# taz.de -- Schleswig-Holsteins Waldstrategie: Antistressplan für den Wald
> Schleswig-Holstein will seine Forste und Wälder nachhaltig umbauen: Mit
> der neuen Waldstrategie sollen sie klimaresilienter und artenreicher
> werden.
(IMG) Bild: Die Mischung macht's: Mehr als 90 Prozent der Wälder im Norden sind Mischwälder und es sollen noch mehr werden
Jörn Winter steht im Wald zwischen Eichen, Fichten und Buchen. Zu Füßen des
Revierförsters dieses Teils der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten
sprießen Schösslinge aus dem Moos. Eine Eiche ist dabei, auch eine kleine
Douglasie. Winter nickt: Die App auf seinem Tablet zeigt, dass diese Arten
zu dem Standort passen, auch dann noch, wenn die Region durch den
Klimawandel heißer und trockener wird.
In diesem Wald nahe Emkendorf ist also alles klar – aber wie sieht es
insgesamt in Schleswig-Holstein aus? Mit einer Waldstrategie entwirft
Forstministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU) einen Weg in die Zukunft. Der
Waldbesitzerverband lobt das Konzept, Umweltverbände sind skeptischer.
Lebensraum für Tiere, Erholungsort für Menschen, Klimaschützer und
Holzlieferant: „Der Wald ist für so vieles wichtig“, sagte Schmachtenberg
bei der Vorstellung ihrer Strategie im Landesforst. Schleswig-Holstein ist
das waldärmste Bundesland, nur 182.500 Hektar oder 11,5 Prozent der
Landesfläche sind mit Bäumen bedeckt. Zwölf Prozent sollen es werden,
lautet ein Ziel der Waldstrategie. Dazu will das Ministerium unter anderem
darauf drängen, dass [1][Ausgleichsflächen für andere Baumaßnahmen
aufgeforstet werden].
Auch Gespräche mit Wald- und Landbesitzenden sollen geführt und
Genehmigungsverfahren vereinfacht werden. Bis wann das Zwölfprozentziel
erreicht werden soll, bleibt allerdings offen.
## Mischwälder sind stabiler als Monokulturen
Ein weiteres Ziel ist, die Wälder fit für den Klimawandel zu machen.
Schleswig-Holstein stehe da deutlich besser da als andere Teile
Deutschlands, sagte Schmachtenberg. Unter anderem, weil die meisten Wälder
im Land bereits Mischwälder aus Laub- und Nadelbäumen sind – diese Form
gilt als stabiler als Monokulturen – und weil es im Norden mehr Wasser gibt
als im Süden oder Osten. In einigen Teilen Deutschlands, etwa in
Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, wachse in Zukunft vielleicht gar kein Wald
mehr, sagte Chris Freise, Direktor der Landesforsten Schleswig-Holstein.
Aber auch im Norden müsse etwas passieren.
Gerade in den landeseigenen und kommunalen Wäldern ist in den vergangenen
Jahren schon einiges umgesetzt worden. Fünf Prozent aller Waldflächen sind
komplett der Natur überlassen, hier bleibt etwa Totholz liegen, das vielen
Arten Lebensraum bietet. Auch Waldpädagogik und Informationen seien
wichtig, um Menschen zu überzeugen, auf den Wegen zu bleiben und
Schutzräume zu achten.
Etwas mehr als die Hälfte aller Waldflächen ist aber in privater Hand. Für
diese Privatleute biete die Strategie eine „Handreichung und ein Angebot“,
sagte Schmachtenberg. Bereits im Vorfeld sei das Papier mit allen
Beteiligten besprochen worden.
„Das war eine schwere Geburt“, sagt Hans-Caspar Graf zu Rantzau, über die
Entstehungsgeschichte der Waldstrategie. Aber mit dem Ergebnis ist der
Vorsitzende des Waldbesitzerverbandes in Schleswig-Holstein insgesamt
zufrieden.
Vor allem geht es um einen Punkt: Die Waldstrategie erlaubt, nicht nur
heute im Land heimische Arten zu pflanzen, sondern auch Bäume aus Asien
oder Nordamerika. „Die Standort-heimischen Arten sind nicht mehr das
Optimum“, sagt Rantzau. „Wir brauchen Arten, die sich auch in 100 Jahren
wohlfühlen.“
Und überhaupt ließe sich [2][über den Begriff „heimisch“ streiten], so
Rantzau weiter. Schließlich sei auch die Buche, früher der bestimmende Baum
im Norden, vor einigen Tausend Jahren eingewandert. Und Douglasien, die
heute vor allem im Westen Nordamerikas vorkommt, lasse sich in alten
Sedimenten nachweisen.
## Waldbesitzer wünschen sich Gentechnik
Widerspruch gibt es von den Umweltverbänden. Fritz Heydemann, Waldexperte
des Naturschutzbundes Nabu, hält es für „untragbar“, Baumarten aus anderen
Kontinenten anzupflanzen. So hoffen viele Waldbesitzende, die schnell
wachsende Douglasie könnte [3][mittelfristig die Fichten ersetzen]. „Mit
der Hoffnung kann man reinfallen“, sagt Heydemann. Durch Gewächse, die
nicht ins hiesige Ökosystem passen, würden die Wälder eher noch mehr
gestresst. Auch neue und für heimische Arten bedrohliche Viren oder Pilze
könnten dann auftreten.
Der Waldbesitzerverband wünscht sich gegen solche Schädlinge den Einsatz
von Gentechnik, um „alle Mittel, die es technisch gibt, auch
auszuschöpfen“. Heydemann sieht das anders: „Bei den langen Erbfolgen von
Bäumen hilft Gentechnik gar nichts. Woher wollen wir denn wissen, welche
Krankheiten in 100 Jahren auftauchen?“ Wichtiger, um Wälder klimaresistent
zu machen, sei Wasser. „Immer gibt es in einigen Wäldern
Entwässerungssysteme und Gräben. Die müssen dringend zurückgebaut werden.“
Solche Ratschläge können Waldbesitzende bei Seminaren und Fortbildungen
erhalten, die vom Land gefördert werden. Zwar werden für die Waldstrategie
keine Extramittel im Haushalt locker gemacht. Aber der Topf für den
Küstenschutz, der vom Bund finanziert wird, enthält auch Mittel für den
Waldumbau. Nahe der waldarmen Küsten seien die Bedingungen eigentlich sehr
gut, sagt Landesforstdirektor Freise: „Wenn ich ein Baum wäre, würde ich im
Norden leben wollen.“
19 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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