# taz.de -- 20 Jahre „Back to Black“ Amy Winehouse: Es gibt noch was zu holen im Bienenkorb
> 2006 machte die britische Sängerin Amy Winehouse mit ihrem Album „Back to
> Black“ Furore. Ein persönlicher Rückblick auf jene Zeit.
(IMG) Bild: 20 Jahre „Back to Black“ und eine Neuauflage zum Jubiläum: Amy Winehouse starb 2011 mit nur 27 Jahren
„What kind of fuckery is this?“, möchte man mit einer von [1][Amy
Winehouse’] lustigsten Wortschöpfungen ausrufen. Vor 20 Jahren, am 27.
Oktober 2006, erschien ihr Album „Back to Black“, und nun kommt aus diesem
Anlass ein Jubiläumspaket mit drei transparenten Vinyllangspielplatten auf
den Markt, das neben dem Original-Studioalbum bislang unveröffentlichte
Demos und seltene Single-B-Seiten enthält sowie den Mitschnitt eines
Live-Auftritts in Amsterdam vom Februar 2007. Das Ganze garniert mit
„brandneuer alternativen Cover-Artwork“, handgeschriebenen Songtexten in
Winehouse’ original Künstlerklaue, bisher unveröffentlichten Fotos,
Linernotes, angepriesen mit jeder Menge theatralischer
Berichterstattungs-Sperrfristen und Promotion-Jubelfloskeln.
Fuckery, allerdings, denn „Back to Black“ bedarf keiner Ergänzung, keiner
Re-Irgendwas. Die elf von Mark Ronson und Salaam Remi produzierten Songs im
Neo-Northern-Soulsound stehen bis heute für sich. Der schunkelige „Ich lass
mir meine schöne Alkoholabhängigkeit nicht wegtherapieren“-Trotzsong
„Rehab“ macht noch immer gute Laune, weder [2][eine Lola Young] noch andere
zeitgenössische Winehouse-Epigoninnen haben bisher annähernd diese
Schlagseite hingekriegt.
Auf Wohlgefühl folgt der Reue-Comedown „I’m no good“ mit diesem schwer
stolpernden Rhythmus und einem einprägsamen Bläserarrangement: „You shrug
and it’s the worst / Who truly stuck the knife in first?“, ba-ba-ba- baaam,
ba-ba-ba-baaam, der beschwingte Beat steht quer zum selbstdestruktiven Text
und der darin ausgedrückten Verzweiflung, einfach ein zu schlechter Mensch
zu sein für eine große Liebe.
Düsterste Gefühle im Motown-Klanggewand: Als „Back to Black“ damals
erschien, schallte Winehouses’ abgehangene Neo-Soul-Stimme durch die
musikalische Landschaft wie die verdammten Trompeten von Jericho. Für mich
kam sie gerade recht. Nach Jahren der musikalischen Langeweile; Madonnas
Album „Confessions on a Dance Floor“ war gerade ein Jahr her. Obwohl „Hung
Up“ ein Monsterhit war, atmete die Madonna der nuller Jahre irgendwie auch
eine neoliberale Verzweiflung: Eine Popheldin meiner Jugend warf sich als
fitnessstudiogestählte Faceliftingkarikatur ihrer selbst zurück auf den
Markt.
## Die Dotcom-Blase war geplatzt
Das deprimierte mich nicht weniger als meine beiden [3][Indie-Role Models
Lydia Lunch] und P. J. Harvey, die weiter in ihren Postpunk-Schrei-und
Gitarren-Nischen vor sich hin wüteten, als ob die Achtziger und Neunziger
nie zu Ende gegangen seien. Waren sie aber, und das gerade erst
angebrochene Millennium fühlte sich auch schon wieder ranzig an: Die
Dotcom-Blase war geplatzt, Mieten wurden teurer, Clubs schlossen, der
Dancehallhype, der rund um [4][Seeeds Debütalbum „New Dubby Conquerors“]
das Berlin des Jahres 2001 mit jamaikanisch inspirierten Rhythmen und
Patois-Lyrics mit Berliner Schnauze belebte, erschöpfte sich in Kopien.
Als der Irakkrieg losbrach und Deutschland sich bei der Fußball-WM als
freundlicher „Schland“-Fähnchen-Gastgeber neu erfand, fand ich kurzfristig
musikalischen Trost [5][bei Jan Delay], der mit „Mercedes Dance“ Funk und
Soul auf Deutsch zum Glänzen brachte und neben schmetternden Trompeten
wenigstens ein bisschen Humor mitbrachte. Destruktiven Ausgleich (der Punk
in mir sehnte sich dann und wann nach schlechter Laune) suchte ich bei den
Babyshambles, die mit „Fuck Forever“ alles niederrotzten, was gut gelaunt
und gekämmt Normalität einforderte. Leider erwies sich [6][Pete Doherty
beim Konzert] als unangenehmer Druffi mit enttäuschend
langweilig-breitbeinigem Sound.
