# taz.de -- Labour-Parteitag in Großbritannien: Eine Prise Hoffnung
> Großbritanniens regierende Labour-Partei trifft sich zum ersten Parteitag
> unter Andy Burnham. Im Vergleich zur Ära Starmer ist die Stimmung besser.
(IMG) Bild: Der britische Premierminister Andy Burnham auf dem Jahreskongress der britischen Labour-Partei in Liverpool, Großbritannien
Eigentlich ist es so wie immer. Seit Sonntag läuft der [1][Jahresparteitag
der britischen Labour-Partei] in der Labour-Hochburg Liverpool. Wie jedes
Jahr spielt EU-Aktivist Steve Bray die Europahymne in voller Lautstärke auf
seiner Lautsprecheranlage am Eingang des riesigen Konferenzgeländes im
historischen Hafen. Gruppen verteilen Flugblätter, Tausende Delegierte
drängeln sich durch die Sicherheitsabsperrungen.
Dahinter warten Werbestände und Nebenveranstaltungen, auf den ersten Blick
mehr als je zuvor. Der gesamte Parteitag scheint einen ungewöhnlich hohen
Andrang zu erfahren, man steht Schlange für Veranstaltungen, im Plenarsaal
ist kein Sitz frei. Es ist Labours dritter Parteitag seit der
Regierungsübernahme 2024 – aber der erste mit dem [2][neuen Premierminister
Andy Burnham], der im Juli Keir Starmer an der Macht ablöste.
Die Rede ist von einem Neustart. In weißer Farbe auf rotem Hintergrund
prangt das Motto des Parteitags: „Hope Again!“ – Wieder Hoffnung!
Hoffnung brauchen Emily Arkell und Andrea Hodgson auf jeden Fall. Die
beiden Gemeinderäte sind Überlebende der desaströsen Labour-Wahlniederlage
im Nordlondoner Bezirk Haringey bei den Kommunalwahlen vom Mai, als
[3][Labour überall massiv verlor] und damit das Ende Starmers
unausweichlich wurde. In Haringey hatte Labour [4][55 Jahre lang regiert],
jetzt kamen die Grünen an die Macht. Andernorts siegten vielfach die
Rechten von Reform UK.
## „Als ob wir in einer besseren Lage sind“
„Wir hoffen auf eine Ankündigung zu Thames Water“, sagt Arkell. Der private
Londoner Wasservorsorger wird für mangelhafte Trinkwasserversorgung und
hohe Wasserrechnungen verantwortlich gemacht, er habe hohe Gewinne gemacht
und zu wenig investiert, heißt es – vielleicht wird er verstaatlicht?
Hodgson wünscht sich eine Regenerierung kriselnder Einkaufsstraßen und mehr
neue Wohnungen. Beim Amtsantritt 2024 hatte Labour 1,5 Millionen neue
Wohnungen versprochen, man wartet immer noch. Die Regierung nennt den
Wohnungsbau weiterhin als Priorität.
„Es fühlt sich so an, als ob wir in einer besseren Lage sind, und ich höre
das auch vor Ort“, sagt Hodgson. „Ich bin sehr, sehr glücklich“, schwärmt
auch Marz Colombini, ein Eisenbahngewerkschafter. „Es ist, als sei die
Partei zu ihren alten Werten zurückgekehrt, mit Sinn für Gemeinschaft und
öffentliche Dienste.“ Und Burnham komme als Person einfach besser bei den
Leuten an als Starmer.
