# taz.de -- Altern und Tod: Wie mit dem Sterben umgehen?
       
       > Sehnsucht, Schuld und Mitleid sind Gefühle, die aufkommen, wenn wir
       > Menschen beim Altern begleiten. In Film und Realität ringen viele, wie
       > sie damit umgehen.
       
 (IMG) Bild: Mit damals 85 Jahren erhielt Emmanuelle Riva für „Amour“ als älteste Frau eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin
       
       Natürlich ist da als Erstes Freude. Nach Langem haben wir es geschafft, uns
       wiederzusehen. Dann ein kleiner Schreck darüber, dass du wieder etwas
       geschrumpft bist. Sehnsucht nach einer Zeit, die etwas leichter war.
       Schuld, weil ich selten zu Besuch bin. Mitleid – und dann gleich Ärger über
       dieses Mitleid, das ich in anderen oft als Bevormundung oder verborgenes
       Selbstmitleid markiere.
       
       Diese Woche werde ich meine drei noch lebenden Großeltern sehen, obwohl sie
       Hunderte Kilometer auseinanderwohnen. 2019 war das letzte Mal, dass ich das
       in einer Woche schaffte. Mir fällt es, wie so vielen anderen, schwer, meine
       Familie altern zu sehen. Besonders da dieses Altern in ihrem Fall zumeist
       leidvoll ist.
       
       Wie schonungslos es sein kann, daran teilzunehmen, erinnert mich an
       [1][Michael Hanekes] [2][„Amour“]. Der Film erzählt die Geschichte des
       Ehepaars Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant), zwei
       ehemalige Musikprofessoren in ihren 80ern. Das bürgerliche Paar führt ein
       friedliches Rentnerleben. Bis Anne mehrere Schlaganfälle erleidet und sich
       das Paar nach Jahrzehnten der Ehe die unausweichliche Frage stellen muss:
       Wie mit dem Sterben umgehen?
       
       ## Die tragischen Seiten des Alterns
       
       Ein Krankenbett ersetzt das Ehebett. Sein leises Surren, wenn sich die
       Rückenlehne hebt, kenne ich aus dem Zimmer meines Großvaters im Altersheim.
       [3][Anne drückt den Wunsch aus, dass alles endlich vorbei sein solle.]
       Diesen Wunsch habe ich auch schon gehört. Annes und Georges Augen wirken
       mit jeder Filmminute, die verstreicht, trüber, kleiner, dunkler. Sie
       erinnern mich an Ulla Hahns Gedicht „Besuch bei der Mutter“.
       
       Jedesmal ist sie wieder / ein Stückchen kleiner geworden / Knöchelchen
       dünner als Kinderbein / Vogelbein halten mich fest
       
       In meinen Armen schrumpft sie / in mich hinein mitsamt / Angora-Hemd Bluse
       Wolljacke Kittel / schließt sich in mein Herz
       
       Liegt mir im Blut / schaut mich an mit / Pupillen stecknadelkopfgroß / aus
       meinen Augen
       
       Als ich dieses Gedicht das erste Mal las, bekam ich einen Knoten im Bauch.
       Das gleiche diffuse Gefühl habe ich, wenn ich die tragischen Seiten des
       Alterns meiner Familienmitglieder sehe. Oder Filme wie „Amour“. Als Georges
       darin einen Film, den er in seiner Jugend sah, mit den Worten beschreibt:
       „Ich erinnere mich nicht an den Film. Aber ich erinnere mich an die
       Gefühle“, dann habe ich den Eindruck, dass er verstehen könnte, was ich
       meine.
       
       Mein Großvater war früher Bäcker. Als ich klein war, beobachtete ich, wie
       seine Hände kraftvoll und zugleich mühelos den harten Lebkuchenteig
       kneteten. Heute hat er das Rezept vergessen. Und seine Hände sind schwach
       geworden, seine Haut ist dünn, weich und kühl wie feines Papier.
       
       ## Nicht nur Verlust
       
       Viele Menschen, die ich kenne, empfinden es als unerträglich, älter zu
       werden. Sehen sie darin einen großen Kontrollverlust? Oder ist der Fehler,
       zu glauben, zuvor Kontrolle gehabt zu haben? Die Selbstständigkeit geht
       jedenfalls verloren. Immer weniger Gegenstände umgeben einen: Aus dem
       gesamten Hausrat bleiben dann nur Rollator, ein Hornkamm, einige Bilder …
       
       Und [4][Altern ist die ständige Erinnerung daran, dass es mit einem selbst
       irgendwann vorbei sein muss.] Vielleicht will man es deswegen möglichst
       weit weg von einem halten. „Nichts hiervon verdient, gezeigt zu werden“,
       sagt Georges irgendwann zu seiner Tochter Eva (Isabelle Huppert), die ihre
       im Schlafzimmer eingesperrte Mutter sehen will.
       
       Als eines meiner Familienmitglieder im hohen Alter starb, war ich bei der
       Beerdigung für einen kurzen Moment voller Freude und dachte über die
       Person, dass sie es endlich geschafft hat. Für diesen Moment hatte ich den
       Eindruck, einen richtigen Gedanken zum Altern und zum Tod gefasst zu haben,
       nämlich dass darin nicht nur Verlust liegt. Ich bezweifle, dass mir das
       diese Woche so gelingen wird.
       
       14 Oct 2026
       
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