Und dann kam diese seltsam angezogene Bienenkorbfrisur-Lady aus England,
die ich unbedingt auf der Bühne sehen wollte. Winzig, aber geladen, im
Guten wie im Schlechten. Einmal hatte ich ein Ticket ergattert, aber das
Konzert fiel, wie öfter, (vermutlich alkohol- oder drogenbedingt) aus. Es
blieb aber die großartige Platte: Auf „Back to Black“ sang die noch junge
Winehouse mit der Stimme einer reifen Souldiva von Abstürzen, toxischen
Beziehungen, besoffenen Sexeskapaden und anschließendem Selbsthass. Die
Songtexte schrieb sie natürlich selbst: „What kind of fuckery are we /
Nowadays you don’t mean dick to me“, sang sie straßenmäulig – und legte
sich doch weinend „on the kitchen floor“ nieder, als sie es wieder einmal
vermasselt hatte mit der Liebe.
Der schmelzende Signature-Retro-Sound, den ihr Mark Ronson verpasst hatte,
wäre mit einem lieblicheren Frauenstimmchen vermutlich unerträglich
gewesen, aber für Amy Winehouse’ Reibeisenstimme und ihre wilden Texte bot
er die perfekte Unterlage. „Back to Black“ lief in kürzester Zeit überall:
im Radio, im Club, zu Hause, auf allen Dates. Man konnte beschwingt mit
„Rehab“ und „Me & Mr Jones“ anfangen und dann bedeutungsvoll zu „Back to
Black“ („We only said goodbye with words / I died a hundred times“)
wechseln – in meiner Kreuzberger Lieblingsbar konnte es schon mal
passieren, dass sich zu „Love Is a Losing Game“ die Stammgäste zu später
Stunde in den Armen lagen.
## Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft
Dass nach „Back to Black“ mitsamt der von Höhen und Tiefen geprägten Tour
nicht mehr allzu viel folgte, ist Musikgeschichte: 2011 starb Amy Winehouse
mit gerade 27 Jahren und nach zwei veröffentlichten Alben an einer
Alkoholvergiftung. Die Verzweiflung der Fans und ihrer Plattenfirma führte
schon [7][2011 zum ersten Tribute-Album „Lioness: Hidden Treasures.“] Jetzt
also noch mehr „verborgene Schätze“, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft?
Klar ist das ein kommerziell motivierter Wiederaufguss. Aber im Gegensatz
zur ewig tourenden „Tribute to Amy“-Show, die mit viel Mummenschanz
versucht, das „Original“ zu imitieren, auch ein schöner: Das Jubiläumspaket
enthält den Riesenhit „Valerie“ von 2007, in einer wunderbar cleanen
Liveversion für die BBC. Und noch ein paar andere hübsche Trouvaillen. Etwa
die Original-Demos von „I’m no Good“ und „Me & Mr Jones“, das im Original
noch „Fuckery“ hieß und mit einem schwer schleppenden Beat und halligen
TripHop-Einspielern statt des Motown-Hintergrundchors längst nicht so cool
daherkam wie die Albumversion.
Die verworfene Version von „I’ve Been Drinkin’ – Just Friends“ dagegen
klingt beschwingter als auf dem Album, aber genauso ausdrucksstark.
Überhaupt sind ein paar Perlen dabei, wie die neosouligen Tracks „Close to
the Front“ und „Do Me Good“, bei denen Winehouse stimmlich virtuos und
beinah unbeschwert klingt. Ein Hörgenuss ist auch das Live-Set aus dem
„Paradiso“ in Amsterdam – eins der seltenen Konzerte, auf denen Amy
Winehouse ihre unglaublich ausdrucksstarke und wandelbare Stimme voll
ausspielen konnte.
Und die vier Ska-Songs? Schon 2008 ätzte der Rolling Stone über eine
Winehouse-EP mit Coverversionen: „Überwiegend grauenvoll hören sich die
drei Interpretationen der Specials an: ‚Monkey Man‘ könnte zu Folterzwecken
missbraucht werden, ‚Hey Little Rich Girl‘ und ‚You’re Wondering Now‘ sind
auch nicht viel besser. Deutlich gelungener: Sam Cookes ‚Cupid‘. Aber die
Cover-Gestaltung ist toll!“
Ska war vielleicht nicht ihre Stärke. Und dennoch: Lieber lasse ich mich
von Amy Whinehouse foltern als von sonst jemand.
21 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nina Apin
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