[5][Rushanara Ali], die Labour-Unterhausabgeordnete für den Wahlkreis
[6][Bethnal Green and Stepney] im Ostlondoner Stadtteil Tower Hamlets, ist
ebenfalls zuversichtlich. Ihren Wahlkreis, der vor 2024 [7][Bethnal Green
and Bow] hieß, hält die Politikerin mit bangladeschisch-muslimischem
Familienhintergrund seit 2010, 2019 verteidigte sie ihn souverän mit 73,5
Prozent – beim Labour-Wahlsieg 2024 waren es nur noch 34 Prozent, ganz
knapp vor einem unabhängigen Pro-Gaza-Kandidaten. Bei den Kommunalwahlen im
Mai war das Thema Palästina erneut ein Grund für viele Linke, nicht mehr
Labour zu wählen. Die [8][Ankündigungen von Sanktionen gegen die jüdische
Siedlungsexpansion] im israelisch besetzten Westjordanland heben jetzt
wieder die Stimmung
Man müsse konsistent für Menschenrechte eintreten, sagt Rushanara Ali dazu
lobend. Aber an erster Stelle sagt sie: „Wir haben Verbesserungen im
Gesundheitssystem und in der Wirtschaft im Programm – durch Andy Burnham
haben sie Fahrt aufgenommen.“ Auch dadurch könne sie Punkte gutmachen. In
der Burnham-Regierung trägt sie die Verantwortung für Maßnahmen gegen die
Obdachlosigkeit, deren Abschaffung Burnham als allererstes politisches Ziel
nach seiner Ernennung zum Parteiführer und Premierminister angekündigt
hatte.
## Willkommen: Haltungsänderung zu Israel
[9][In seiner Parteitagsrede] wiederholt der neue Labour-Außenminister
[10][Ed Miliband], der auch die Flüchtlingsgeschichte seiner vor dem
Dritten Reich geflohenen jüdischen Eltern erzählte, dass die Aktionen der
israelischen Regierung ein Schandfleck auf dem Gewissen der Welt seien.
Labour sehe die Gefährdung Israels durch Gegner, die es vernichten wollten,
man könne jedoch deshalb nicht das Vorgehen der Regierung Netanjahu im
Westjordanland und in Gaza rechtfertigen, sagt er. Die Millionen, die
darüber empört seien, hätten recht.
„Unter Andys Führung haben wir unsere Haltung geändert. Wir verurteilen die
ethnische Säuberung durch Siedlerterroristen auf der West Bank, die Belege
von Kriegsverbrechen in Gaza und die illegale Besetzung Palästinas durch
Israel, und wir lassen diesen Worten Taten folgen“, sagt Miliband und
unterstreicht, dass dies nicht gegen Israel und die israelische Bevölkerung
gerichtet sei, sondern gegen die derzeitige Regierung. Er erhält viel
Beifall. Konfrontation mit Israels Regierung nimmt der jüdische
Außenminister in Kauf: Israel hat vergangene Woche das britische Personal
aus dem britischen Konsulat in Ostjerusalem ausgewiesen.
Die 24-jährige A. B. aus Glasgow, sie will in der Zeitung nur mit Abkürzung
genannt werden, sieht in diesen Worten jedoch nur marginal Fortschritte und
Hoffnung. Die schottische Muslimin, die für eine Flüchtlingsorganisation
arbeitet und einen Hidschab trägt, findet die Richtung zu Gaza und
Palästina zwar besser als vorher, aber es gehe nicht weit genug. Symbol
dessen sei das andauernde Verbot der Gruppe [11][„Palestine Action“], die
2025 von der Regierung Starmer als Terrorgruppe eingestuft wurde, nachdem
Aktivisten der Gruppe Militärflugzeuge beschädigt hatten. Der Rechtsstreit
über die Einstufung läuft noch, im November steht eine Anhörung vor dem
Obersten Gericht an.
Vor dem Parteitagsgelände in Liverpool entfernte die Polizei am Wochenende,
so wie letztes Jahr auch schon, knapp 200 pazifistische Aktivist:innen
mit Schildern auf denen „Ich bin gegen Völkermord, ich unterstütze
Palestine Action“ stand und nahm sie wegen Terrorunterstützung fest. Laut
Amnesty International liegt die Zahl der insgesamt für solche Vergehen
Festgenommenen bei über 2.500, darunter auch ältere Menschen – es ist ein
Thema ständiger Anspannung bei Labour.
