# taz.de -- Alkoholverbot an Bahnhöfen: Der German Dream ist eine klinisch reine Gesellschaft
       
       > Das Alkoholverbot der Deutschen Bahn wird nicht für mehr Sicherheit
       > sorgen. Stattdessen vertreibt es lediglich Obdachlose und suchtkranke
       > Menschen.
       
 (IMG) Bild: Sucht und Obdachlosigkeit verschwinden nicht, nur weil man sie aus dem Blickfeld der Reisenden räumt
       
       [1][Alkoholverbot an allen 5.400 Bahnhöfen der DB?] Nur für jene, die kein
       Geld haben. Denn solange die Bahnhofsgastronomie munter weiter ausschenkt,
       wird nicht der Alkoholkonsum verboten, sondern die Zurschaustellung von
       Armut. Wer sich das überteuerte Bier im Bahnhofsrestaurant zwischen zwei
       Fahrten leisten kann, trinkt weiter. Wer dasselbe Getränk aber für einen
       Bruchteil des Verkaufspreises im Supermarkt gekauft hat, wird des Platzes
       verwiesen.
       
       Natürlich steht auch in dieser Debatte die Sicherheit ganz oben. So
       begründet die DB jedenfalls die Maßnahme, Alkohol an allen Bahnhöfen zu
       verbieten.
       
       Bei vielen Gewaltdelikten, die an Bahnhöfen begangen werden, spiele Alkohol
       eine Rolle. Die DB-Sicherheitsleute erleben mitunter heftige Situationen,
       und ihnen als arbeitende Menschen mag unsere Solidarität gelten. Nur: Um
       ihr Wohl geht es hier kaum. Ganz im Gegenteil: Sie sollen eine zusätzliche
       und dazu noch eine äußerst aggressive Maßnahme durchsetzen, mehr Personal
       gibt es dafür aber nicht. Mehr Aufgaben, mehr Konfliktpotential, gleich
       viel Mitarbeitende.
       
       Hinzu kommt eine der größten deutschen Tugenden: Sauberkeit. Der German
       Dream ist eine klinisch reine Gesellschaft ohne „Schmutz, Lärm und
       Pöbelei“. Das sind Worte, bei denen kaum jemand an den Mann im Anzug denkt,
       der sich ein Glas Hefeweizen gönnt. Gemeint sind die mit einer Dose in der
       Hand. Nicht die Ausfälle oder Verspätungen, nicht die überfüllten Züge zu
       Stoßzeiten, nicht die barrierereichen Gleise sind das Problem – nein, nein,
       es sind obdachlose Menschen an und um Bahnhöfe.
       
       Viele obdachlose oder suchterkrankte Menschen halten sich an größeren
       Bahnhöfen auf. Das hat rein praktische Gründe. Dort gibt es ein Dach. In
       vielen gibt es Kioske, die rund um die Uhr geöffnet sind. An und in vielen
       Bahnhöfen gibt es soziale Unterstützungssysteme wie die Bahnhofsmission. In
       manchen Bahnhofsvierteln gibt es Einrichtungen zur Suchthilfe und sichere
       Konsumräume. An Bahnhöfen lässt sich gut Flaschen sammeln. Und bisher war
       die Gefahr, weggescheucht zu werden, geringer als beispielsweise von
       beliebigen Nachbarschaften. All das soll jetzt wegfallen. Was bleibt armen
       und suchterkrankten Menschen übrig? Nur noch Verachtung.
       
       ## Kein Ort für die Vertriebenen
       
       Um die Servicequalität zu steigern, hätte die Bahn genug Möglichkeiten. Wie
       wäre es mit Sozialarbeit am Gleis, beheizten Aufenthaltsräumen, kostenlosen
       Toiletten? Das kostet Geld, und das bedeutet wiederum weniger für den
       Vorstand. [2][Ein Bremer Sozialarbeiter beklagt in der ARD] die neue
       Regelung: Wenn Menschen, die Hilfe brauchen, immer wieder vertrieben
       würden, könne man sie weder finden noch ihnen helfen.
       
       Stattdessen verscheucht man sie hinter die Bahnhofsgrenze. Das macht unsere
       gesellschaftlichen Probleme unsichtbarer und beruhigt nur jene Menschen,
       die von sich glauben, dass sie sicherlich niemals obdachlos werden würden.
       Gelöst ist dadurch nichts. Sucht und Obdachlosigkeit verschwinden nicht,
       nur weil man sie aus dem Blickfeld der Reisenden räumt.
       
       Wenn diese Gesellschaft Sucht und Obdachlosigkeit lösen will, muss sie
       dorthin schauen, wo es wehtut: auf die Ursachen. Auf Ungerechtigkeit. Auf
       Armut. Das ist unbequemer als ein Schild mit durchgestrichener Bierflasche,
       allerdings die einzige Maßnahme, die auch tatsächlich wirkt.
       
       Jedes Unternehmen darf sein Hausrecht durchsetzen, keine Frage. Ob das fair
       ist, steht auf einem anderen Gleis. Und auf dem wächst schon lange Unkraut.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Alkoholverbot-in-Bahnhoefen/!6221863
 (DIR) [2] https://www.tagesschau.de/inland/regional/bremen/rb-alkoholverbot-an-bahnhoefen-bremer-sozialarbeiter-warnt-vor-folgen-100.html
       
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 (DIR) Sibel Schick
       
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