# taz.de -- Mensch und Pferd im Sport: Ross und Reiter
       
       > Anlässlich der WM lohnt es sich, das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd
       > im Reitsport zu begutachten. Letzteres ist mal Sportgerät, mal bester
       > Freund.
       
 (IMG) Bild: Deutschlands erfolgreichste Reiterin Isabell Werth zeigt bei WM in Aachen Ehrgeiz und Siegesfreude, Zuchtstute Wendy eher weniger
       
       „Halla lacht! Man merkt es bis zu uns herauf.“ Hans-Heinrich Isenbart sitzt
       am 17. Juni 1956 in einer Kommentatorenkabine über dem Springparcours von
       Stockholm und fühlt ein Pferd. Unten galoppiert Halla mit [1][Hans Günter
       Winkler] auf dem Rücken durch den Sand. Winkler ist verletzt. Morphium soll
       die Schmerzen einer Muskelverletzung dämpfen, die er sich im ersten Umlauf
       zugezogen hat. Das ist krass.
       
       Dieser Ritt wird deutsche Sportgeschichte schreiben. Aber auch dort oben in
       der Sprecherkabine passiert Erstaunliches: Reporter Isenbart beginnt, die
       Gefühle der Stute in menschliche Sprache zu übersetzen. „Halla sagt: Was?
       Über den Oxer? Da lach ich doch nur.“ Gleichzeitig soll sie auch den Ernst
       der Lage erkannt haben. „Die hat eine Ahnung, worum es sich hier handelt.“
       Es sind die Olympischen Spiele. Der verletzte Winkler wird zur Nebenfigur,
       die Stute zur Heldin. Am Ende gewinnt Winkler Gold für die deutsche
       Mannschaft. Ein Sportwunder, das bis heute gern so erzählt wird, wie
       Isenbart die Geschichte damals angelegt hat: Halla springt den Parcours
       eigentlich allein. Sie spürt, dass Winkler angeschlagen ist, weiß, worum es
       geht, und läuft fehlerfrei durch den Parcours.
       
       Die Geschichten darüber, was Pferde denken, wurden damals im Eifer des
       Gefechts erfunden. Heute gehören sie in der Pferdewelt zum Alltag. „Ich
       glaube, zu Just Be Gentle in den letzten drei Jahren eine tolle Beziehung
       aufgebaut zu haben. Und ich glaube, sie hat mir das am Ende verziehen.“ Das
       sagt [2][Christian Kukuk, Reservereiter des deutschen WM-Kaders] in Aachen,
       Ende 2025 auf einer Pressekonferenz. Wenige Wochen zuvor war ein Video
       aufgetaucht, das den deutschen Olympiasieger am Rande eines Turniers in
       Spanien beim Training mit sogenannten Schlaufzügeln zeigt. Sie begrenzen
       die Kopf- und Halsbewegungen des Pferds massiv. Ihr Einsatz ist deshalb nur
       eingeschränkt erlaubt; in bestimmten Situationen sind sie sogar verboten.
       Aber Just Be Gentle soll ihm verziehen haben.
       
       Peter Höffken von der Tierrechtsorganisation Peta hat seine Zweifel.
       Höffken ist bei Peta für den Bereich Pferdesport zuständig. Die
       Organisation veröffentlicht regelmäßig Aufnahmen von Turnieren und zeigt
       Reiterinnen und Reiter wegen des Verdachts auf Tierquälerei an. Zuletzt mit
       Erfolg: Nach Anzeigen von Peta untersagten die Behörden in Berlin und
       Hamburg den Einsatz von Zungenbändern im Trabrennsport, ein sogenanntes
       Hilfsmittel, das die Pferdezunge während des Rennens fixiert.
       
       ## Pferde streben eher weniger nach Medaillen
       
       „Mein Maßstab ist immer: Was würde das Pferd jetzt am liebsten ohne
       Menschen machen?“, sagt Höffken. Seine Antwort: Mit anderen Pferden
       zusammen sein, spielen, laufen, grasen – aber sicher nicht vor Publikum
       auftreten. Der Schweizer Tierethiker Andreas Brenner ist sich auch ziemlich
       sicher, dass es dem Pferd nicht um Medaillen geht. Aber ob die Reiterei
       immer eine Qual für das Tier ist, können wir nicht wissen.
       
