# taz.de -- Unabhängigkeit von Bergbau-Phosphor: Alles noch im Trüben
> In gut zwei Jahren muss der für Dünger wichtige Stoff Phosphor aus
> Klärschlamm zurückgewonnen werden. In der Praxis klappt das aber noch gar
> nicht.
(IMG) Bild: Proben mit Klärschlamm-Asche (l.) und Phosphatdünger
Das Bundesumweltministerium lädt für Donnerstag zum Krisengespräch ein. Das
unglamouröse Thema: Klärschlamm. Ab 2029 sind Kläranlagenbetreiber
verpflichtet, den Phosphor daraus zurückzugewinnen. Phosphor ist in der EU
ein kritischer Rohstoff, den insbesondere die Landwirtschaft als Dünger
oder Futterzusatz fürs Vieh dringend braucht: Keine Pflanze und kein Tier
kommt ohne aus. Doch die Praxis kommt der gesetzlich vorgesehenen Theorie
nicht hinterher.
Auf dem Spiel steht die langfristige Ernährungssicherheit. Phosphor wird
auch aus Phosphatgestein gewonnen, das wiederum ein Bergbauprodukt ist. Die
hauptsächlichen Vorkommen konzentrieren sich aber auf nur wenige Länder und
Regionen: Marokko und die von dem Königreich besetzte Westsahara sowie
China. Klar ist auch, dass die mineralischen Lagerstätten über kurz oder
lang erschöpft sein werden. [1][Hinzu kommt, dass die planetare
Belastungsgrenze bei Phosphor massiv überschritten ist.]
Also: Rückgewinnung aus der Kanalisation. Dorthin gelangt Phosphor vor
allem durch menschliche Ausscheidungen und zum kleineren Teil durch
Spülmittel und Nahrungsreste. Doch weil sich der Nährstoff dort mit
Schwermetallen, PFAS und Mikroplastik mischt, darf Klärschlamm nicht mehr
einfach zum Düngen auf die Äcker gebracht werden.
Als „heißer Scheiß“ gelten gegenwärtig Monoverbrennungsanlagen, in denen
ausschließlich Klärschlamm verbrannt wird. Abfallkonzerne wie Remondis und
Gelsenwasser haben hier ein neues, lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Und
so wird es bald ausreichend viele Öfen geben, um die in Deutschland
anfallenden über 1,5 Millionen Tonnen an getrocknetem Klärschlamm zu
verarbeiten. Aus der Asche soll dann anschließend der Phosphor recycelt
werden.
## Die passende Technik fehlt noch
Doch obwohl viel Fördergeld in Forschung geflossen ist, gibt es bisher so
gut wie keine Techniken, die im großindustriellen Maßstab funktionieren.
Zudem liefern die meisten Pilotanlagen keinen pflanzenverfügbaren Phosphor,
der wasserlöslich ist und so über Wurzeln direkt aufgenommen werden kann.
Darüber hinaus sind die Rezyklate oft auch noch mit Cadmium, Kupfer und
Nickel belastet, was weitere Aufbereitungsstufen nötig macht. Das
Umweltbundesamt geht davon aus, dass bis 2029 maximal 25 Prozent der
benötigten Kapazitäten zur Ascheaufbereitung verfügbar sind.
Kläranlagenbetreiber und Kommunen geraten langsam in Panik. Obwohl das
Gesetz bereits 2017 verabschiedet wurde und viele Arbeitsgruppen getagt
haben, wissen die meisten nicht, wie sie die erforderlichen Nachweise für
die Phosphorrückgewinnung erbringen können. [2][Ihr Interessensverband DWA
forderte vor einigen Wochen, das Inkrafttreten der Klärschlammverordnung um
10 Jahre zu verschieben.] Auch die Umweltministerkonferenz der Länder
forderte im Frühjahr eine rechtssichere und pragmatische Lösung.
