# taz.de -- Teil 10 der Reihe zu Foucault: Die elfte Rubber-Soul-These
> Sexualität, Widerstand und das eine Wort „love“: auf den Spuren einer
> Sentenz des Autors René Char, die in Michel Foucaults Werk eine Rolle
> spielt.
(IMG) Bild: Michel Foucault 1978 zu Hause in seinem Arbeitszimmer
Kann man sich eine Sprache vorstellen, die nicht aus unterschiedlich
auszusprechenden und unterschiedlich hinzuschreibenden Worten besteht? Bei
der nicht durch die Unterschiede eine Bedeutung entsteht, sondern bei der
jede Äußerung gleich klingt und die Bedeutung sich nur aus den rahmenden
sozialen Zusammenhängen ergibt, aus Betonung und Gestik und die wesentlich
angewiesen ist auf Einfühlung seitens der Hörenden? Oder eine Sprache, in
der es nicht um das geht, was gesagt wird, sondern nur darum, dass
gesprochen wird?
Dieses und anderes suggeriert ein ebenso knackiger wie mysteriöser
Aphorismus: „Die Geschichte der Menschheit ist die lange Aufeinanderfolge
der Synonyme ein und derselben Vokabel. Ihr zu widersprechen ist eine
Pflicht.“ Er stammt von [1][René Char] und steht auf der Rückseite der
französischen Originalausgabe der beiden letzten zu Lebzeiten erschienenen
Werke Michel Foucaults, den Bänden zwei und drei von „Sexualität und
Wahrheit“, eigentlich „Histoire de la sexualité“, also Geschichte der
Sexualität.
Die attraktive Sentenz knallt wie die elfte Feuerbachthese im Entrée der
Humboldt-Uni („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden
interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern“) – deren Rhetorik
sie stark ähnelt – und verführt in ihrer poetisch gestalteten Apodiktik zu
Zustimmung, bevor man sie verstanden hat. Und zwar in jeder Hinsicht, nicht
nur ihre Semantik (was heißt das?), sondern auch ihre Pragmatik (was soll
dieser Satz an diesem Ort?).
Michel Foucault hat seine Geschichte der Sexualität ursprünglich auf sechs
Bände angelegt. Der Plan dazu war einschließlich geplanter Titel bereits
angekündigt. Nach dem Erscheinen des ersten Bandes gab es aber eine
Unterbrechung. Als kurz vor seinem Tod die Bände zwei und drei erschienen,
trugen sie andere Titel und folgten einem anderen ebenfalls öffentlich
gemachten Plan. Außerdem stand auf jedem der beiden Bände der Satz von René
Char, allerdings nicht in der deutschen Fassung.
## Im Orbit der Suhrkamp-Kultur
Als Jahrzehnte später dann noch ein vierter Band aus dem Nachlass
rekonstruiert werden konnte, in Übereinstimmung mit dem zweiten Plan,
konnte man den Satz von Char dann auch auf der deutschen Ausgabe finden.
Dass deutsche Verlage Titel lieber interpretieren („… und Wahrheit“), als
sie zu übersetzen, korrespondiert mit einer gewissen Ignoranz gegenüber
Paratexten, Blurbs, Waschzetteln und U4-Rückseiten.
Die deutsche Übersetzung Chars auf dem 2019 erschienenen vierten Band
weicht an einigen Stellen vom Wortlaut der deutschen Veröffentlichung des
Gedichtes (bzw. der Aphorismensammlung) „L’ Âge cassant“, „Das zermürbende
Alter“ in „Vertrauen zum Wind“ 1984 im Horst Heiderhoff Verlag, übersetzt
von Johannes Hübner und Lothar Klünner ab (z. B. „Aufeinanderfolge“ statt
„Folge“, „widersprechen“ statt „entgegentreten“).
Der identische deutsche Char-Text taucht allerdings in einem 1991 in der
edition suhrkamp erschienenen Band auf, den Foucaults enger Freund François
Ewald gemeinsam mit dem deutschen Phänomenologen Bernhard Waldenfels
herausgegeben hat und der auf zwei Tagungen in Paris und Hamburg basierte.
Dort schreibt Dennis Hollier über das Motto von Foucaults letzten Bänden,
und er zitiert es in demselben Wortlaut, wie es über 30 Jahre später auf
der Rückseite des Bands vier auftauchen wird. Dieser Wortlaut findet sich
aber in keiner recherchierbaren deutschen Char-Übersetzung. Irgendwo im
Orbit der Suhrkamp-Culture muss diese Fassung gespeichert gewesen sein.
