# taz.de -- Influencer Delay Sports: Ohne Zögern straight nach oben
       
       > Delay Sports Berlin spielt in der Bezirksliga der Hauptstadt. Neben
       > zahlreichen Followern auf Social Media hat der Klub plötzlich jede Menge
       > Geld.
       
 (IMG) Bild: Reiner Zufall, dass die Trikots so aussehen wie die des FC Bayern? Delay Sports in der Berliner Bezirksliga
       
       Am Spielfeldrand in Berlin-Wilmersdorf stehen eine Mutter und ihr
       16-jähriger Sohn, vor ihnen beginnt das Bezirksligaspiel Delay Sports
       Berlin gegen SV Stern Britz. Die etwa 250 Zuschauer wirken fast intim im
       Vergleich zum digitalen Publikum. Innerhalb einer Woche [1][sehen über
       310.000 Fans die Partie auf Youtube]. Auf Instagram folgen Delay Sports
       mehr Menschen als manchem Bundesligisten wie Union Berlin oder St. Pauli.
       
       Die Gesichter hinter dieser Reichweite sind die Streamer Elias Nerlich und
       Sidney Friede, die den Verein 2021 gründeten. Ihr Narrativ: Fußball aus
       purer Liebe. „Das ist alles andere als ein Konstrukt, um Geld zu
       verdienen“, beteuerte Nerlich 2025. Nach dem ersten Spiel drei Jahre zuvor
       sagte er: „Jeder Spieler, der in unserem Verein spielt, der bekommt keinen
       Cent. Der bekommt vielleicht nach dem Spiel ein kühles Blondes und einen
       Klaps von mir auf den Po, weil er ein geiles Spiel gemacht hat.“
       
       Doch wer die reine Liebe zum Sport plakatiert, während er gleichzeitig ein
       hocheffizientes Medienimperium aufbaut, erntet zwangsläufig Skepsis. Fünf
       Jahre nach der Gründung steht nun eine Investition im zweistelligen
       Millionenbereich kurz vor dem Abschluss. Höchste Zeit für eine
       Bestandsaufnahme.
       
       Schon die Vereinsidentität ist ein geschickter Schachzug in Sachen
       Markenpsychologie. Die Community durfte über Namen, Farben und Wappen
       abstimmen. Eine demokratische Partizipation, die faktisch primär der
       maximalen emotionalen Bindung dient. Besonders deutlich wird der
       Widerspruch beim Trikot. In der Startphase prangte die eigene Getränkemarke
       der Gründer auf der Brust. Aktuell trägt das Team das Logo der Deutschen
       Krebshilfe. Doch die Philanthropie fungiert hier lediglich als Platzhalter.
       Nerlich kündigte bereits offen an, dass dieses Logo bald auf den Ärmel
       weichen wird, sobald ein passender Sponsor gefunden ist.
       
       ## 90 Minuten in eine Richtung
       
       Es ist eine etappenweise Kommerzialisierung. Erst macht man den Fan zum
       Mitgestalter, um ihn später als Teil einer hocheffizienten Werbefläche zu
       vermarkten. Wer dieses Gefühl der Zugehörigkeit auch physisch tragen will,
       muss tief in die Tasche greifen. Das Trikot, in dem die Spieler heute in
       Wilmersdorf auflaufen, [2][kostet im Fanshop stolze 97,10 Euro]. Damit ist
       das Jersey teurer als das der meisten Bundesligisten. Auf dem Feld erinnert
       das rot-goldene Design an die Triplesaison des FC Bayern 2013. Auch, dass
       90 Minuten nur auf ein Tor gespielt wird ist bayernlike.
       
       „Wie steht’s gleich noch mal?“, fragt Delay-Trainer und Ex-Profi Kevin
       Pannewitz seine Bank. Die Partie endet 8:0. Es ist ein bekanntes Skript.
       [3][Seit dem Ligastart 2022 hat die Mannschaft 98 von 104 Spielen
       gewonnen], bei einem Torverhältnis von 700:76. So wirkt der vierte Aufstieg
       in Serie wie eine bloße Formalität und die sportliche Dominanz wie das
       notwendige Beiwerk, um die Erzählung vom ehrlichen Fußball
       aufrechtzuerhalten.
       
       „Wir haben einen Kader, mit dem können wir Oberliga spielen“, meint Torwart
       Lukas Betz. Ein Blick in die Viten der Spieler gibt ihm recht: Viele
       schnupperten bereits Oberliga- und Regionalligaluft, Spielmacher Sidney
       Friede stand einst im Bundesligakader von Hertha BSC. Für die meisten
       Akteure ist daher der Wechsel sportlich ein klarer Rückschritt. „Ehrlich
       gesagt, frage ich mich selber manchmal, warum Spieler aus höheren Ligen auf
       Geld und sportlichen Anreiz verzichten und zu uns kommen“, meint der
       sportliche Leiter Andreas Schild.
       
       Offiziell fließen keine Gehälter. Es lockt die indirekte Aussicht auf
       Monetarisierung. „Ich glaube, einige erhoffen sich hier mehr vom
       Social-Media-Bereich, als dann wirklich möglich ist“, erklärt Schild. Lukas
       Betz ergänzt: „Der Traum vom Fußballprofi hat halt nicht geklappt. Delay
       ist eine zweite Bühne. Die Präsenz in den sozialen Medien ist attraktiv. Da
       muss man nicht drüber lügen.“
       
       ## Privilegien zum Start
       
       Auch der Berliner Fußballverband lässt sich gern blenden. Dass der Klub
       durch eine Sondergenehmigung die übliche dreijährige Wartezeit in der
       Freizeitliga überspringen durfte, war der erste Hinweis, dass eine große
       Reichweite Sonderrechte verspricht. BFV-Pressesprecher Martin Meyer
       begründet den Schritt mit dem Ziel, „sich professionell und innovativ im
       Verband aufstellen zu wollen“. Doch die harmonische Ehe zwischen Verband
       und Verein bekam zuletzt Risse.
       
