# taz.de -- Die Wahrheit: Jubel in der Zerlegestraße
> Mit einem völlig neuen Konzept rettet sich Volkswagen aus der
> Automobilkrise: Ein Testwerk nicht nur zum Auseinanderbauen.
(IMG) Bild: Neuer Schrott für die Blaumänner bei VW
Was der Flurfunk in der Wolfsburger Volkswagen-Zentrale schon länger unkte,
ist seit gestern offiziell: Das Management des größten deutschen Autobauers
setzt mit dem Konzept „Industriemuseum Volkswagen – Fahrzeugbau im
Vorführbetrieb“ auf ein völlig neues Beschäftigungsmodell. Es sieht vor,
dass im Wolfsburger Stammwerk weiterhin täglich Hunderte von Verbrennern
des Markenklassikers Golf montiert, aber nicht mehr verkauft werden.
Stattdessen kommen die fertigen Fahrzeuge auf eine sogenannte
Zerlegestraße, wo sie von eigens geschulten Auseinanderbauern vollständig
demontiert werden. Anschließend wandern sämtliche Teile zurück auf die
Fertigungsstraße, wo sie die Autobauer wieder zu Fahrzeugen zusammenfügen,
die dann anschließend erneut zerlegt werden. Verrückt? Keineswegs. Ein
erster Testbetrieb läuft.
„Mit unserem musealen Kreislaufkonzept sichern wir nicht nur jahrzehntelang
gewachsenes Know-how im Bau von erstklassigen Verbrennern, sondern auch
wertvolle Industriearbeitsplätze, die sonst an die Herstellung von E-Autos,
Straßenbahnen und ähnlichem Quatsch verloren gingen“, so Vorstandschef
Oliver Blume gestern vor VW-Arbeitern in Wolfsburg. Die reagierten mit
rhythmischen „Oliver Blume“-Rufen, einige warfen begeistert ihre
Schutzhelme in den Hallenhimmel.
Der Konzernchef betonte, dass es ihm bei der Transformation zum
Museumsstandort auch um Technologieoffenheit gehe. Er machte in diesem
Zusammenhang Andeutungen in Richtung eines „verbrennertauglichen
Treibstoffs auf Harnbasis“, was aber VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo
sofort relativierte: „Das funktioniert bisher nur mit Kinderharn.“
Erwachsenenurin drohe die hocheffizienten VW-Motoren durch hartnäckige
Harnsteinablagerungen dauerhaft zu schädigen.
## Routinierte Radkappen
Ortswechsel. Auf der Golf-Fertigungsstraße in Halle 10 treffen wir Steffen
Laurien. Der 51-jährige Radkappendreher ist einer der Ersten, die ihre
langjährige Tätigkeit nurmehr museal ausüben. „Für mich ändert sich nicht
viel“, sagt der Mann mit dem freundlichen VW-Bully-Gesicht, während er
routiniert die Radkappen an die Bereifung eines Golf 8 legt. Ob ihm nicht
klar sei, dass das das Ende der klassischen Automobilproduktion sei?
„Wieso? Wir schrauben hier die Dinger zusammen wie ich jetzt schon seit 22
Jahren. Okay, die Kollegen össeln sie wieder auseinander. Das ist neu. Aber
dann kloppen wir sie ja wieder zusammen. Na und? Hauptsache,
Beschäftigung.“
Wichtiger als die Arbeit selbst sei für ihn ohnehin der Weg dorthin. Jeden
Tag fährt der überzeugte Kfzler („Seit ich achtzehn bin, nur Verbrenner“)
mit seinem tiefer gelegten VW-Scirocco von seinem Eigenheim in Braunschweig
zur Schicht nach Wolfsburg. „Das ist – neben der Knete, klar – eigentlich
der Hauptgrund“, sagt er. „Wenn ich nicht mehr täglich zur Arbeit fahren
könnte, fehlte mir was. Und nach der Schicht natürlich wieder zurück. Ich
bin nun mal aufs Auto angewiesen.“
An die Besucher, die jetzt die Entstehung des Golfs in allen
Arbeitsschritten von einer verglasten Tribüne aus beobachten können, muss
sich Laurien noch gewöhnen. Aber die Konzernleitung besteht darauf: „Wir
wollen vermeiden, dass die deutsche Automobilproduktion irgendwann nur noch
anhand von Schautafeln oder in diesen ständig von Reklame unterbrochenen
Youtube-Filmchen erklärt werden“, sagt Birgit Vonderwegge. Die 32-jährige
Museumspädagogin – bisher in einem Dinosaurierpark im Lippischen tätig –
leitet als Chief-Operating-Officer (COO) das Museumsprojekt. „So werden wir
den Menschen auch noch im nächsten Jahrhundert zeigen können, dass in
Deutschland Autos mit Verbrennermotoren gebaut werden.“
## Lebende Geschichte
Die Bundesregierung unterstützt das „völlig neuartige und daher innovative
Living-History-Konzept“ (Arbeitsministerin Bärbel Bas, SPD) ausdrücklich.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) spricht von einem
wichtigen Beitrag zur Sicherung und der Bewahrung fossiler Kultur. Allein
ihr Ministerium lasse aus dem Sondervermögen für Infrastruktur mehrere
Milliarden Euro in den Vorführbetrieb fließen. Das von Volkswagen
initiierte Forschungsprojekt „Harn- zu Treibstoff“ werde ebenfalls „nicht
nur mit Interesse“ verfolgt.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz lobt das neue Beschäftigungsmodell. „So
wird sichergestellt, dass die Fleißigen, die jeden Morgen aufstehen und zur
Arbeit fahren, auch weiterhin einen Grund haben, dies zu tun“, ließ er
seinen Sprecher Stefan Kornelius mitteilen. Der Staat unterstütze damit
nicht nur Infrastruktur im klassischen Sinne, sondern sorge auch für
verlässliche Strukturen im Erwerbsleben jedes Einzelnen. Merz ermunterte
die übrigen deutschen Autobauer, das Wolfsburger Modell zu übernehmen.
Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) schlug indes vor, den Museumsbetrieb
künftig auch per Livestream zu übertragen. „Zunächst kostenlos, später dann
als kostenpflichtiges Premiumangebot. Gegen eine monatliche Gebühr kann man
dann zwischen verschiedenen Kameraperspektiven wählen – ohne
Werbeunterbrechung“. So könnte aus einem pfiffigen Beschäftigungs-, ein
noch ein pfiffigeres Geschäftsmodell werden. „Kein Autobauer muss mehr
zwangsläufig Fahrzeuge verkaufen, um Arbeitsplätze zu sichern. Es genügt,
Fahrzeuge herzustellen, auseinanderzunehmen und wieder herzustellen. Und
das im Internet live zu zeigen.“
Unterdessen hat eine chinesische Besuchergruppe auf der Tribüne Platz
genommen. Ungläubig beobachten sie die deutschen Arbeitsabläufe in Halle
10. Als sie sehen, wie die fertigen Fahrzeuge nach einer kurzen Teststrecke
über das Betriebsgelände in der Demontagehalle wieder auseinandergenommen
werden, können sie ein Feixen nur mit viel Höflichkeit unterdrücken. Als
sich das Prozedere kurz darauf genauso wiederholt, brechen sie in
schallendes Gelächter aus.
Radkappendreher Steffen Laurien bekommt davon zunächst nichts mit. Auf die
heiteren Chinesen aufmerksam gemacht, nimmt er’s mit Humorlosigkeit: „Die
können sich von mir aus totlachen“, sagt er. „Hauptsache, ich fahre morgen
wieder her.“
26 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Fritz Tietz
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