Doch die Bundesregierung hält am bisherigen Zeitplan fest. „Es kann nicht
sein, dass die Vorleistungen derjenigen, die auf die Gültigkeit von Recht
vertrauen, entwertet werden“, so Silke Karcher vom Umweltministerium
kürzlich auf einer Veranstaltung des Vereins Deutsche Phosphor-Plattform.
In dem versammeln sich alle möglichen Organisationen, die die
Phosphor-Rückgewinnung voranbringen wollen, vom Umweltministerium
Schleswig-Holstein über Forschungsinstitute, Abwasser- und
Recycling-Verbände. Julia Vogel vom Umweltbundesamt sekundierte: „Die
großtechnische Umsetzung muss zum Laufen gebracht werden.“ Bis dahin
brauche es Übergangslösungen.
So könnten ab 2029 riesige Ascheberge entstehen, die auf unbestimmte Zeit
zwischengelagert werden müssen, bis es irgendwann
Weiterverarbeitungskapazitäten dafür gibt. Die Kosten müssten diejenigen
tragen, die Abwassergebühren zahlen. Beim Treffen am 8. Oktober wird es
absehbar um die Frage gehen, ob die Asche zentral oder dezentral gelagert
wird und wie der spätere Aufwand den einzelnen Kläranlagen zugeordnet
werden kann.
## Düngerindustrie findet Recycling-Phosphor zu teuer
Bei alledem gibt sich die Düngerindustrie bisher nur mäßig interessiert:
Sie ist zwar bereit, Recycling-Phosphor abzunehmen – aber nur, wenn Preis
und Qualität ihren Anforderungen entsprechen, machte Johannes Monath vom
Industrieverband Agrar auf der Veranstaltung der Phosphor-Plattform
deutlich. Doch bisher existieren nicht einmal rechtliche Vorgaben zur
Düngewirkung der Rezyklate. Auch ist klar, dass ihre Herstellung sehr teuer
wird und sie nur durch massive Zuschüsse eine Chance auf dem Markt haben
werden.
[3][Eine im Frühjahr veröffentlichte internationale Studie] kommt zu dem
Schluss, dass eine globale Phosphor-Kreislaufwirtschaft möglich ist, in der
nur noch 3 Prozent des weltweit benötigten Nährstoffs bergbaulich abgebaut
wird. Dafür müssten allerdings Dünger, Landwirtschaft und Ernährung als ein
System betrachtet werden. Nötig wäre, dass Äcker nicht mehr über- oder
falsch gedüngt und weniger Lebensmittel verschwendet würden, fordert das
Forschungsteam aus China, Russland und den USA.
Auch die heutigen Konsummuster und der Umgang mit menschlichen Exkrementen
seien veränderungsbedürftig. Eine gerade erschienene Studie fasst die
Ergebnisse von etwa 200 weltweit erschienenen wissenschaftlichen
Untersuchungen zusammen: [4][Aufbereiteter Urin und Kot haben eine ähnliche
Düngewirkung wie die Produkte der Agrarindustrie – und diese Ausgangsstoffe
sind dezentral überall vorhanden.]
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://helmholtz-klima.de/planetare-grenzen-stickstoff-phosphor
(DIR) [2] https://de.dwa.de/de/positionen-volltext/phosphor-rueckgewinnung-uebergangsmodell-und-finanzierung.html?file=files/_media/content/01_DIE_DWA/Politikinformationen/Positionspapiere/Phosphorr%C3%BCckgewinnung_DWA_Position%2020260730.pdf&cid=176898
(DIR) [3] https://www.pnas.org/doi/pdf/10.1073/pnas.2512673123
(DIR) [4] https://www.frontiersin.org/journals/environmental-science/articles/10.3389/fenvs.2026.1843173/full?utm_source=F-NTF&utm_medium=EMLX&utm_campaign=PRD_FEOPS_20170000_ARTICLE
## AUTOREN
(DIR) Annette Jensen
## TAGS
(DIR) Phosphor
(DIR) Rohstoffe
(DIR) Landwirtschaft
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