# taz.de -- Die Wahrheit: Blinkender Sarg auf Pedalen
       
       > Wegen der hohen Benzinpreise rüsten die Hamburger Autoposer um – auf
       > extrem teure Zweiräder.
       
 (IMG) Bild: Edelkarren der Brutaloklasse sind nicht nur in Hamburg out, tierisch angesagt: Lastenradkörbe aka „Sarg“
       
       Das Rumoren ihrer Motoren hörte man immer schon von Weitem. Es folgten ein
       knallender Turbolader, ein paar überflüssige Gasstöße und schließlich der
       große Auftritt: schwarzer Lack, breite Schlappen, getönte Scheiben. Ein
       Mercedes AMG oder ein BMW M4 mit jeweils rund 510 PS grollten über die B73
       heran. Wenn sie vor dem Phoenix-Center in die Pole-Position gingen, schien
       die Welt in Hamburg-Harburg für einen Moment stillzustehen.
       
       Mittlerweile steht sie dauerhaft still. Nicht wegen der letzten Ruhe vor
       einem illegalen Autorennen, sondern wegen der immer unübersichtlicheren
       Baustellensituation in Hamburgs südlichstem Stadtteil. Wer hier derzeit mit
       dem Auto unterwegs ist, braucht einen vollen Tank und viel Geduld. Doch die
       Spritpreise sind hoch. Und die Umleitungen werden immer wirrer, sodass
       inzwischen selbst erfahrene Navigationsgeräte verzweifeln. Der Harburger
       Ring, einst bevorzugter Showroom der Autoposer, ist zu einem Wartezimmer
       für das übermotorisierte Schwengeltum verkommen.
       
       „Du kannst nicht 500 PS auf die Straße bringen, um dann ständig nur durch
       Baustellen zu eiern“, sagt Lars Kuhn, 34. Der selbstständige Kaufmann gilt
       als prägender Kopf der Harburger Poser-Szene. Er hat als erster
       Konsequenzen gezogen. Seine spritschluckenden Statussymbole, einen AMG und
       einen Golf GTI, hat er abgemeldet. Stattdessen nimmt er jetzt zwei
       kettengetriebene Fahrzeuge, die, obwohl sie nur über einen Sattel und
       lediglich zwei Räder verfügen, preislich durchaus in der Liga chinesischer
       Kleinwagen spielen: ein exklusives Stevens E-INCEPTION AM 8.8.1 GTF und ein
       eigens auf sein Becken konfiguriertes E-Trekking-Rad von TrengaDE.
       
       „Das Stevens ist für die sportliche Note“, erklärt er. „Das Trenga nehme
       ich, wenn ich mal kommod unterwegs sein will. Man muss nicht jeden Tag in
       die Harburger Berge.“ Fast jeden Abend ist Kuhn nun radelnd auf dem
       Harburger Ring unterwegs. Wo früher seine knallenden Töpfe die
       Aufmerksamkeit auf sich zogen, erledigen das heute eine sanft klackende
       Kettenschaltung, glänzende Felgen und eine Beleuchtung, die auch einen
       Regionalflughafen schmücken könnte.
       
       Sein bevorzugtes Publikum findet Kuhn an den Bushalten zwischen Arbeitsamt
       und Karstadt. Die Menschen, die hier nach Feierabend zahlreich warten,
       dienen ihm als dankbares Publikum. Wenn es die Verkehrssituation zulässt,
       zeigt er einen „Tomayer“: „Oberkörper tief über den Lenker, das rechte Bein
       im rechten Winkel über das Hinterrad hinaus gestreckt, nur den linken Fuß
       noch auf der Pedale.“ Ein Kunststück, das Horst Tomayer, dem 2013
       verstorbenen Pionier des Fahrradposens, zugeschrieben wird.
       
       ## Perfekte Schleuderwende
       
       Vom Applaus getragen, vollführt Lars Kuhn dann noch gleich eine perfekte
       Schleuderwende, indem er Höhe Lüneburger Straße bei vollem Tempo die
       Hinterbremse zieht, um gleich wieder, dabei den Booster einlegend, in
       Gegenrichtung durchzustarten. Und schließlich, – und das trotz ihrer
       brutalen Steigung –, mit immer noch sagenhaften 17 Stundenkilometern die
       Schwarzenbergstraße hinauf zu pedalieren.
       