Dennis Hollier spekuliert, was dieser Satz von Char bedeuten könnte und vor
allem was er für Foucault bedeuten könnte. „Werden wir diesem Imperialismus
der Synonymie einen homonymischen Widerstand entgegensetzen?“ Für einen
solchen Widerstand des einen Wortes fallen ihm die „geheimen Reime“ des von
Foucault verehrten Raymond Roussel ein und andere literarische Beispiele,
die in die Richtung Parole, Passwort, Zauberworte gehen. Man könnte auch an
die Songs „Surfin’ Bird“, „Louie, Louie“ oder John Lennons Lieblingsidee
des Songs mit nur einem Ton und einem Wort („The Word“) denken. Oder an all
die repetitiven Musiken, die um einen Groove, einen synkopierten Beat,
herum gebaut sind. Sollten Funk und Afrobeat utopisch und mit endlosen
Bedeutungen die vielen Worte ablösen, die doch alle nur dasselbe sagen? Im
Laufe einer Nacht nimmt derselbe synkopierte Takt alle möglichen
Bedeutungen an, ohne dass sich das Zeichen ändert, das diese Bedeutung
auslöst. Es bleibt homonym, gleichnamig.
## Homophobie unter Eliteakademikern
Foucault hatte Char schon lange nicht mehr zitiert. Zuletzt kommt er 1961
im bald wieder zurückgezogenen und ausgetauschten Vorwort seines ersten
großen Werkes, „Wahnsinn und Gesellschaft“ vor (eigentlich auch eine
Geschichte, Originaltitel: „Folie et Déraison. Histoire de la folie à l’âge
classique“). Davor aber gab es diese Zitate in Hülle und Fülle. Char sei
seit den frühen 1950ern Foucaults Lieblingsschriftsteller gewesen und der
von ihm meistgenannte zeitgenössische Autor, weiß die biografische Timeline
in Ausgabe seiner Schriften „Dits et ecrits“.
Foucault hat bekanntlich in den 1950ern sehr unter der Homophobie in den
Pariser Eliteakademiker-Kreisen gelitten, in denen er notgedrungen zu tun
hatte, und 1948 und 1950 zwei Selbstmordversuche unternommen. Auch deswegen
verbrachte er die zweite Hälfte der 1950er mit exilartigen Auslandsjobs in
Uppsala, Warschau und schließlich in Hamburg, wo er 1959 und 1960 das
Institut francaise leitete. Ins Maison de France in Uppsala wurde nur zum
Essen eingeladen, wer Char-Gedichte vortragen konnte.
Bei diesen Jobs lehrte Foucault auch, und zwar meistens Themen
französischer Gegenwartsliteratur und darunter auch ausführlich René Char.
Der Lyriker und Aphoristiker war zwar kein Unbekannter oder Außenseiter
jener Gegenwartsliteratur, war ein Freund von Camus, stand aber nicht im
Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Texte – ob man sie nun einer opak
verdichteten Prosa oder der Lyrik zurechnen will – bestehen aus oft
paradoxen, stets pointenreichen, um wilde Wendungen und krude
Überraschungen gebauten Sentenzen. Während der Nazi-Besatzung war der
ehemalige Surrealist ein wichtiger Mann der Resistance, der eine eigene
Gruppe von Kämpfern leitete und jahrelang unter den Bedingungen von
Klandestinität und Untergrund lebte.
In seinem „Hypnos – Aufzeichnungen aus dem Maquis 1943–44“ wechseln sich
trocken geschilderte Nazi-Gräuel mit schlaflosen metaphysischen
Spekulationen ab, fast alles im Kürzestformat. „Das Mädchen haben wir
gefasst“, heißt es einmal lakonisch über eine Verräterin, nachdem
vergleichsweise wortreich die Qualen eines Kameraden beschrieben wurden.
Manchmal erinnert er an Celan, der ihn auch übersetzt hat – doch meistens
durchkreuzt Chars Neigung, (oft absurde) Denkfiguren als Probleme
vorzulegen, deren Form Lösbarkeit suggeriert, während am Ende doch die
Aporie bleibt, die Ruhe des poetischen Bildes.
Foucault lehrt Char in Seminaren in Uppsala und Warschau und kommt immer
wieder auf ihn zurück. In Hamburg bei der Abfassung des Vorwortes zum
letzten Mal. Es scheint, dass [2][in Hamburg um 1960] ein schwules Leben
leichter war, der laut Hubert Fichte besonders aggressiv den Paragraf 175
anwendende [3][Innensenator Helmut Schmidt] kam erst 1961 ins Amt. Foucault
kondoliert zum Amtsantritt Hamburgs Vorkämpfer für schwule Rechte, Rolf
Italiaander, anlässlich des Todes von Hans Henny Jahnn, der bekanntesten
queeren Persönlichkeit der Stadt.
## Nachtleben der Hansestadt
Italiaander, der schon 1951 im Zimmertheater sein Anti-§175-Stück aufführen
konnte, wird zum Freund und häufigen Besucher im Institut. Bei seinem
ersten Besuch fällt ihm eine charmante, typisch französische junge Dame
auf, die die Anwesenden mit ihrem Esprit und ihrem Charme trefflich
unterhalten habe. Später habe Foucault aber in kleinerem Kreise den ihm
inzwischen vertrauteren Italiaander wissen lassen, dass die Betreffende aus
Hamburg stamme und im Übrigen auch keine Frau sei.
