# taz.de -- Russische Propaganda nach Angriff: Eigene Schäden sind im Staatsfernsehen kaum ein Thema
       
       > Erstmals wird Russlands zweitgrößte Stadt von ukrainischen Drohnen gleich
       > mehrfach getroffen. Dem Staatsfernsehen ist dies kaum Sendezeit wert.
       
 (IMG) Bild: Feuerschwaden über einem St. Petersburger Industriegebiet nach ukrainischem Drohnenangriff
       
       Kaum Sendezeit war dem russischen Fernsehen der heftigste Angriff auf St.
       Petersburg seit Kriegsbeginn wert. In der Nacht auf den 18. Oktober knallte
       und brannte es gleich in mehreren Stadtteilen. Zwei Öllager gingen in
       Flammen auf, eine der wichtigsten Brücken über die Newa wurde getroffen,
       ein Logistikzentrum des Internethändlers Ozon und ein Rechenzentrum des
       IT-Konzerns VK wurden schwer getroffen.
       
       Es gab Verletzte, ein Autofahrer wurde von herabstürzenden Drohnenteilen
       tödlich getroffen. Es ist der erste zivile Kriegstote in der nördlichen
       Metropole Russlands. Die schwarzen Rauchfahnen der brennenden Öltanks und
       Lagerhallen vernebelten die Stadt.
       
       In den 20 Nachrichtensendungen der Staatskanäle Rossija, Erster Kanal und
       NTW, die den ganzen Sonntag über und bis zum Montagvormittag ausgestrahlt
       wurden, gab es keine eigenständigen Berichte über den Angriff – die Sender
       beschränkten sich auf kurze Meldungen der Moderatoren, die nicht länger als
       eine Minute dauerten. Insgesamt gab es für den bisher schlimmsten Angriff
       auf die zweitgrößte russische Stadt weniger als fünf Minuten Sendezeit. Den
       Unruhen in Frankreich widmeten sie im gleichen Zeitraum hingegen mehr als
       eine Stunde.
       
       ## Ablenkung statt Information
       
       Und statt die Schäden zu zeigen, lenkte der Nachrichtensprecher von Rossija
       die Aufmerksamkeit des Fernsehpublikums insbesondere auf ein Detail: Die
       Kampfdrohnen seien über Hoheitsgebiet der benachbarten baltischen Staaten
       Richtung St. Petersburg geflogen. Woher sie kamen, sagte er nicht.
       
       Tatsächlich stand dieses Mal, anders als bei vorangegangenen Attacken,
       gleich eine ganze Palette völlig unterschiedlicher Ziele im Visier. Auf
       Satellitenaufnahmen sind eindeutige Schäden zu sehen. Der erste Großbrand
       infolge der Drohnenangriffe entstand kurz vor drei Uhr morgens im
       Ölterminal am Hafen, später brannten Teile eines Ölreservoirs am anderen
       Ende der Stadt. Getroffen wurden außerdem ein riesiges Logistikzentrum des
       Onlinehändlers Ozon und ein Rechenzentrum des IT-Konzerns VK.
       
       ## Ukraine zahlt Russland ähnliche Attacken heim
       
       Erstmals feuerte das ukrainische Militär Drohnen gezielt gegen eine Brücke.
       Dabei handelt es sich letztlich nur um eine spiegelbildliche Reaktion auf
       vorangegangene russische Attacken gegen Brücken über den Dnipro in Kyjiw.
       Jetzt wurde die erst 2016 fertiggestellte 622 Meter lange und achtspurige
       Korabelnyj-Brücke in der Flussmündung der Newa getroffen. Sie verbindet
       weit entfernt voneinander liegende, vom Wasser getrennte Stadtteile.
       
       Während die Staatskanäle schwiegen, kriegten die Menschen das Unheil mit:
       „Ich habe die ganze Nacht über Explosionen gehört“, berichtete der taz die
       Bewohnerin eines Hochhauses, das sich keine zwei Kilometer Luftlinie
       entfernt vom Ölterminal befindet.
       
       Als sie etwas später das Haus verließ, bot sich ihr ein Anblick von
       Zerstörung: Am anderen Ende des riesigen Blocks klafften an der Fassade
       Lücken von zerbrochenen Fenstern, Autos waren voller zersplitterter
       Glasscheiben, und an einer Stelle im Hof klaffte ein riesiger Trichter im
       Boden. In diesem Haus blieben zumindest die Bewohner*innen verschont.
       Auf dem Kosmonautenprospekt war hingegen eine Drohne direkt in ein
       Wohngebäude eingeschlagen, dort gab es Verletzte.
       
       Wohin Menschen sich im Alarmfall in Sicherheit bringen können, dürften nur
       die wenigsten wissen. Die Behörden geben Adressen von Luftschutzräumen nur
       auf Anfrage bekannt. Das St. Petersburger Onlineportal Fontanka berichtete,
       dass bei der Haushaltsdebatte für die kommenden Jahre die Vernachlässigung
       vorhandener Schutzräume zwar zur Sprache kam. Geld ausgeben will die Stadt
       für deren Reparatur und Ausstattung aber nicht. Die für den Zivilschutz
       vorgesehene Summe wurde fast komplett gestrichen.
       
       20 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Vera Bessonova
       
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