# taz.de -- Todesstrafe in den USA: Staat und Spektakel
> Der fehlgeschlagene Versuch, die Mörderin Christa Pike hinzurichten,
> zeigt die ganze Grausamkeit der Todesstrafe. Wir dürfen uns nicht damit
> abfinden.
(IMG) Bild: Im texanischen Huntsville-Gefängnis werden die Häftlinge mithilfe dieser Schnallen und Gurte während der Hinrichtung festgebunden
Vor gut einer Woche, am 30. September, sollte im US-Bundesstaat Tennessee
die verurteilte Mörderin Christa Pike hingerichtet werden. Doch Pike
überlebte die Verabreichung von zwei Dosen des starken Schlafmittels
[1][Pentobarbital]. Gouverneur Bill Lee ordnete daraufhin eine unabhängige
Überprüfung an und setzte alle Hinrichtungen bis Jahresende aus. Der Staat
Texas hingegen tötet weiter, am vergangenen Mittwoch wurde ein verurteilter
Raubmörder mit Pentobarbital umgebracht.
Ein paar Stunden nach dem [2][Welttag gegen die Todesstrafe] am 10. Oktober
zeigt sich beim Blick in die USA einmal mehr: Wer im Namen des Rechts
tötet, macht den Rechtsstaat zur grausamen Farce. Insbesondere wenn, wie
von US-Verteidigungsminister Hegseth [3][angekündigt], eine Hinrichtung
durch Erschießen des Attentäters Nidal Hassan demnächst so ablaufen solle,
„dass die Öffentlichkeit das mitverfolgen kann.“
„Menschen zu töten ist absolut verboten, genauso wie Folter, und das gilt
auch für den Staat“, sagt die Philosophin Imke von Maur dazu der taz. Eine
Ausnahme sei allein akute Notwehr.
Mit der Tötung eines Menschen nehme sich der Staat ein Recht heraus, das er
sonst jedem verbiete, und widerspräche sich damit selbst. Hinzu käme: Wer
hingerichtet wurde, kann nicht mehr freigesprochen werden, und
Justizirrtümer gibt es auch in den USA einige.
## In zweifacher Weise schuldig
Die heute fünfzigjährige Pike sollte für den Mord an Colleen Slemmer
hingerichtet werden, den sie als Achtzehnjährige beging. Dazwischen liegen
rund 30 Jahre im Todestrakt, in denen der Staat sie täglich auf ihre
Hinrichtung warten ließ. Anträge ihrer Verteidigung zogen das Verfahren in
die Länge, doch das ändert nichts daran, wer sie all die übrigen Jahre in
dieser Ungewissheit hielt.
Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus beschrieb in
seinen „Betrachtungen zur Guillotine“ (1957) diese Barbarei: Der Staat
quält die Verurteilten mit der Aussicht auf die Hinrichtung, bevor er sie
tötet. Kein Mörder kündigt seinem Opfer den Tod an und hält es monatelang
gefangen, schreibt Camus. Der Staat bestraft erst durch das jahrzehntelange
Warten, tötet anschließend und macht sich damit in zweifacher Weise
schuldig.
Auch gegenüber den Hinterbliebenen hält der Staat nicht, was er verspricht.
Keine Hinrichtung bringt Colleen Slemmer zurück. Dass Angehörige der Opfer
Vergeltung wollen, ist zutiefst menschlich. Doch der Staat verheißt diese
Genugtuung und liefert stattdessen Jahrzehnte, in denen die Tat immer
wieder neu verhandelt wird.
Aber nicht nur das Warten ist grausam, auch die Hinrichtung selbst. Bei
Pike wie auch schon früher gelingt dem Staat das Töten nicht beim ersten
Mal. Im Mai 2026 wurde bei einem Verurteilten eine Stunde lang nach einer
geeigneten Vene für die tödliche Injektion gesucht; die Hinrichtung wurde
schließlich verschoben.
## Wie auf mittelalterlichen Dorfplätzen
Auch bei Pike wurde keine geeignete Vene gefunden; sie wurde im Krankenhaus
behandelt und befindet sich inzwischen wieder im Gefängnis. Sie ließ
mitteilen, sie sei sehr dankbar für die Arbeit der Ärzte im Krankenhaus.
Heilen, um zu töten – das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen
lassen. Den Ärzt:innen kann man keinen Vorwurf machen, denn sie handeln
nach ihrem Berufsethos. Umso fassungsloser macht es, in welche Lage der
Staat sie damit bringt.
Während Tennessee nun eine Pause mit dem Töten einlegt, macht Texas wie
gesagt weiter. Und wenige Tage nach der misslungenen Hinrichtung von Pike
genehmigte Präsident Donald Trump die Hinrichtung von Nidal Hasan, einem
früheren Armeepsychiater, der 2009 auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas 13
Menschen erschoss. Die umstrittene Live-Übertragung seiner Hinrichtung
kommt einem barbarischen Spektakel auf mittelalterlichen Dorfplätzen
gleich, Zeiten, in denen die Menschenrechte noch kein Begriff waren.
Die Perversität, dass der Staat tötet, obwohl er das Töten verbietet,
steigert sich derzeit von Fall zu Fall. Am Ende steht eine Spritze, die
nicht wirkt, oder ein Schauspiel fürs Internet. Der Staat, der das
friedliche Zusammenleben garantieren soll, wird zum Broadcaster der
Grausamkeit.
11 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Todesstrafe-in-den-USA/!6220240
(DIR) [2] https://www.coe.int/de/web/portal/10-october-against-death-penalty
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-todesstrafe-106.html
## AUTOREN
(DIR) Rahel Bueb
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