# taz.de -- Album von Postpop-Band Vanishing Twin: Produktive Unruhe schaffen
> Die Postpopband Vanishing Twin löst sich für ihr Album „Archives“ von den
> Vorbildern und kreiert virtuelle Psychedelia für kopfstarke Randgruppen.
(IMG) Bild: Schattige Typen: Vanishing Twin, hier mal in London vereint
Verzerrte Wortfragmente, sakraler Chorgesang, dazwischen eine
mystisch-traumartige Erzählung aus vergangenen Zeiten; das Ganze geerdet
von rückwärts laufenden Mellotron-Sounds und einem schleppend-lethargischen
Beat: „Archives“ heißt nicht nur der Titelsong des gleichnamigen Albums von
Vanishing Twin, er ist zudem das experimentellste Stück ihrer aktuellen
Veröffentlichung. Und zugleich eine programmatische Ansage: Mithilfe von
Klangarchiven reisen Vanishing Twin nicht nur in die Vergangenheit, sondern
schaffen auch vielstimmige, wandelbare Klangskulpturen auf Höhe der Zeit
Nicht selten reiben sich futuristische Sounds dabei an bukolische
Feldaufnahmen. Die zum Trio geschrumpfte Avantpopband vermag mit Klängen
mal nostalgische Gefühle zu wecken und es dann wieder unheilvoll dräuen zu
lassen – oft binnen weniger Takte. Die emotionale Bandbreite ihrer
Gestaltwandler-Tracks ist bemerkenswert. Nicht minder bemerkenswert ist ihr
organischer Fluss.
Vor dem Hintergrund, dass die drei kollaborationserprobten
Musiker:innen ihre Klangskizzen inzwischen hauptsächlich virtuell
austauschen, mutet das erstaunlich an. Multiinstrumentalistin Cathy Lucas,
die Vanishing Twin 2015 als Soloprojekt in die Welt brachte, zog vor
einigen Jahren in den ländlichen Südwesten Frankreichs. Ihre
Mitstreiter:innen, die breit aufgestellte italienische Schlagzeugerin
[1][Valentina Magaletti] (Moin, Tomaga, Holy Tongue) und Bassist Susumu
Mukai (alias Zongamin) leben nach wie vor in London. Zumindest die beiden
treffen sich regelmäßig in der analogen Welt, nicht zuletzt durch ihr
Dub-meets-Postpunk-Projekt V/Z; zudem stellen sie zwei Drittel des
experimentellen On-U-Sound-Projekts Holy Tongue.
## Geschmeidig geschnitzt
Gemeinhin gilt das Digitale ja als Sphäre, die das Sich-Versenken ausbremst
und einen kreativen Flow allzu oft torpediert. Im Fall von Vanishing Twin
scheint die räumliche Trennung einer intuitiven Zusammenarbeit jedoch eher
zuträglich. Spätestens nach ein paar Durchläufen klingen auch die zunächst
etwas sperrigen Songs geschmeidig dahingeschnitzt.
Trotz aller Verspultheit schälen sich aus den Klangcollagen eingängige
Melodien heraus. Die schwarmintelligente Arbeitsweise von Vanishing Twin
umreißt Lucas folgendermaßen: „Material sammeln, damit herumspielen, es auf
den Kopf stellen, versuchen, die Teile zusammenzufügen und daraus eine
Geschichte erschaffen“.
Mit morphenden, oft muskulösen Rhythmen, luftigem Gesang und flirrender
Psychedelik spannen die drei Musiker:innen Klangbögen auf, die heimelig
und irritierend zugleich wirken. Ineinander stolpernde Beats und
sporadischer Instrumententausch schaffen eine produktive Unruhe. Auch wenn
es wie Verschwendung anmutet, wenn die diesbezüglich begnadete Magaletti
nicht am Schlagzeug sitzt. So bleiben die Klangcollagen in der Schwebe.
## Eine wahre Geschichte
Ein großer Wurf ist der elegant-verstörende Track „Bring Me The Axe“:
Ambientpop reibt sich an zerhackter und doch erstaunlich eingängiger
Percussion. Es entsteht ein eigentümlicher Groove. Dabei lässt Lucas’
ätherischer Gesang den entrückt wirkenden Track davonschweben. Das Stück
nimmt losen Bezug auf den Fall von Lizzie Borden, die im Massachusetts des
Jahres 1892 mutmaßlich ihren Vater und ihre Stiefmutter tötete, jedoch
freigesprochen wurde. Auf den forschen Refrain „Bring me thе axe“ folgt das
verhaltene Echo: „Who could believе that a girl could do that?“
Kam anlässlich früherer Vanishing-Twin-Alben kaum eine Rezension ohne den
Verweis zu den britischen Bands [2][Broadcast] und Stereolab aus, haben
Vanishing Twin ihre Klangpalette über Psychedelik, Exotica, Ye-Ye-Beats und
munteren Retrofuturistismus hinaus inzwischen erweitert. [3][Zitathafte
Momente] gibt es nach wie vor, etwa beim unbeschwert luftigen „Oral
Tradition“. Epigonal wirken die Vanishing Twin von heute jedoch gar nicht
mehr, dafür sind ihre eklektischen Songs viel zu eigen.
Die abgenutzte Redensart, etwas sei mehr als die Summe einzelner Teile –
auf „Archives“ von Vanishing Twin trifft sie zu. Durch Mixen und Matchen
des titelgebenden Archivmaterials entsteht ein Klangbild, das stets im
Wandel bleibt. Im Flow treten die kreativen Egos der Musiker:innen
zurück, stattdessen feiern Vanishing Twin die Ambivalenz, ja sogar
Transzendenz.
15 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Stephanie Grimm
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