       Nicht weniger repräsentativ gibt sich Kuhns „Bruder“ Ertekin Ertekin. Der
       29-jährige Harburger ist von geliehenen „Edelkarren der Brutaloklasse“ auf
       ein eigenes E-Lastenrad umgestiegen. Dessen „Sarg“, wie die Lastenradkörbe
       gemeinhin genannt werden, hat der Lehramtsanwärter (Erdkunde und Deutsch)
       in stundenlanger DIY-Arbeit nach seinen Vorstellungen umgestaltet.
       
       Lackiert in den Farben der türkischen Fahne und mit original osmanischen
       Tüddelpolstern ausgelegt, bietet sein Korb neben zwei bequemen Sitzen eine
       Ablage für Teegläser und Smartphones. „So gleicht der klobe Korbklotz eher
       einem nahöstlichen Diwan“, schwärmte unlängst die Lokalpresse. Wann immer
       Ertekin jetzt durchs Phoenix-Viertel eher flaniert denn flitzt, sind seine
       beiden Schwestern mit von der Radpartie. Die coolen Hijabistas Gökçe und
       Zeynep lassen sich nur zu gern durch die Gegend schaukeln. Gemeinsam
       kommentieren sie die vorbeiziehenden Schaufenster, drehen kurze Videos und
       nehmen die bewundernden Blicke „der Tüpen“ entgegen.
       
       Der Wechsel aufs Fahrrad hat Harburgs Poser nicht gerade bescheidener
       gemacht. Im Gegenteil: Was sie an Motorleistung einsparen, investieren sie
       in eine neue Optik, bei der sich sportliches Bike Wear mit lässigem
       Hypebeast-Luxus verbindet. Besonders beliebt sind die figurbetonten
       Skinny-Shorts mit eingenähten Arschpolstern von Louis Vuitton oder Gucci.
       Dazu kommen „extrageile“ Bike-Sneaker – selbstverständlich alle mit
       Klettverschluss, was besser ist als Schnürsenkel wegen des gefürchteten
       Kettenfraßes.
       
       ## Voluminös wie tragbare Luftkissenboote
       
       Oben rum glänzen Bikeposer mit gesteppten Daunenjacken, mal eng anliegend,
       mal voluminös wie kleine tragbare Luftkissenboote. Als Accessoires stehen
       Renn-Caps von Gerolsteiner hoch im Kurs, ebenso klassische
       Hollandrad-Kappen mit den Logos von Batavus oder Gazelle. Dazu kommen teure
       Designer-Bags mit den Conti-, Dunlop- oder Schwalbe-Logos, die schräg über
       der Brust getragen werden. Darin sind Flickzeug, Felgenheber und ein
       Ladekabel. Man weiß ja nie.
       
       Besonders auffällig aber sind die Hosenklammern. Was früher bloß ein
       Metallring war, um die Hose vom Kettenfett fernzuhalten, wird jetzt zum
       goldenen Schmuck mit eingravierten Initialen. An Ampeln stellen sich die
       Fahrradposer demonstrativ mit einem Bein auf den Bordstein. Dabei wird die
       Klammer besonders gut sichtbar. „Das ist wie beim Auto der Blick auf die
       Felge“, erklärt Ertekin Ertekin.
       
       Das teuerste Tool indes sitzt auf den Köpfen. Die Poser haben den Sturzhelm
       als Statussymbol entdeckt. In der Szene kursieren aufwändig lackierte
       Sonderanfertigungen mit Ralleystreifen und Blinklichtern. Besonders gefragt
       sind frisurschonende Modelle. „Du kannst nicht zwei Stunden beim Friseur
       sitzen und dir dann mit einem Helm alles ruinieren“, sagt Ertekin.
       
       Auf die Frage, ob er jemals wieder mit seinem AMG oder einem GTI posen
       werde, muss schließlich Lars Kuhn nicht lange überlegen. „Natürlich. Wenn
       die Baustellen weg sind und Benzin wieder bezahlbar. Aber bis dahin …“, er
       lässt die Klingel am Lenker ertönen. „Bis dahin bin ich hier bester Mann
       mit bestem Bike.“
       
       19 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fritz Tietz
       
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