       Neulich hatte sich Delay-Präsident Elias Nerlich über eine Rotsperre
       beschwert. „Rote Karte? Ja. Sperre? Ja. Fünf Spiele? Nein. Die alten Säcke
       da mögen uns nicht.“ Laut Andreas Schild erhielt der BFV daraufhin
       Drohnachrichten. Der Verein verurteilte das allerdings scharf. Martin Meyer
       vom BFV schildert: „Ich kann bestätigen, dass wir Nachrichten von Fans
       bekommen haben, die sich mit dem Urteil nicht zufrieden gezeigt haben, aber
       ich kann nicht den Zusammenhang herstellen, ob das durch die Botschaften
       von Elias Nerlich passiert ist oder aus eigenem Antrieb. Das wäre
       unseriös.“
       
       Es wirkt, als wolle der BFV die Eskalation mit dem Medienriesen tunlichst
       vermeiden. So hat der Verband trotz der nicht ganz sachlichen Kritik die
       Sperre auf drei Spiele reduziert. Und spätestens nachdem man sich zu „guten
       und konstruktiven Gesprächen“ getroffen hat, herrscht offiziell wieder
       Harmonie.
       
       Selbst die Bezirksligagegner sind Fans. Aus purer Not stehen sie Spalier.
       „Wir sind ein kleiner Verein. Jeder Euro, der da reinkommt zählt“, meint
       ein Vereinsverantwortlicher. Ein anderer sagt: „Wir haben mehr
       Eintrittskarten und Wurstsemmeln verkauft. Das sind Einnahmen, die wir bei
       keinem anderen Spiel sonst hatten.“ Wo auch eine gesunde Skepsis gegenüber
       der Eventisierung des Amateurfußballs herrschen könnte, regiert
       pragmatische Gier. Die erhöhten Einnahmen schmecken den klammen Kiezklubs
       gut. So degradieren sich die Vereine zu Statisten der Delay-Show.
       
       ## Trainingslager im DFB-Homeground
       
       Delay Sports ist derweil längst auf der Durchreise. In dieser Saison lud
       Adidas die Mannschaft zum Sommertrainingslager nach Herzogenaurach ein, wo
       sonst die deutschen Nationalmannschaften kampieren. Im Winter ging es zu
       einem gesponserten Trainingslager nach Ägypten, wobei die Spieler ihre
       Flüge selbst zahlen mussten. Das größte Problem bleibt die fehlende
       Infrastruktur.
       
       „Wir haben keine Heimat“, konstatiert Schild. So sind die
       Expansionsmöglichkeiten begrenzt, dennoch wächst der Verein rasant. Neben
       drei Herrenmannschaften und zwei Jugendmannschaften soll nun ab nächster
       Saison die erste Frauenmannschaft an den Start gehen. Mit den Frauen möchte
       man mittel- bis langfristig in die Regionalliga.
       
       In Berlin herrscht ein massiver Sportstättennotstand. Die meisten Vereine
       müssen sich ihren Platz mit anderen Vereinen teilen. Bisher auch Delay
       Sports, der nun eine Alternativlösung parat hat. Nach der Insolvenz des FC
       Viktoria 1889 Berlin will der Verein das 83.000 Quadratmeter große Areal
       übernehmen. Über 20 Millionen Euro sollen in den Kauf und in die
       Renovierung investiert werden.
       
       Die Verantwortlichen träumen von vier Fußballplätzen, einer Sporthalle,
       Veranstaltungsräumen, einem Burger-Restaurant und einer Dönerbude. Das Geld
       soll durch Sponsoren, Merch und Events erwirtschaftet werden. Präsident
       Nerlich ruft bereits zum Trikotkauf auf, um das Projekt zu finanzieren.
       
       Hier klafft die Lücke zwischen Romantik und Ambition endgültig auf. Das
       „kühle Blonde und der Klaps auf den Po“ waren das Fundament, doch das Ziel
       ist ein privates Sportimperium, das mit dem klassischen Vereinswesen nur
       noch den Namen teilt. Delay Sports wird sich entscheiden müssen. Bewahrt
       man den Kern der Kumpelfolklore oder lässt man sie zur Marketinghülse für
       das nächste Großinvestment verkommen? Aktuell sieht es so aus, als würde
       der Berliner Breitensport nicht bereichert, sondern als Content-Kulisse
       privatisiert werden. In Wilmersdorf wird zwar noch Fußball gespielt, aber
       eigentlich geht es längst um etwas anderes: die kühle Effizienz eines
       Vereins auf Durchreise.
       
       2 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=LDg4tJO0ttg&pp=0gcJCd8KAYcqIYzv
 (DIR) [2] https://www.11teamsports.com/de-de/p/adidas-delay-sports-trikot-special-edition-2025-2026-rot
 (DIR) [3] https://www.fussball.de/mannschaft/delay-sports-berlin-delay-sports-berlin-berlin/-/saison/2526/team-id/02IIC303L4000000VS5489B1VSO9MMK0#!/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jona Killius
       
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