologische Museum dort. Welche weiteren verbindenden
       Elemente gab es? 
       
       Toplak: Dazu kommt der Vielgötterglaube mit Odin und Thor als obersten
       Gottheiten, den wir sowohl in Haithabu als auch auf Island belegen können.
       Auch Architektur und materielle Kultur sind relativ einheitlich, man denke
       zum Beispiel an die charakteristischen Langhäuser, die in abgewandelter
       Form vom Nordatlantik bis nach Osteuropa zu finden sind. Deutlich
       vielfältiger war dagegen das Aussehen. In Gräbern, die wir als
       „Wikingergräber“ einordnen, finden sich auch Slawen, Angelsachsen oder
       Franken. Das heißt, unter den Wikingern waren mit großer Wahrscheinlichkeit
       auch Menschen mit dunklen Haaren, dunklen Augen und dunklerer Hautfarbe.
       
       taz: Wir haben hier also Menschen, die zwar gerne zur See fahren und die
       Welt entdecken, aber oftmals auch einen stinknormalen Alltag leben. Wie
       wurden ausgerechnet die Wikinger zu einer Projektionsfläche für völkische
       Ideologien? 
       
       Toplak: Anders als bei antiken Hochkulturen wie Ägyptern oder Römern gibt
       es im Nordischen Kulturraum noch große Wissenslücken, die die Archäologie
       nicht füllen konnte. Es gibt zum Beispiel kaum Schriftquellen. Wir kennen
       zwar mehrere Tausend Runeninschriften, aber die sind kurz und knapp und
       liefern kaum Einblicke in den Alltag. Dieses Ungewisse lässt sich eben
       bequem durch eigene Narrative füllen. Die politische Instrumentalisierung
       der Wikinger setzt schon im 17. Jahrhundert ein, als man vor allem in
       Skandinavien begann, sie als besondere Vorfahren zu stilisieren.
       
       taz: Als solche wollten sie auch die Nazis sehen? 
       
       Toplak: Genau, auch die [2][Nationalsozialisten bedienten sich munter an
       den Wikingern]. Das Bild der großen, blonden, blauäugigen, auffällig
       glattrasierten Hünen, mit dem noch Schulwandbilder in den Achtzigern
       arbeiteten, geht auf die NS-Zeit zurück und hat sich bis heute festgesetzt.
       Zum Beispiel versuchen bis heute extreme Rechte, Wikinger für sich zu
       besetzen. Das geht so weit, dass wir uns hier mit dem Wikinger Museum
       Haithabu sehr konsequent gegen rechtsextreme Vereinnahmung positionieren
       müssen, so haben wir eine strenge Hausordnung, etwa zum Tragen von
       Symbolen.
       
       taz: Welche Auswirkungen hatte die NS-Instrumentalisierung auf die
       Forschung? 
       
       Toplak: Heinrich Himmler trieb in den Dreißigerjahren mit viel Geld und
       Personal die Ausgrabungen in Haithabu voran. Man hoffte, hier Belege für
       die Kulturhöhe des germanischen „Herrenmenschen“ zu finden. Was der
       damalige Ausgrabungsleiter Herbert Jankuhn fachlich leistete, war durchaus
       präzise und für ihre Zeit wegweisende Archäologie. Die Schlüsse daraus
       bedienten aber die rassistische NS-Ideologie.
       
       taz: Dabei schienen die Wikinger eher Kosmopoliten gewesen zu sein. Was
       berichten denn die arabischen Händler über die Nordmänner, mit denen sie
       Handel trieben? 
       
       Toplak: Im zehnten Jahrhundert verfassten arabische Gelehrte und Diplomaten
       sehr detaillierte Reiseberichte. Der Händler Ibrahim ibn Yaqub at-Tartuschi
       kam bis nach Haithabu und berichtete über den Alltag. Und der islamische
       Gelehrte Ibn Fadlan traf in Osteuropa auf die Skandinavier und erzählt von
       ihnen. Diese Schriftquellen sind extrem wertvoll, weil sie eben
       unverfälscht sind. Anders als die christlichen Quellen hatten die
       arabischen Gelehrten kein Interesse daran, die Nordleute besonders
       diabolisch darzustellen, sondern beschrieben sie relativ neutral. Sie
       wundern sich höchstens mal über verrückte Angewohnheiten.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Toplak: Besonders irritiert sind die gläubigen Muslime von der
       vergleichsweise freizügigen Sexualmoral der Nordleute. Die Männer und
       Frauen baden gemeinsam und haben auch offen vor anderen Geschlechtsverkehr.
       Solche Einblicke lassen sich mit rein archäologischen Quellen nicht
       nachweisen.
       
       taz: Wie viel lässt sich denn über die Geschlechterrolle bei den Wikingern
       sagen? 2017 wurde zum Beispiel in Birka die DNA-Analyse eines Grabs
       veröffentlicht, in dem eine Frau mit Kriegerausstattung lag. 
       
       Toplak: Der Blick auf die Geschlechterrolle ist wieder ein gutes Beispiel
       für den ideologisch-verklärten Blick. Im 19. Jahrhundert wünschten sich die
       Archäologen eindeutige Geschlechterverhältnisse, Mann im Krieg, Frau am
       Herd. Heute erleben wir eher das Gegenteil, wir hoffen auf möglichst viel
       Gleichberechtigung und eine Geschlechtervielfalt. Beides sind Vorannahmen,
       die tatsächliche Ereignisse zu verdrängen drohen. Aus den Inschriften auf
       Runensteinen oder prächtigen Gräbern lässt sich aber entnehmen, dass freie
       Frauen (Anm. der Redaktion: Frauen, die nicht Sklavinnen oder Mägde sind)
       durchaus einflussreich waren. Sie konnten allein einen Hof führen, sich
       scheiden lassen und waren erbberechtigt. Ganz verwunderlich ist das auch
       nicht. Wenn die Männer auf Raubzug oder Handelsreise waren, musste jemand
       den Hof am Laufen halten. Das war die Aufgabe der Frauen.
       
       taz: Wie hilfreich sind Serien wie „[3][Vikings]“ für Ihre Arbeit – Fluch
       oder Segen? 
       
       Toplak: Beides zugleich. Besucherinnen und Besucher kommen oft mit falschen
       Erwartungen zu uns nach Haithabu und sind teils enttäuscht, wenn wir nicht
       das liefern, was sie aus den Serien kennen. Allerdings will „Vikings“ ja
       auch keine historische Dokumentation sein, sondern als Serie unterhalten.
       Gleichzeitig steigt das Interesse messbar, wenn eine neue Staffel
       erscheint. Und wenn von hundert Besuchern, die wegen der Serie kommen, zehn
       am Ende sagen „die echte Wikingerzeit ist ja noch spannender“, dann ist das
       ein Erfolg.
       
       24 Oct 2026
       
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