# taz.de -- Ukrainischer Film „Camouflage“: Sein Sakko gleitet wie ein schwarzer Vogel durch die Luft
       
       > In seinem Debütfilm „Camouflage“ zeigt der ukrainische Regisseur Mykyta
       > Gibalenko die Ambivalenzen der Zugehörigkeit – sozialrealistisch und
       > poetisch.
       
 (IMG) Bild: Vitaly (Arthur Aliiev) und Eugenia (Yelyzaveta Tsilyk) in „Camouflage“
       
       Lassen sich die eigene Identität und Herkunft verhüllen? Indem man eine
       neue Sprache lernt, auf einen anderen Namen hört und sich anders kleidet?
       Das klingt erst mal drastischer, als es sich gestalten muss. Der Held in
       [1][Nadav Lapids radikalem „Synonymes“] versucht, sich in Paris mit der
       Brechstange die israelische Identität auszutreiben. Subtiler ist dagegen
       der Prozess bei Vitaly (Arthur Aliiev), dem Protagonisten in Mykyta
       Gibalenkos formalästhetisch konzentriertem Langfilmdebüt „Camouflage“.
       
       Der Film, der in der Reihe „Giornate degli Autori“ im Rahmen des
       Filmfestivals in Venedig Premiere feierte, setzt 2021 ein, im Jahr vor dem
       [2][russischen Überfall auf die Ukraine]. Ein unheilvoller Countdown
       strukturiert die Ereignisse bis zu jenem kriegerischen Point of no return,
       der unsere gesellschaftspolitische und mediale Gegenwart bis heute
       beschäftigt und durchrüttelt. Vitaly, zurückhaltend-intensiv von dem
       ukrainischen Schauspieler Aliiev zwischen Emanzipationswillen und
       Verunsicherung verkörpert, will raus aus der Ukraine. Warum? Das wird, wie
       vieles in dem klugen Debüt, nicht in einfache Antworten gegossen.
       Erwartungen scheinen auch eine Rolle zu spielen.
       
       Zu Filmbeginn täuscht der 22-Jährige seiner Mutter, einer Lehrerin,
       „verkleidet“ mit einem aus dem Rucksack gezogenen faltigen Sakko, vor, dass
       eine Prüfung gut gelaufen sei. Nur seine geliebte Schwester Eugenia
       (Yelyzaveta Tsilyk) weiß von seinen Plänen, zum Studium nach München
       aufzubrechen. Die beiden verbindet eine gewisse Unangepasstheit, die sich
       bei Vitaly auch durch einen Sprachfehler artikuliert. „Der eine stottert,
       die andere ist ne Lesbe“, sagt Musikerin Eugenia schnippisch, bevor die
       beiden, wie mehrfach im Film, jenen bekannten osteuropäischen Kinder- und
       Krabbelreim gemeinsam aufsagen: „Schienen, Schienen, Schwellen, Schwellen.
       Ein Zug kommt aus Poltawa.“
       
       Regisseur Gibalenko verarbeitet in „Camouflage“ eigene Erfahrungen. Er
       wurde 1993 in Melitopol in der Südukraine geboren, studierte Maschinenbau
       in Kyjiw und zog 2013 nach München, wo er sein Ingenieurstudium beendete.
       Bereits in der Ukraine interessierte er sich für Kunst und visuelle Medien.
       Ab 2019 studierte er Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film in
       München und war dort auch in der freien Theaterszene unterwegs.
       
       ## Suche nach persönlicher Freiheit
       
       Der Held seines Debüts, das Gibalenko gemeinsam mit Sharyhan Osman
       geschrieben hat, findet nach seiner Ankunft und ersten verlorenen Schritten
       über eine Theatergruppe Anschluss. Dort lernt er Fiona (Klara Lange)
       kennen, mit der er später zusammenwohnt. Mit der Theatergruppe probt er für
       eine Performance zu Aristophanes’ antikem Theaterstück „Die Vögel“.
       
       Wenn Vitaly, der sich äußerlich verändert, im Deutschen nicht stottert und
       von seinen neuen Freunden „Vito“ genannt wird, im Vogelkostüm über sie
       fegt, manifestiert sich ein Grundmotiv des Films: Vitaly „Vito“ scheint auf
       der Suche nach persönlicher Freiheit. Da passt es, dass mehrfach im Film
       Vögel über den Horizont ziehen und in einer wunderbaren Szene jenes Sakko,
       das Vitaly aus dem Fenster des Plattenbaus wirft, wie ein schwarzer Vogel
       durch die Luft gleitet. Mit solchen Einstellungen von Kameramann Mirko Hans
       findet Gibalenko in seinem sozialrealistisch inszenierten Integrationsdrama
       immer wieder auch poetische Momente neben der Theaterbühne.
       
       Mit Ankunft seiner Schwester und Mutter, die vor dem Krieg fliehen, prallen
       in Vitalys WG Welten und Wertesysteme aufeinander. Sie habe nicht damit
       gerechnet, dass sie ihre Heimat jemals aufgrund solcher Entwicklungen
       verlassen müsse, sagt Vitalys sowjetisch sozialisierte Mutter und
       beschreibt damit ein Trauma vieler Kriegsgeflüchteter.
       
       Überhaupt erzählt der auf die Familie fokussierte Film zugleich viel
       Universelles über Identität, Heimat und Migration. Dass mit den Russen ein
       „Brudervolk“ angreift, wird mehrfach erwähnt, und auch die Risse im
       Familiengefüge sind komplex. Eugenia, die ihren Bruder zunächst bei seinen
       Ausreiseplänen unterstützt hat, scheint ihn nun ein wenig als Verräter zu
       betrachten. Er sei jetzt ein guter Europäer, sagt sie wütend.
       
       Ohne mit der Tür ins Haus zufallen, thematisiert „Camouflage“ die
       Ambivalenzen von Zugehörigkeit und Familie in dieser von Kriegen
       zerrütteten Gegenwart. Bis auf wenige nachrichtliche Bilder aus dem
       Kriegsgebiet bleibt der Film dabei komplett bei Vitaly und seiner Familie
       und ihrem Versuch, im Auseinanderdriften doch wieder zusammenzufinden.
       
       Wie die Athener in Aristophanes’ antiker Komödie, die mit den Vögeln ein
       freies, demokratisches „Wolkenkuckucksheim“ zu errichten versuchen,
       scheitert auch Vitalys kleine Utopie an der Realität. Dennoch versinkt
       „Camouflage“ nicht in Pessimismus, vielmehr zelebriert er einen
       humanistischen Realismus.
       
       13 Oct 2026
       
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