Dieser doppelte Drag beeindruckt Italiaander wie die ganze lockere Stimmung
am Institut. Bei dem Historiker Rainer Nicolaysen kann man nachlesen, dass
Foucault das schwule Nachtleben der Hansestadt genossen und durchaus mit
auswärtigen Gästen geteilt habe. Man kann darüber hinaus vielleicht
mutmaßen, dass sich die Traumata homophober Stimmungen aus Frankreich
langsam auflösen konnten, sodass Foucault 1960 nach Frankreich zurückkehren
konnte, mit der inzwischen abgeschlossenen Geschichte des Wahnsinns im
Gepäck.
Die biografische Spekulation über eine Entspannung des Konflikts mit einer
homophoben Umgebung als Einschnitt zu Beginn der 1960er Jahre ist
vielleicht etwas kühn, zumal es auch gegenteilige Aussagen gibt, aber vom
Verschwinden des oft zitierten Char aus Foucaults Schreiben bis zu dessen
Wiederauftauchen auf den Rückseiten der allerletzten Bücher könnte man
vielleicht auf eine veränderte Rolle der so heftig rezipierten
zeitgenössischen Literatur in Foucaults Psychoökonomie schließen.
Foucault liest in den 1950ern besessen viel und kennt sich aus: Saint-John
Perse, Blanchot, Beckett werden heftig rezipiert. Eine Rezension zu
Hölderlin-Veröffentlichungen zeigt ihn etwa als Kenner auch der Ränder des
deutschen Kanons, etwa der Philologen aus dem George-Kreis. Doch mit der
Veröffentlichung von „Wahnsinn und Gesellschaft“ werden die literarischen
Texte für den nun häufiger und professioneller publizierenden Foucault mehr
zum Stoff, zum Material seiner Untersuchungen – es sind bei aller
Begeisterung nicht mehr die Lieblingsautoren für seinen privaten Gebrauch.
Statt in einem Leiden (an der Welt) von Chars dunkel-pointierten Haikus an
die Hand genommen zu werden, wird etwa ein Raymond Roussel für ihn jetzt
eher zum Exemplum der Phänomene, denen er seit 1961 professioneller auf der
Spur ist. Die Literatur handelt nun nicht mehr von ihm, sondern sie, ihre
Autor_innen und ihre Stoffe, sind nun seine Stoffe.
## Forderung nach Widerstand
Warum aber kommt Char zum Schluss wieder so prominent zurück? Er spendet
das Motto für eine Wende innerhalb einer Wende. Die Geschichte der
Sexualität setzt in mancher Hinsicht neue epistemische Schwerpunkte, indem
sie die „Repressionshypothese“ zurückweist und durch eine andere ersetzt,
eine Art Geständniszwang-Hypothese. Dann wird die abgebrochen und neu
begonnen mit einem zweiten Plan. Und hier tritt Chars Forderung nach einem
Widerstand viel grundsätzlicher auf. In vielen seiner hoffnungsarmen
Niedergangsmomentaufnahmen hat Char immer wieder betont, was dennoch erst
recht nicht geht: zurückgehen an den Punkt, bevor es bergab ging. Das ist
schlimmer als jeder Untergang, man muss weitermachen. Und wenn uns dieser
Satz sagt, dass die Geschichte, indem sie Geschichte wurde, immer schon
falsch war, heißt das, dass sie anders, ganz anders weiterzuschreiben wäre.
Wenn es keine Synonyme, also unterschiedliche und klassifizierende Namen
für die Dinge, mehr gibt, sondern Homonyme, das eine Wort, dann gibt es das
Problem des Nichtidentischen nicht mehr, das für Adorno so entscheidend
war: Es gibt nicht mehr die Begriffe und das, was zwischen sie fällt und in
den Staub gleitet, sondern sie werden quasi immer wieder neu gefunden,
aufgehoben.
Aber zu dem Char-Satz gehört auch, dass er zwar eine tiefe Revolution
verlangt, aber nicht sagt, welche benennbare Praxis damit zu tun hätte:
weder Primitivismus noch Minimalismus noch Männer mit Mantras dürfen den
Satz kapern. Doch Foucault schreibt über Sexualität. Auch Sex ist
schließlich etwas, das immer das Gleiche und immer etwas Anderes ist und um
dessen Anderssein, Werden, Gleichbleiben vieles bei Foucault sich dreht.
Das Re-Entry der Sexualität als Thema oder (einst existenzielles) Problem
führt zum Re-Entry von Char und seinen komischen Widerstandsideen. Dem
Entgegentreten und Widersprechen. Von den Beatles und von John Lennon
wissen wir mehr, als dass es nur Homonyme sein sollen. Wir wissen sogar,
wie das Wort klingt, das eine Wort. Es ist keine Überraschung, und es ist
klar, dass die Generation, die in eine bewaffnete Résistance eintreten
musste, es nicht aussprechen konnte, aber darum weiß.
Von der nächsten Generation, den Beatles wissen wir. Say the word: Love.
15 Oct 2026
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