# taz.de -- Fotografin Aenne Biermann: Lackierte Nägel tauchen immer wieder auf
       
       > Die Fotografin Heidi Specker verarbeitet den Nachlass der
       > Avantgardefotografin Aenne Biermann. Oder besser: das, was die Nazis
       > davon übrig ließen.
       
 (IMG) Bild: Verbindung hergestellt: In „Vitrine“ überlagert Heidi Specker den „Blick durch mein Atelierfenster“ Biermanns mit Mineraliendarstellungen
       
       Verständlich, wenn Claudia Tittel, die Leiterin des Kulturamts Gera,
       Unterstützung bei Heidi Specker suchte. Es galt, Aenne Biermann, eine
       wichtige Vertreterin der Fotografie des Neuen Sehens, im Kulturleben Geras
       wieder sichtbar zu machen. Und Speckers eigenwillige Auseinandersetzungen
       mit Germaine Krull (2004) sowie Moï Ver (2015), [1][gleichfalls
       Repräsentanten des Neuen Sehens], hatten nachhaltigen Eindruck
       hinterlassen.
       
       Mit einem Arbeitsstipendium der Hertie-Stiftung recherchierte Specker also
       in Gera. Hier war die junge Aenne Biermann nach ihrer Heirat 1920 mit dem
       Textilunternehmer Herbert Biermann zu Hause. Ein Umstand, der sich heute in
       der Stadt kaum noch nachvollziehen lässt. Nach Aenne Biermanns frühem Tod
       1933 sah sich der Witwer mit zwei kleinen Kindern unter dem Druck von
       Ausgrenzung und schließlich der „Arisierung“ seines Unternehmens 1939 zur
       Emigration gezwungen.
       
       Zwei Liftvans, eine Art Container, in denen Biermanns fotografischer
       Nachlass und andere Wertgegenstände der Familie von Triest aus nach
       Palästina verschifft werden sollten, erreichten nie ihr Ziel. Teile des
       Inhalts gelangten vermutlich in Wien zur Auktion. Von der Villa der Familie
       in Gera, 2020 abgerissen, bleibt das Foto ihres modernistischen
       Damenzimmers. Für seine Gestaltung hatte Biermann, die eine als
       „Herrenschnitt“ bekannte Kurzhaarfrisur trug, Thilo Schoder beauftragt,
       einen Vertreter des Neuen Bauens.
       
       „Amnesia Gera“ lautet bezeichnenderweise der Titel, unter dem Specker ihre
       Beschäftigung mit Aenne Biermann Ende 2024 in der [2][Neuen Galerie für
       zeitgenössische Kunst] vorstellte. Später suchte sie auch in Wien und
       Triest nach materiellen Spuren der verlorenen Containerladung. Im Oktober
       2025 war „Liftvan Triest“ im dortigen Trieste Contemporanea zu sehen. Als
       Ausstellungsort ließe Leipzig sich nun als Stellvertreter Wiens lesen, wäre
       die [3][GFZK] nicht eine naheliegende Wahl für Heidi Specker, die ebenfalls
       in Leipzig, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, eine Professur hat.
       
       ## Sperrholz und pelzbezogene Sitzhocker
       
       In den Galerieräumen übersetzt das von Specker beauftragte
       interdisziplinäre Designkollektiv Bless das Bild des Damenzimmers in eine
       Installation, die durch das raumverbindende Regalsystem aus Sperrholz in
       Kombination mit bizarren, pelzbezogenen Sitzhockern besticht. Auf dem Regal
       finden sich Mineralien aus der Sammlung von Speckers [4][verstorbenem
       Ehemann Kasper König]. Sie erinnern an die Mineralienaufnahmen, mit denen
       Biermann Ende der 1920er Jahre berühmt wurde.
       
       Auch Specker fotografiert die Mineralien. In Doppelbelichtungen setzt sie
       sie vor den Hintergrund von Biermanns „Blick aus meinem Atelierfenster“. Im
       Print sind jeweils andere Ausschnitte dieses Hintergrunds positiv zu sehen,
       während die Mineralien als Negativ erscheinen. Auch das eine Reflexion des
       Damenzimmers, an das die Dunkelkammer angeschlossen war.
       
       [5][Aenne Biermanns Karriere] war spektakulär. Erst Anfang der 1920er Jahre
       begann sie zu fotografieren, zunächst, um das Aufwachsen ihrer Kinder zu
       dokumentieren. Bereits 1929 erhielt die Fotoamateurin eine
       Einzelausstellung im Landesmuseum Oldenburg, in Nachfolge von Albert
       Renger-Patzsch und Karl Blossfeld. Von rund 4.000 Negativen, die in
       kürzester Zeit entstanden, sind heute nur noch etwa 400 Abzüge in deutschen
       Sammlungen zu finden.
       
       Dass die Motivwahl häuslich blieb, zeigt sich in den
       Biermann-Specker-Bildpaaren von „Amnesia Gera“: Da stellt Specker ihr
       Farbfoto eines frischen Blumenstraußes Biermanns Tüte mit Walnüssen
       gegenüber. Sie paart die Fassade eines modernen Wohngebäudes mit einem
       Spiegelei. Und zwei Teenagern in Geras Fußgängerzone treten Biermanns
       Kinder in der Badewanne gegenüber.
       
       ## Raffinierter Montagefilm
       
       Das Kapitel Wien findet in einem raffinierten Montagefilm Niederschlag:
       Bilder aus Auktionshäusern, Möbellagern und -sammlungen werden nach einem
       festgelegten Schema übereinander geblendet. Triest wiederum steht für eine
       kleine Serie großartiger Farbaufnahmen: drei brillante
       Schaufensterstillleben, ein Blick aufs Meer und einer aus dem Fenster auf
       ein Hausensemble.
       
       Das Titelfoto zeigt Nagelstudiokunst auf Männerhänden als Äquivalent zu
       Biermanns Herrenschnitt. Weil lackierte Nägel in Speckers Werk immer wieder
       auftauchen, werden sie hier zum Zeichen ihrer eigenständigen künstlerischen
       Antwort. „Damenzimmer Herrenschnitt“ handelt von Nähe und Differenz,
       Erinnerung und Verlust – und der Möglichkeit, aus den Lücken der
       Überlieferung neue Bilder zu gewinnen.
       
       14 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neues-Sehen-im-Hotel-Oriental/!488579
 (DIR) [2] https://www.ngfzk-gera.de/
 (DIR) [3] https://gfzk.de/de/
 (DIR) [4] /Zum-Tod-von-Kurator-Kasper-Koenig/!6026699
 (DIR) [5] /Wiederentdeckte-Fotografin/!5740952
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Brigitte Werneburg
       
       ## TAGS
       
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 (DIR) Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig
       
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