„Was ich sagen kann ist, dass mit Burnham die Spannung etwas gesunken ist“,
findet A. B. Sie verweist auf das Halsband, an dem ihr Parteitagsausweis
hängt. Es stammt vom Vorjahr und trägt die palästinensische Fahne. „Jetzt
ist das eher in Ordnung. Letztes Jahr fühlten Menschen wie ich uns eher in
die Ecke getrieben.“ Sie glaubt dennoch, dass Menschen aus dem linken Lager
Labour den Mangel an Unterstützung Gazas in den letzten Jahren auch jetzt
nicht verzeihen könnten. Dazu käme Labours Kriminalisierung von
Einwanderung zum Ton Nigel Farages, moniert sie.
Der Empfang für Palästina und der Empfang des jüdischen Labour-Verbandes
[12][Jewish Labour Movement (JLM)] finden in Konkurrenz zueinander statt,
in weit auseinanderliegenden Bereichen des Konferenzkomplexes zur gleichen
Uhrzeit, was eine solidarische Beteiligung bei beiden unmöglich macht. Für
JLM ist es allerdings das erste Mal seit Langem, dass ihr Empfang innerhalb
des Konferenzgeländes stattfindet. In den Vorjahren traf man sich immer
außerhalb in einem Pub, sagt JLM-Vorsitzende Ella Rose-Jacobs – eine
Tradition, die unter der Parteiführung Jeremy Corbyns (2015-2020) aus
Protest gegen Antisemitismus bei Labour begann. Aber letztes Jahr gab es im
Pub einen antisemitischen Vorfall.
## Lautstark: Pflegekräfte aus Afrika
Nicht nur „Palestine Action“ demonstriert vor dem Parteitagsgelände. Die
Gewerkschaft [13][Unison] hat Hunderte Pflegekräfte aus afrikanischen
Ländern zusammengebracht, vor allem aus Nigeria. Sie inszenieren einen
Opfermarsch mit Gesang, tragen Hals- und Beinketten und erinnern damit an
finstere Zeiten, die auch mit Liverpools Geschichte als großer Seehafen in
der Zeit des Sklavenhandels in Verbindung steht. Sie ziehen den Bogen von
der Geschichte der Sklaverei zur Gegenwart der Ausbeutung durch befristete
Arbeitsvisa, eine Initiative der Konservativen in der Zeit von Boris
Johnson zur Erleichterung der Zuwanderung von Arbeitskräften in Berufe mit
Arbeitskräftemangel.
An die 600.000 Menschen kamen mit diesen Visa binnen vier Jahren ins Land,
[14][sagt auf dem Parteitag Innenministerin Shabana Mahmood], „die höchste
Zuwanderung seit vier Jahrzehnten“. Sie sieht das kritisch und will die
Zahlen senken. In der Vergangenheit hat sie sogar vorgeschlagen, das Recht
auf dauerhaften Aufenthalt rückwirkend erst nach zehn Jahren Aufenthalt zu
gewähren statt wie bisher nach fünf – das stößt bei den Gewerkschafterinnen
auf starken Protest. Barbara Tanyamyiwa aus Simbabwe verlangt vor den
Versammelten auf der Kundgebung die Beibehaltung der Fünfjahresfrist. Sie
fordert auch, dass die Arbeitserlaubnis nicht nur für einen einzigen
Arbeitgeber gelten sollte, was zum Verbleib in schlechten
Arbeitsverhältnissen zwinge.
Man wolle noch mal prüfen, bevor man zu einer Entscheidung über die Fristen
komme, sagten jetzt sowohl Mahmood als auch Burnham auf dem Parteitag. Die
Regierung erwartet auch die Ergebnisse einer Überprüfung des Sozialsystems.
