# taz.de -- Kino-Drama um zwei ukrainische Flüchtende: Ohnmacht und Trauer
       
       > Der Film „Rivale“ macht das Schicksal einer alleinerziehenden
       > ukrainischen Geflüchteten und ihres Sohnes zum packenden Kammerspiel.
       
 (IMG) Bild: Allein im deutschen Wald: Roman (Yelizar Nazarenko)
       
       Worte sind Brücken. Aber der neunjährige Roman (Yelizar Nazarenko), der
       nach dem Tod seiner Oma aus einem ukrainischen Dorf nach Deutschland, zu
       seiner Mutter Oksana (Maria Bruni) geschickt wird, hat diese Brücken
       abgerissen. Und findet keine Worte mehr: Im fremden Land, wo die Mutter
       schwarz im Haushalt des Diabetikers Gert Schwarz (Udo Samel) arbeitet, kann
       Roman sich mit niemandem außer ihr verständigen, die beiden müssen sich –
       aus Angst vor Ausweisung – in der Öffentlichkeit unsichtbar machen.
       
       Die schwierige Kommunikation mit Gert gerät noch mehr ins Stocken, als der
       Junge begreift, dass der über 60-Jährige in Oksana mehr als eine
       Haushaltshilfe sieht: Nachdem sie seine vor Monaten verstorbene Frau
       gepflegt hatte, bemüht Gert sich nun um eine intime Beziehung mit der
       jungen Ukrainerin. Romans Eifersucht wächst in eine massive Angst, als
       seine Mutter ins Krankenhaus muss und Gert mit ihm in eine kleine Datsche
       fährt …
       
       ## Kommunikation als Problem
       
       [1][„Rivale“ hat sich mehrere Themen aufgeladen]: Eine
       Mutter-Kind-Beziehung, die durch eine vermeintliche Rivalität beschwert
       wird; monetäre Zwänge, Ohnmacht und Abhängigkeiten bei illegal
       Beschäftigen; und Isolation, die durch die Kommunikationslosigkeit
       verdeutlicht wird. Nah am hervorragenden kindlichen Hauptdarsteller erzählt
       Regisseur Marcus Lenz, der das Drehbuch zusammen mit Lars Hubrich schrieb,
       von der Einsamkeit, die man ohne Sprache empfindet, und von schnell
       entstehenden Missverständnissen in Bezug auf Bedeutungen und Rituale.
       
       Wenn Gert etwa seinen Nachnamen „Schwarz“ erklären möchte, und sein
       schwarzes Portemonnaie herausholt, speichert Roman das deutsche Wort
       „Schwarz“ für „Geldbörse“ ab. Und wenn Gert an Romans erstem Tag in
       Deutschland wie selbstverständlich nach dem Mittagessen den Teller
       sauberwischt, ihn umdreht und sich den Nachtisch auf der Unterseite
       kredenzen lässt, dann ist das die feine Beobachtung einer merkwürdigen
       Angewohnheit, die man bestimmt als niedlich abtun könnte – wenn man nur die
       gleiche Sprache hätte.
       
       Die (deutschen) Zuschauenden haben somit gegenüber Roman den Vorteil, dass
       sie Gert verstehen, ihn schnell als zwar mit Kindern unerfahrenen, aber
       nicht grundlegend gemeinen Menschen erkennen – er scheint einfach ein
       penibler deutscher Knochen zu sein, dessen Behördenangst zuweilen groteske
       Züge annimmt und dessen altmodisches Erziehungsverständnis psychologisch
       fragwürdig, aber nicht böswillig ist.
       
       ## Einzig verlässliche Figur
       
       Auf der anderen Seite ist er fast die einzige verlässliche Figur in Romans
       immer kleiner werdendem Universum. Denn die Menschen, die ihn nach dem Tod
       der Großmutter auf die lange, beschwerliche und illegale Lkw-Schleusertour
       schickten, oder auch seine überforderte, zuweilen kindlich wirkende Mutter
       Oksana sind ebenfalls keine Anker für den schmalen Jungen.
       
       Mithilfe einer sensiblen, konzentrierten Kamera (Frank Amann) übersetzt
       Lenz die Sprachlosigkeit des Jungen in luzide Bilder und scheut sich nicht
       vor Traumsequenzen, die Romans wilde Fantasie illustrieren. Und obwohl der
       Film bereits vor dem russischen Angriffskrieg entstanden ist, nimmt er die
       (schon lange akuten) Themen Flucht, Zwang und Fremdheit auf – auch in
       diesem Moment gibt es viele ukrainische Mütter mit Kindern, die sich in
       einer unverständlichen Umgebung zurechtfinden, überleben müssen.
       
       Durch die traurige Aktualität des Settings treten zudem einige
       dramaturgische Schwächen des Films in den Hintergrund. Denn in seiner
       zweiten Hälfte dreht sich „Rivale“ etwas im Kreis und versteift sich auf
       ein leicht gekünstelt wirkendes psychologisches Datschen-Kammerspiel
       zwischen Roman und Gert, ohne wirklich an der Geschichte zu bleiben.
       
       Der nachvollziehbare Wunsch, in Bildern zu erzählen, geht trotz Nazarenkos
       ausdrucksstarkem Gesicht nicht immer auf, in seiner Verstocktheit spiegelt
       sich manchmal zu stark das Drehbuch. Gerts Tollpatschigkeit und
       Unbeholfenheit in Bezug auf die Auseinandersetzung mit seinem möglichen
       Stiefsohn sind dagegen ab und an etwas zu deutlich inszeniert.
       
       Würde ein erwachsener Mensch, der im Alltag ein Smartphone benutzt,
       tatsächlich nicht auf die Idee kommen, seine Worte mit digitaler Hilfe
       übersetzen zu lassen? Und geht die Angst vor einer Steueranzeige wegen
       Schwarzarbeit so weit, dass man einen kleinen Jungen einsperrt – obwohl man
       kein Psychopath ist?
       
       Nichtsdestotrotz sind die Sujets, die „Rivale“ berührt, echt und dringlich:
       Das Problem illegal arbeitender Pflegekräfte, deren vermaledeite und
       abhängige Finanzsituation die Möglichkeiten raubt, soziale Gerechtigkeit zu
       fordern, ist genauso real wie die Schwierigkeiten eines isolierten,
       vorpubertären Jungen, einen komischen fremden Mann als Ersatzvaterfigur zu
       akzeptieren. „Rivale“ ist somit kein Kommentar zu einem konkreten,
       arbeitsrechtlichen Fall in den deutsch-ukrainischen Beziehungen. Doch er
       zeigt eindringlich, welche Tiefen es in Beziehungen noch geben könnte.
       
       2 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jenni Zylka
       
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