       Die Pferd-Mensch-Beziehung ist heikel und sehr alt. Der Fluchtreflex des
       Pferds sei im Verlauf eines langen Lernprozesses umkodiert und gebrochen
       worden. „Nicht zufällig sprechen die Amerikaner bis heute vom breaking a
       horse“, sagt Kulturhistoriker Ulrich Raulff. Raulff nennt diese Beziehung
       den „kentaurischen Pakt“. Kentauren sind Mischwesen aus der griechischen
       Mythologie: halb Mensch, halb Pferd.
       
       In seinem Buch „Das Jahrhundert der Pferde“ beschreibt er diese Beziehung
       als eine Entwicklungsgeschichte von Mensch und Pferd. Pferde beschleunigten
       Handel, Landwirtschaft und Kommunikation. Sie zogen mit den Menschen in den
       Krieg und veränderten deren Leben grundlegend. Gleichzeitig veränderte der
       Mensch das Pferd. Er formte es für seine Bedürfnisse. Über Jahrtausende war
       das vor allem eine Arbeitsbeziehung. „Pferde leisten Erstaunliches. Aber
       nicht, weil sie sich beliebig zwingen lassen, sondern weil sie dem Menschen
       vertrauen“, sagt Raulff. Wenn Pferde schlecht behandelt werden, zahlen sie
       es ihrem Menschen irgendwann heim. Sie werden widerspenstig. Sie reagieren
       auf Menschen, erinnern sich, kooperieren – oder eben nicht.
       
       Der Reitsport heute wird von seinen Protagonistinnen und Protagonisten als
       Liebesgeschichte inszeniert. Auf Instagram gibt es Videos vom gemeinsamen
       Training, Geburtstagsgrüße und rührende Abschiedsbriefe an verstorbene
       Pferde. Aus dem Arbeitstier ist ein Partner geworden.
       
       ## Etliche Verwarnungen im Pferdesport
       
       Die Leistungserwartung ist allerdings geblieben. Das zeigt sich gerade in
       Aachen bei der WM. Es geht um Titel, Prestige und viel Geld. Gleichzeitig
       wird in der Szene so intensiv wie nie darüber gestritten, wie weit die
       Anforderungen an das Pferd gehen dürfen. Kaum eine Regeländerung hat den
       internationalen Pferdesport in den vergangenen Monaten so beschäftigt wie
       [3][die sogenannte No-Blood-Rule.]
       
       Rund zehn Jahre führte Blut im Einflussbereich des Reiters automatisch zur
       Disqualifikation. Seit Anfang 2026 entscheidet stattdessen ein Gremium aus
       Tierarzt, Steward und Ground Jury im Einzelfall. Bis Anfang August
       verzeichnete die FEI, der Weltreiterverband, allein im Springen 276
       „Recorded Warnings“ bei 191 Turnieren sowie 13 Suspendierungen. Eine
       Auswertung des Deutschlandfunks zeigt: Die meisten Verwarnungen entfallen
       auf das Springreiten. Dahinter folgen die Vielseitigkeitsreiter. Dort
       stehen andere Vorwürfe im Vordergrund: „Dangerous Riding“ und „Abuse of
       Horse“, also etwa das Weiterreiten trotz deutlicher Ermüdungsanzeichen oder
       ein übermäßiger Einsatz von Gerte und Sporen.
       
       Deutlich weniger Verwarnungen gibt es in der Dressur. Zu den deutschen
       Reitern, die in diesem Jahr eine Verwarnung erhielten, gehört der
       Springreiter Richard Vogel, der zum deutschen WM-Aufgebot in Aachen zählt.
       Seine Verwarnung wurde als „Abuse of Horse“ („Pferdemisshandlung“)
       eingestuft. Auf eine Anfrage der taz reagierte Vogel nicht. Für Otto
       Becker, Bundestrainer der deutschen Springreiter, sind solche Einträge
       keineswegs bedeutungslos. Sie würden im Team besprochen und könnten im
       Einzelfall sogar Konsequenzen haben.
       
       Gleichzeitig wehrt sich Becker gegen den Eindruck, Tierschutz und
       Spitzensport stünden im Widerspruch. „Auch wir sind Tierschützer. Auch wir
       wollen das Beste für das Pferd.“ Die Pferde seien „Athleten“. Die würden
       gerade im Spitzensport professionell betreut. „Das ist auch das Kapital der
       Reiter.“ An diesem Begriff stört sich Tierethiker Andreas Brenner. Auch
       „Athlet“ sei eine menschliche Zuschreibung. Wer Pferde als Athleten
       bezeichne, unterstelle ihnen etwas: Ehrgeiz, den Wunsch, zu gewinnen.
       Dafür, sagt Brenner, gebe es keine Belege.
       
