# taz.de -- GPS-Sender und Träume über Tiere: „Du musst versuchen, weiter weg zu kommen“
> Manche Gemeinschaften lernen über ihre eigene Zukunft, wenn sie von
> Tieren träumen. Andere haben das verlernt. Sie nutzen stattdessen
> Technik.
(IMG) Bild: Traumhaft: Rentiere auf arktischem Weidegrund, 2015
Bisher habe ich nur einmal von Tieren geträumt. Nachdem ich als
Jugendlicher in einer Müllgrube am Rande unseres Dorfes auf Ratten
geschossen hatte, überfielen sie mich im Traum zu Hunderten.
Laut dem im 2. Jahrhundert n. Chr. von Artemidor verfassten „Traumbuch“
gibt es zwei Arten von Träumen: „Die einen künden von Erinnerungen,
Wünschen oder Bedürfnissen, die anderen sind Zeichen, die von außen zur
Seele kommen und ihren Lauf verändern können“, schreibt die französische
Ethnologin Anastasia Martin in ihrem Bericht „Im Osten der Träume“ (2024).
Sie erforschte zwei indigene Gruppen diesseits und jenseits der
Beringstraße, in Alaska und auf Kamtschatka. Beide hatten sich als
Kolonisierte in die Wälder geflüchtet, wo sie versuchten, wieder als Jäger
und Sammler zu leben und zu ihrem alten animistischen Glauben
zurückzufinden. Die [1][Gwich’in in Alaska] waren der Zivilisation
(Erdölpipeline, Straßen und Entschädigungen in Form von Aktien)
ausgewichen. Bei den Even auf Kamtschatka hatte sich ihre Zivilisation (ihr
Dorf und ihre Kolchose) aufgelöst. Die vergesellschaftete Rentierherde
gehörte jetzt einer Aktiengesellschaft von neureichen Russen, die sie
höchstens noch als „Cowboys“ beschäftigen würden.
Beide Völker waren Rentiernomaden gewesen, denen man einst die
[2][Rentiere] genommen und sie zur Sesshaftigkeit gezwungen hatte. Um im
Wald überleben zu können, müssen sie nun wieder nomadisieren und von den
Tieren lernen. Dazu bemühen sie sich, des Nachts von ihnen zu träumen,
wobei sie zwischen Zustandstraum und Ereignistraum unterscheiden: „Darin
üben sich die Kinder im Wald von frühester Jugend an“, schreibt die
Ethnologin.
Sie wohnte einige Jahre auf Kamtschatka im Wald bei einer alten Frau,
Darja, die sie nach ihren Träumen fragte. Meistens handele es sich dabei um
Zustandsträume, wie sie den Psychoanalytikern gefallen, aber Darja selbst
fand diese uninteressant: „Du bist in dir selbst gekreist. Du bist
niemandem begegnet. Du musst versuchen, weiter weg zu kommen. Aus deiner
Welt hinaus. Sonst wirst du keine Informationen über das bekommen, was
draußen wirklich passiert.“
## Der Zug der Gänse
Aber man dürfe „nicht nur von den Geistern der Toten träumen“, erklärte
Darja der Ethnologin, „auch von den anderen, den Lebenden, muss man
träumen, wenn du im Wald überleben willst“. „Die Tiere?“ „Ja, die Tiere.
Man muss versuchen, mit ihnen zu träumen, um zu verstehen, was sie tun und
wohin sie gehen.“ Um mit ihnen zu reden, „um zu wissen, was wir tun
werden!“
Nachdem Darja von Gänsen geträumt hatte, erzählte sie Anastasia Martin:
„Heute Nacht bin ich mit ihnen geflogen. Ich habe die Gänse losziehen
sehen. Ich habe sie ein Stück durch den Himmel begleitet, ehe ich
zurückgekommen bin. Das Wetter wird wechseln, der Winter kommt. Wir müssen
uns vorbereiten.“
Dazu schreibt die Ethnologin: „Im Wald von Itscha auf Kamtschatka, wie
überall, wo sie sich noch frei bewegen, stehen die Tiere im Ruf, den
Menschen voraus zu sein, was die Aufmerksamkeit gegenüber der Welt
betrifft.“
## Ein Elefant, der stoppt
Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Tara Menon schreibt in ihrem
Roman „Unter Wasser“ (2026) über ihren Vater, einen Meeresbiologen, und
seine Kollegin, die auf einer thailändischen Insel eine Forschungsstation
betreiben und unter anderem Mantarochen erforschen. Währenddessen ging sie
in Phuket zur Schule. 2004 bemerkte sie dort, dass plötzlich keine Vögel
mehr in der Stadt waren, auch die Hunde waren verschwunden, einige
angeleinte heulten verängstigt. Ein Elefant, der ein kleines
Touristenmädchen auf seinem Rücken trug, blieb plötzlich mitten auf der
Straße stehen und rührte sich nicht. Sein Mahut, sein Führer, redete
vergeblich auf ihn ein. Der Elefant drehte sich um und eilte in die
entgegengesetzte Richtung davon. Das Mädchen auf seinem Rücken blieb
merkwürdig gelassen. Ein gewaltiger Tsunami näherte sich dem Festland.
