# taz.de -- Der Artenschützer Josef Settele ist tot: Ein Ökologe, der unermüdlich forschte und aufklärte
       
       > Es trifft jede und jeden, wenn die Natur verschwindet, warnte der
       > Schmetterlingsforscher Josef Settele. Jetzt ist er plötzlich gestorben.
       
 (IMG) Bild: Von Josef Settele ließ sich lernen, warum die Menschen eine neue Haltung zu Pflanzen und Tieren brauchen
       
       Es fängt mit dem Frühstück an. Das „wäre deutlich übersichtlicher, es gäbe
       natürlich kein Honigbrötchen, aber auch keines mit Erdbeermarmelade.
       Tomaten wären weg wie auch die Haselnusscreme. Außerdem säßen Sie auch
       nicht im Baumwollhemd, sondern in Kleidung aus Synthetikfasern am Tisch.“
       Das erklärte [1][Insektenforscher Professor Josef Settele] mehrfach. Heißt:
       Jede und jeden betrifft es, wenn Natur schwindet. Und das tut sie.
       
       Settele, weltweit anerkannter Insektenforscher, genauer: Spezialist für
       Schmetterlinge, hat das untersucht, sein Leben lang. Am vergangenen Freitag
       ist er mit 65 Jahren überraschend gestorben – und mit ihm einer, der die
       Krise des Artensterbens wieder und wieder erklärte, der sich nicht
       unterkriegen ließ, den Zeiten zum Trotz.
       
       Europa, so sagte er zum Beispiel, verliere „die Motive des
       Landschaftsmalers der Romantik, Caspar David Friedrich“, „die reich
       strukturierten Kulturlandschaften“, damit auch Heimat. Das sei es aber
       nicht allein: „Wir geben auch die Versicherung für die Zukunft auf, wenn
       wir den Artenverlust nicht stoppen. Wir wissen nicht, ob wir noch eine Art
       besonders brauchen werden, weil sie zum Beispiel Obst oder Gemüse bestäuben
       kann und einspringen muss, weil andere Arten durch den Klimawandel,
       Parasiten oder Ackergifte ausfallen.“
       
       Von Josef Settele lässt sich lernen, warum die Menschen eine neue Haltung
       zu Pflanzen und Tieren brauchen, schonender mit ihnen umgehen sollten. Dass
       dies nicht nur Sache einiger weniger Nerds ist, ihr Schutz und Erhalt auch
       durch und durch konservativ. „Die Insekten werden nie gehen. Die Mücken zum
       Beispiel werden durchkommen.“ Das ist noch so ein Settele-Satz.
       
       ## Einer der berühmtesten Ökologen Deutschlands
       
       Seine Stimme: gewichtig. Er war Umweltweiser, also Mitglied im
       [2][Sachverständigenrat für Umweltfragen], der die deutsche Bundesregierung
       berät. Er, einer der berühmtesten Ökologen Deutschlands, forschte lange
       Zeit als Professor am UFZ, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in
       Halle, wenn er nicht gerade auf der Suche nach Insekten durch die Wiesen
       strich.
       
       Für andere mag die Welt der Insekten eine Unbekannte sein, allein in
       Deutschland leben 33.000 Insektenarten, viele davon winzig klein. Für
       Settele nicht. Er wuchs im Dörfchen Kohlhunden im Allgäu auf – „Da war in
       den Schulferien sonst nicht so viel los“, sagte er – und fing schon als
       Sechsjähriger an, Insekten zu sammeln. Seine Eltern seien gar nicht so
       glücklich darüber gewesen, schrieb er in einem seiner Bücher. Denn Autor
       war er auch. Dann habe seine Mutter aber mal gefragt, was denn das für ein
       Falter sei. Da sei er nicht mal zehn und stolz wie Bolle gewesen.
       
       Seine Expertise: enorm. „Tagfalter kenne ich wirklich gut. Da mache ich bei
       1.000 Bestimmungen vielleicht mal ein bis zwei Fehler“, sagte er von sich
       selbst, um dann hinzuzufügen, das könne jeder erreichen, wenn man sich „da
       reinhängt“.
       
       ## Eine Schmetterlingsgattung trägt seinen Namen
       
       Die oft schillernden Schmetterlinge gelten als ein Frühwarnsystem, ändert
       sich etwas an ihren Lebensumständen, reagieren sie prompt. Darum hat
       Settele mit seinen Leuten am UFZ vor vielen Jahren ein Mitmachprojekt
       gestartet: das bundesweite Tagfalter-Monitoring. Wer mag, kann helfen,
       Schmetterlinge zu zählen, sucht sich dafür eine Strecke aus, läuft diese
       von April bis September jede Woche einmal ab und zählt rechts und links des
       Weges Zitronenfalter, Kohlweißlinge und so fort. Mittlerweile sind in einem
       Jahr 500 Bürgerinnen und Bürger dabei. Ein Ergebnis: Seit 2016 nimmt die
       Zahl der Falter auf Wiesen und Weiden „eindeutig ab“.
       
       Settele, nach dem auch eine Schmetterlingsgattung benannt ist, Settelia,
       hat sich einen Namen gemacht, auch international. Er saß im
       Weltbiodiversitätsrat IPBES, war einer der drei Co-Vorsitzenden des
       globalen Berichts zur biologischen Vielfalt, der Bestandsaufnahmen
       schlechthin, wie es Tieren und Pflanzen auf der Erde insgesamt geht. Auch
       für den Weltklimarat IPCC war er Leitautor.
       
       Sein Anliegen: zeigen, wie Artensterben, Klimawandel, auch Pandemien
       zusammenhängen. Er machte das gut gelaunt, nie resigniert, appellierte
       lieber: Handelt! Die nächste Chance kommt am kommenden Montag. Dann trifft
       sich die internationale Staatengemeinschaft für zwölf Tage auf der COP 17,
       der Weltnaturkonferenz in Armenien.
       
       Josef Settele wird nicht mehr dabei sein. Er, schwarze Lederweste,
       kariertes Hemd, auch mal die Zigarette in der Hand, hat einen
       hineinkatapultiert in seine Forschung. Wissend, unprätentiös, aber doch
       seiner Expertise bewusst, war er einer der besten seiner Art, vielleicht
       der Beste. Wie gern würde man noch einmal üppig mit ihm frühstücken.
       
       13 Oct 2026
       
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