       ## „Hanswürste“ und Spaßverderber
       
       [4][Auch Isabell Werth, die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten,]
       benutzt eine Sprache, in der Fürsorge und Leistung selbstverständlich
       zusammengehören. „Unsere Pferde sind nun einmal das wichtigste Gut. Sie
       sind danach selektiert, um zu performen“, sagte sie kürzlich in einem
       Interview mit der Welt am Sonntag, gemeinsam mit der Dressurreiterin Lisa
       Müller. Die beschreibt den Alltag ihrer Pferde so: „Sie werden zig Mal am
       Tag rausgeholt, geputzt, von Physiotherapeuten umgarnt, Magnetfeld hier,
       Aquatrainer da, Laufband hier, Führanlage da. Sie werden wie Topathleten,
       wie die Fußballspieler den ganzen Tag hoch und runter gepampert.“ Weshalb
       man, und das sagt wiederum Werth, nicht bereit sei, sich den Spaß von
       irgendwelchen „Hanswürsten“ verderben zu lassen.
       
       Christian Kukuk sagte 2025 auf einer Pressekonferenz, es sei „gefährlich“,
       wenn die Öffentlichkeit den Profireitern vorschreiben wolle, wie sie mit
       ihren Pferden umzugehen hätten. Ausgerechnet dort muss er sich für den
       Einsatz eines Hilfsmittels entschuldigen, dessen Verwendung innerhalb des
       Reitsports nicht grundsätzlich sanktioniert wird. Interessant ist, wie
       Kukuk den Einsatz der Schlaufzügel begründet: als Beziehungsarbeit. Mit dem
       normalen Zügel habe er eine „zu sprunghafte Verbindung“ gehabt. Es sei
       „ganz wichtig, mit dem Pferd wirklich kontinuierlich zu kommunizieren“.
       
       Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd ist nicht nur Vertrauen,
       Freundschaft und Liebe. Sie ist ein Aushandlungsprozess. Es gibt unzählige
       Videos, in denen Pferde sich vor einem Hindernis verweigern, sich gegen die
       Hilfen des Reiters wehren oder in der Dressur bocken.
       
       ## Problem des mangelnden Wissens
       
       Die Verhaltensbiologin Vivian Gabor unterscheidet zwischen sehr
       unterschiedlichen Formen von Fehlern. Da ist der Mensch, der die
       Beherrschung verliert. „Wenn ein Mensch unter Druck gerät – ob auf einem
       Turnier oder durch Erwartungen von außen –, dann gibt er diesen Druck oft
       an das Tier weiter“, sagt sie. Mit Gertenhieben oder aggressiven
       Korrekturen. Daneben gibt es die systematische Härte: das Barren,
       Schlaufzügel oder andere Trainingsmethoden, die innerhalb des Sports
       zumindest toleriert werden. Und es gibt ein drittes Problem: mangelndes
       Wissen.
       
       Gabor beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Pferde lernen, fühlen und mit
       Menschen kommunizieren. Sie bildet Trainerinnen und Trainer aus. Sie
       wünscht sich, dass Menschen lernen, ihre Pferde besser zu lesen. Ob
       Spitzensport einem Pferd schade, lasse sich wissenschaftlich nicht
       beantworten. Entscheidend sei das einzelne Pferd und der einzelne Mensch.
       Gerade deshalb dürften Pferde weder vermenschlicht noch als bloße
       Sportgeräte betrachtet werden. Sie seien Partner – aber weiterhin Tiere.
       Menschen müssten für Tiere mitentscheiden. Das sei ihre ethische
       Verantwortung.
       
       1956 wusste Hans-Heinrich Isenbart genau, worüber Halla angeblich lachte.
       Die Wissenschaft ist heute deutlich vorsichtiger. Die entscheidende Frage,
       sagt Vivian Gabor, sei nicht, ob ein Pferd springen, piaffieren oder
       gewinnen könne, sondern ob dieses Pferd in genau diesem Moment noch
       mitmachen wolle.
       
       21 Aug 2026
       
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