Im Westen kommuniziert man nicht mit Wildtieren, indem man von ihnen
träumt. Hier hat die Moderne den Animismus vertrieben. In seinem Aufsatz
„Die Natur ruft (an)“ schreibt der Wissenssoziologen Bruno Latour: „Kant
zufolge mussten wir lernen, nicht allzu sensibel auf den Anruf der Natur zu
reagieren, weil wir nur so in die Lage kommen, die Stimme der Moral zu
vernehmen, die in keinerlei Verbindung mit jener der Natur steht und uns
über letztere zu erheben vermag.“
Dabei haben wir aber eine hoch entwickelte Technik, die es uns ermöglicht,
die Tiere „anzusprechen“, mit ihnen zu „kommunizieren“ – versprechen
zumindest ihre Anwender. Und zwar mit allen weltweit, von Insekten und
Fischen über Nagetiere und Landsäugetieren bis zu den Walen. Dazu wird
ihnen ein GPS-Sender umgehängt, geklebt oder angetackert, der ihre
Bewegungen via Satellit aufzeichnet und für Interessierte auf Bildschirmen
sichtbar macht. Man hat bereits für Milliarden Dollar von mehreren Tausend
Arten zigtausend Tiere besendert.
Der Münchner „Kommunikationsexperte“ Alexander Pschera erzählt uns dazu in
seinem Buch „Das Internet der Tiere: Der neue Dialog zwischen Mensch und
Natur“ (2014) ein Märchen: Da geht ein modernes Rotkäppchen durch den Wald,
um ihre Oma zu besuchen und begegnet einem Wolf. Er ist besendert und
Rotkäppchen filmt ihn mit ihrem Smartphone. Bei der Oma angekommen, lädt
sie das Video auf der Facebook-Seite hoch, die Wolffans angelegt haben.
Rotkäppchens Video ist dort das erste längere Dokument „und entsprechend
enthusiastisch sind die Kommentare der Wolfcommunity“. Vorm Schlafengehen
wünscht Rotkäppchen dem Wolf digital eine gute Nacht.
Pschera versichert uns: „Diese Geschichte könnte sich so oder ähnlich heute
in jedem Teil Deutschlands ereignen … Das neue Märchen von Rotkäppchen ist
keine Utopie.“ Für Pschera ist die virtuelle Realität längst mit dem
wirklichen Leben verschmolzen. „In dieser Situation erscheint die Technik,
die die Entfremdung von der Natur ursächlich hervorgebracht und immer
weiter verschärft hat, als Teil der Lösung. Sie kann als ‚Missing Link‘ den
Bezug zur Welt der Tiere wiederherstellen. Das Internet der Tiere hat das
Potenzial, die Mensch-Tier-Beziehung auf einer neuen Ebene wiederzubeleben
und damit die Natur gleichsam neu zu erfinden.“ Und weiter: „Das gläserne
Tier tritt neben den gläsernen Menschen.“
Für die besenderten Tiere ist das jedoch kein Vergnügen. Sie müssen
zunächst einmal gefangen und betäubt werden, um sie mit GPS-Sendern
auszustatten. Dann sind die Geräte an ihnen durchaus ein Handicap. Statt
sich zu bemühen, immer wieder neue Geldgeber dafür aufzutreiben (ein guter
Satellitensender kostet mehrere Tausend Dollar und die Jahresgebühren für
die Satellitennutzung weitere Tausende), sollten die Besender lieber
lernen, die Tiere, über die sie mehr wissen wollen, geduldig zu beobachten.
Wenn sie schon nicht in der Lage sind, von ihnen zu träumen.
29 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Helmut Höge
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