# taz.de -- Historikerin zu Kulturkampf mit Büchern: „Man muss diese Gefahr ernst nehmen“
> Bücher über Diversität, Querness und Identität werden in den USA aus den
> Schulen entfernt. Anne-Katrin Henkel zur Frage, ob Deutschland Ähnliches
> blüht.
(IMG) Bild: Durch die Hintertür infrage gestellt: „Tagebuch der Anne Frank“
taz: Frau Henkel, warum gibt es in den USA gerade einen Kulturkampf in den
Schulbibliotheken?
Anne-Katrin Henkel: Wenn man die Werte im eigenen Land ändern will, dann
liegt es nah, da anzufangen, wo Bildung entsteht und Kultur vermittelt
wird. Wenn man die [1][Jugend frühzeitig indoktrinieren will], dann kann
man dafür an die Schulbibliotheken herangehen. In Amerika spielen die
Schulbibliotheken eine ganz besondere Rolle, weil sie direkt in den
schulischen Unterricht einbezogen sind. Die Schulbibliotheken gehören zu
den Schulen, die Schulen gehören zum Schulbezirk und stehen unter dessen
Aufsicht. Und politisch wird dann auf Schulbezirke von solch
[2][konservativen Elterninitiativen wie den Moms for Liberty] Einfluss
genommen.
taz: Aber gibt es nicht auch Zensur auf der Ebene von Bundesstaaten?
Henkel: Es gibt eine Liste mit mehr als 4.000 Büchern, die vor allem in den
Staaten Texas, Florida und Tennessee indiziert wurden. Darunter sind zum
Beispiel Bücher mit Themen wie sexuelle Identität, [3][LGBTQ] oder
Diversität. Außerdem geht es um gesellschaftskritische Werke, die sich zum
Beispiel mit Sklaverei und politischer Unterdrückung beschäftigen. So steht
etwa [4][Ray Bradburys] „Fahrenheit 451“ bei einigen Schulbehörden auf dem
Index.
taz: Gibt es ein Buch, dessen Indizierung für Sie besonders erschreckend
ist?
Henkel: Das ist die Adaption des [5][„Tagebuch der Anne Frank“ als Graphic
Novel von Ari Folman und David Polonsky]. Das Buch wurde in mehreren
US-Schulbezirken aus den Bibliotheken entfernt oder für den Unterricht
gesperrt. Da wurde gesagt, dass die bildliche Darstellung von Anne Frank
unmoralisch sei und den Holocaust verharmlose.
taz: Das ist ja eine perfide Begründung.
Henkel: Genau! Denn dadurch, dass Bilder von Anne Frank als ehrverletzend
bezeichnet werden, wird ein modernes Buchformat denunziert. Einerseits wird
es dadurch Schüler*innen, die ja gerne Graphic Novels lesen, schwerer
gemacht, sich mit dem Thema Judenverfolgung und Holocaust zu beschäftigen,
denn das Lesen von längeren gedruckten Texten ist heute nicht mehr jedem
jungen Menschen zugänglich. Und durch die Hintertür wird da auch das
[6][„Tagebuch der Anne Frank“] selber infrage gesellt.
taz: Ist solche eine Einschränkung der Informationsfreiheit auch in
deutschen Schulbibliotheken denkbar?
Henkel: Nein, bei uns gibt es zwar auch Schulbibliotheken, aber die sind
ganz anders organisiert als in den USA. Weniger als 20 Prozent der Schulen
in Deutschland haben Schulbibliotheken und dies sind eher Aufenthaltsräume
in den Schulen, in denen die Schüler*innen sich auch mit Literatur
versorgen können. Sie werden zumeist ehrenamtlich von Lehrer*innen
geführt, die das nebenbei machen. Dadurch sind die Schulbibliotheken nicht
so im Lehrbetrieb verankert wie in den USA. Die Möglichkeit einer
politischen Einflussnahme ist da also eher gering.
taz: Und wie sieht es in Deutschland mit einer politischen Einflussnahme
auf den Bestand der Stadtbibliotheken aus?
Henkel: Grundsätzlich sind die Bibliotheken in Deutschland in ihrer
Bestandsaufnahme frei. Es gilt die Informationsfreiheit und Bibliotheken
sind gehalten und verpflichtet, das ganze politische und kulturelle
Spektrum in ihrem Bestand abzubilden. Nur demokratie- und
verfassungsfeindliche Bücher bekommen keinen Eingang in die Bestände der
Bibliotheken.
taz: Und wer bestimmt, auf welche Bücher dies zutrifft?
Henkel: Dafür gibt es professionelle Expertisen von ausgebildeten
Bibliothekar*innen, die hauptamtlich den Bestand aufstellen, erschließen
und verwalten.
taz: Nun gibt es ja in Deutschland gerade grundlegende politische
Umwälzungen. Sehen Sie die Gefahr, dass sich dadurch auch die Situationen
in den Bibliotheken verändert könnten?
Henkel: Ich meine schon, dass man diese Gefahr ernst nehmen muss.
Wissenschaft und Bildungs- und Schulpolitik sind ja Ländersache und
generell das Feld, auf dem gerne ideologische Auseinandersetzungen im Sinne
einer Wertevermittlung geführt werden. Und wenn sich da in einzelnen
Bundesländern etwas ändern würde, besteht schon die Möglichkeit, dass dies
zum Anlass genommen wird, um auf die Kultur- und Bildungspolitik Einfluss
zu nehmen.
taz: Und wie könnte das konkret aussehen?
Henkel: Man kann zum Beispiel Förderungen für LGBTQ-Projekte,
Diversitätsprojekte oder Projekte, die eine anders geartete Kultur
betreffen, zurücknehmen. In Sachsen-Anhalt steht im Programm der
[7][Partei, die gerade die Mehrheit errungen hat], dass nur noch
„heimatgebundene“ Einrichtungen gefördert werden sollen.
14 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Wilfried Hippen
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