Sie ist noch im Ankündigungsmodus.
Gibt es Hoffnung und Optimismus jenseits des Parteitages? Am Tor der
Liverpooler Grundschule St. Vincent, wo ein Banner „Wir sind Pilger der
Hoffnung“ hängt, erwähnt die 37-jährige Jade McCabe, Mutter zweier
Schulkinder, zustimmend die Ausweitung kostenloser Schulmahlzeiten und die
Pläne zur Lösung des Pflegenotstands. Damir Duke, ein Bauarbeiter auf dem
Nachhauseweg, ebenfalls 37 und ebenfalls Vater zweier Kinder, gibt sich
skeptischer: „Ich gebe Burnham erst mal nur eine kleine Prise Zuversicht.“
Die Lebenshaltungskosten seien weiter zu hoch, Burnham müsse mehr für
Familien und gegen Obdachlosigkeit tun.
Tatsächlich hat der neue Premier den von Starmer angehobenen Preisdeckel
für lokale Busfahrten wieder gesenkt, die Mehrwertsteuer auf
Stromrechnungen befristet gestrichen und Staatshilfen für die Gastronomie
und für Erstkäufer von Wohnungen angekündigt. All das hilft. Dann fällt
Duke ein, dass auch seine Kinder umsonst Schulmahlzeiten bekommen. „Ja“,
sagt er, „eine kleine Prise Hoffnung gebe ich dieser Regierung doch!“
29 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://conference.labour.org.uk/annual-conference-2026/
(DIR) [2] /Andy-Burnham-neuer-Labour-Chef/!6192483
(DIR) [3] /Nach-den-Kommunalwahlen-in-England/!6177668
(DIR) [4] /Kommunalwahl-in-Grossbritannien/!5500382
(DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Rushanara_Ali
(DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Bethnal_Green_and_Stepney
(DIR) [7] https://en.wikipedia.org/wiki/Bethnal_Green_and_Bow
(DIR) [8] /Besetztes-Westjordanland/!6211485
(DIR) [9] https://labour.org.uk/updates/stories/ed-milibands-speech-to-labour-party-conference-2026/
(DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/Ed_Miliband
(DIR) [11] https://en.wikipedia.org/wiki/Palestine_Action
(DIR) [12] https://www.jewishlabour.uk/
(DIR) [13] https://unison.org.uk/
(DIR) [14] https://labour.org.uk/updates/stories/shabana-mahmoods-speech-to-labour-party-conference-2026/
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
## TAGS
(DIR) Großbritannien
(DIR) Labour Party
(DIR) Andy Burnham
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Recherchefonds Ausland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Britischer Premier Andy Burnham: Mit den Werten von 1945 Großbritannien reformieren
Der britische Premierminister kündigt mehr „öffentliche Kontrolle“ der
sozialen Infrastruktur an. Seine Parteitagsrede gerät stellenweise
emotional.
(DIR) Andy Burnham auf dem Labour-Parteitag: Zurück in die gute alte Zeit
Der britische Labour-Premierminister appelliert an die Werte von 1945.
Damit will er der rechten Nostalgiewelle den Wind aus den Segeln nehmen.
(DIR) Andy Burnham, neuer Labour-Chef: Andy who?
Vom Bürgermeister zum Regierungschef – Großbritannien bekommt einen neuen
Premierminister. Wofür steht Andy Burnham?
(DIR) Labour-Parteitag in Großbritannien: Der Gegner heißt Farage, nicht Starmer
Auf ihrem Jahresparteitag in Liverpool vermeidet die britische
Regierungspartei eine Selbstzerfleischung. Im Vordergrund sollen jetzt
Inhalte stehen.
(DIR) Labour-Parteitag in Großbritannien: Regieren im Regen
Beim Jahresparteitag kriegt Großbritanniens neue Regierungspartei viel
Kritik ab. Aber noch ist für Labour nicht alles verloren.