# taz.de -- Alice Schwarzer hört auf: Ohne sie wäre die Frauenbewegung nicht da, wo sie heute ist
       
       > Die feministische Journalistin Alice Schwarzer konnte irre nerven. Aber
       > sie war eine Stimme für Frauen, und sie hat Frauen eine Stimme gegeben.
       > Das trägt bis heute.
       
 (IMG) Bild: Alice Schwarzer im Februar 2026 bei der Vorstellung ihres neuen Buches in Berlin
       
       Bei aller berechtigter Kritik an Alice Schwarzer – ihre transfeindlichen
       Ansichten, ihre übertriebene Kopftuchkritik, ihre [1][Härte gegenüber
       Prostitution] und Pornografie, ihr scheinheiliges Friedensgefasel in Sachen
       Ukraine, [2][ihr Steuerskandal] – sie bleibt doch eine der bedeutendsten
       Personen der feministischen Zeitgeschichte. Es ist vor allem ihr und ihrem
       Magazin Emma zu verdanken, dass das Machtgefälle zwischen Männern und
       Frauen dauerhaft thematisiert wurde – und die daraus folgenden
       Ungerechtigkeiten wie Lohnungleichheit, Rentenlücke, Abtreibungsverbot,
       Partnerschafts- und sexuelle Gewalt nicht nur im Diskurs blieben, sondern
       auch auf politischer Ebene verhandelt wurden, wenn auch mit
       unterschiedlichen Ergebnissen.
       
       Schon klar, Alice Schwarzer konnte enorm nerven. Wenn sie in TV-Debatten
       nicht lockerließ und gnadenlos dazwischenquatschte – was gleichermaßen
       weibliche Selbstermächtigung und damit ein Novum in der öffentlichen
       Präsenz von Frauen war. Wenn sie sich immer wieder selbst in den
       Mittelpunkt rückte. Wenn sie schon vor Jahrzehnten versuchte, von Emma
       loszulassen, und von ihr selbst ausgewählte Nachfolgerinnen so schnell
       vergraulte, wie diese nicht mal schreiben konnten. Wenn sie zwar
       Frauensolidarität bekundete, aber Frauen verriet, sobald diese laut Kritik
       an ihr übten.
       
       Gleichwohl machte sie das für Jahrzehnte zum Markenzeichen des Feminismus
       zunächst in Deutschland, später auch europaweit. Ohne Schwarzers Energie
       und ihren Einsatz für universelle Frauenrechte wäre die Gleichberechtigung
       heute nicht da, wo sie ist. Erinnert sei hier nur an ihre Dispute mit dem
       CDU-Politiker Heiner Geißler. Der stand als Konservativer für die
       klassische Familie aus Vater, Mutter, Kind(ern), Schwarzer wollte genau
       diese aufbrechen. Die beiden stritten öffentlich, nicht ohne Humor, denn
       den hat Schwarzer reichlich. Bis Geißler – unter anderem aufgrund eines
       Sexismusskandals auf einem CDU-Parteitag 1979 – seine Haltung änderte und
       einige Jahre später eine modernere Frauenpolitik forderte: Anerkennung von
       Erziehungszeiten in der Rente, Hilfen für Schwangere in Not, so was. Die
       CDU war erbost.
       
       Was machte daraufhin Schwarzer? Sie überschrieb einen Text im Spiegel mit
       „Heiner Geißler hat recht“. Sie hatte damals schon erkannt, dass Feminismus
       und Gleichberechtigung nicht ohne Männer zu haben sind.
       
       Emma hat viele Jahre vielen Frauen geholfen, sich in einer
       männerdominierten Welt zurechtzufinden und nicht an sich selbst zu
       verzweifeln, weil ihnen von Männern eingeredet wurde, nicht ebenbürtig zu
       sein. Schwarzer hat Frauen eine Stimme und nicht selten Rückhalt gegeben.
       Und den Mut, sich aus der Privatheit in die Öffentlichkeit zu begeben, sich
       aus „Männergefängnissen“ zu befreien.
       
       Nur hat sie leider irgendwann die [3][jüngeren Frauen und deren Blick auf
       die Welt nicht mehr verstanden] – und sie gegen sich aufgebracht. Auch das
       mit der ihr eigenen Energie. Sodass sich Frauen, jüngere und ältere, von
       ihr abwandten. Jetzt verlassen Alice Schwarzer und Emma die öffentliche
       Bühne, das einzigartige Frauenmagazin wird nach 50 Jahren eingestellt.
       Schwarzers Zeit ist vorbei. Die für eine [4][progressive Frauen- und
       Genderpolitik] hingegen nicht.
       
       23 Oct 2026
       
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