# taz.de -- Ein Fan-Leben mit Hertha: Die alte Dame und der alte Herr
       
       > Unser Autor ist seit frühester Jugend Hertha-Fan. Er durchlebte manch
       > schöne und viele schlechte Zeiten. Jetzt aber wird vielleicht endlich
       > alles gut.
       
 (IMG) Bild: Diesmal nicht unser Autor: Mann mit Hertha-Fahne im Olympiastadion
       
       Ich kann doch nichts dafür. Es ist die Ungnade des falschen Geburtsortes,
       dass ich seit frühester Jugend Anhänger von [1][Hertha BSC] bin. Als
       Hertha-Fan darf man allerdings nicht zimperlich sein. Hertha, gegründet
       1892, war einer der ersten reinen Fußballklubs in Deutschland und außerdem
       Gründungsmitglied der Bundesliga. Mit über 60.000 Mitgliedern ist es einer
       der 15 größten Sportvereine Deutschlands.
       
       Ich war schon als 12-Jähriger regelmäßig bei den Heimspielen im
       [2][Olympiastadion], immer mit einer riesigen Hertha-Fahne, die meine
       Mutter genäht hatte. Dafür gibt es Beweise: In der „Sportschau“ mit Ernst
       Huberty war deutlich zu sehen, wie nach dem 2:1-Sieg über den 1. FC Köln im
       September 1968 eine riesige Fahne mit einem Jungen aufs Spielfeld stürmte.
       Das war ich.
       
       Herthas große Zeiten lagen da aber schon länger zurück. Nach vier
       verlorenen Endspielen nacheinander klappte es endlich 1930 durch ein 5:4
       gegen Holstein Kiel mit der deutschen Meisterschaft und erneut ein Jahr
       später durch ein 3:2 gegen 1860 München. In beiden Spielen erzielte
       [3][Hanne Sobek] jeweils zwei Tore.
       
       Ich kaufte meine Fußballutensilien allerdings bei Hanne Berndt, dem
       großartigen Stürmer von Tennis Borussia, der nach dem Ende seiner Karriere,
       in deren Verlauf er mehr als tausend Tore erzielt hatte, ein
       Sportartikelgeschäft in der Damaschkestraße eröffnet hatte – gleich um die
       Ecke von der Landespostdirektion, wo mein Vater arbeitete. Berndt war
       meistens schlecht gelaunt, was vielleicht am Job und an meinem
       Hertha-Trikot lag. Man stelle sich vor, Messi müsste am Ende seiner
       Karriere Fußballschuhe an Kinder in Spanien-Trikots verkaufen. Berndt starb
       1988 am 9. April, dem Gründungstag von Tennis Borussia.
       
       ## Reumütige Rückkehr
       
       Der Wirt in der Kantine der Landesportdirektion hieß übrigens Usbeck, und
       sein Sohn Ingo wurde für einen sehr kurzen Augenblick mein Held. 1965 war
       Hertha aufgrund schwerer Verstöße gegen die Statuten in die Regionalliga
       zurückgestuft worden. Den Platz in der Bundesliga nahm Tasmania 1900 ein.
       Nach dem 2:0 am 1. Spieltag gegen Karlsruhe träumte ich bereits von der
       Meisterschaft, zumal Ingo Usbeck beide Tore erzielt hatte. Und der war
       praktisch ein Familienmitglied.
       
       [4][Wie es mit Tasmania weiterging, ist bekannt], und ich kehrte reumütig
       zu Hertha zurück. Dort, in der Altherrenmannschaft, landete übrigens auch
       Usbeck später. Drei Jahre nach dem Zwangsabstieg kehrte die alte Dame
       wieder in Deutschlands Eliteklasse zurück. Und es ging aufwärts. 1970 und
       1971 kam Hertha auf den 3. Platz, und im Uefa-Pokal scheiterte man erst im
       Viertelfinale an Inter Mailand.
       
       ## Es ging nicht lange gut
       
       Aber das ging, wie bei Hertha üblich, natürlich nicht lange gut. Fast die
       gesamte Mannschaft war in den [5][Bundesligaskandal 1971] verwickelt und
       wurde gesperrt. Sie hatten sich die 0:1-Heimniederlage gegen Arminia
       Bielefeld mit insgesamt 250.000 Mark bezahlen lassen. Torwart Volkmar Groß,
       der ebenfalls abkassiert hatte, eröffnete später einen Autoladen direkt vor
       unserer Haustür in der Eisenzahnstraße.
       
       Bald ging es wieder aufwärts, 1975 erreichte Hertha mit der
       Vizemeisterschaft den bislang größten Erfolg des Vereins. 1978 wurde man
       nochmals Dritter. Danach ging es wieder bergab. Der Tiefpunkt kam 1986, als
       Hertha in die Amateuroberliga abstieg und im maroden Poststadion vor einer
       Handvoll Zuschauer spielen musste. Da wohnte ich allerdings schon in Irland
       und beobachtete aus der Ferne, wie mein Klub zur Fahrstuhlmannschaft wurde.
       
       Meine Freunde Fritz Eckenga, [6][Wiglaf Droste], Klaus Bittermann und
       Friedrich Küppersbusch – allesamt Borussia-Dortmund-Fans – schickten stets
       hämische E-Mails, bis Droste die anderen aufforderte, Mitleid zu zeigen.
       Das war schlimmer als die gehässigen Kommentare. Da nützte auch mein
       Hinweis auf Herthas höchsten Bundesligasieg nichts: 9:1 gegen den BVB am
       18. April 1970.
       
       [7][2023 folgten der siebte Bundesligaabstieg] und der drohende Bankrott.
       Nach 16 Abgängen und dem Verlust der besten Spieler dachte ich:
       schuldenfrei in Liga drei. Und jetzt? Tabellenführer! Gegen den
       Tabellenletzten Holstein Kiel gab es am Freitag aber nur ein Unentschieden.
       Es sei den Störchen gegönnt, schließlich haben sie Hertha 1930 die
       Meisterschaft beschert. HaHoHe.
       
       23 Oct 2026
       
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