# taz.de -- Eine Schule für alle: Ungewohntes Lob für Bremens Schulsystem
       
       > Bildungsstatistiken sind für Bremen keine Freude. Nun lobt ein Gutachten
       > den Schulfrieden – und rät zu gemeinsamem Lernen von erster bis letzter
       > Klasse.
       
 (IMG) Bild: Bloß weil „die Lösung“ an der Tafel steht, hat man noch keine: Bremen debattiert über Schulkonsens
       
       Die Bildungsstatistiken sind wahrlich keine Freude für Bremen. 2026 hat
       Deutschland in der [1][Pisa-Studie] so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor
       – und Bremen steht, so wie in all den Vorjahren, im Vergleich der
       Bundesländer ganz hinten – egal, ob so wie jüngst im eher
       wirtschaftsfreundlichen INSM-Bildungsmonitor oder im neutraleren
       IQB-Bericht von 2025.
       
       Im Vergleich zu diesen unschönen jährlichen Platzierungen kam ein Gutachten
       der Bildungsbehörde in diesem Sommer zu geradezu beruhigenden Ergebnissen:
       Bremen müsste mehr Ressourcen in die Bildungslandschaft stecken, heißt es
       dort. Aber grundsätzlich, systemisch, habe man schon vieles richtig
       gemacht.
       
       Evaluiert wird darin der [2][Bremer Schulfrieden], mit dessen Hilfe die
       Bremer Schulpolitik seit nunmehr 18 Jahren in ihren großen Zügen mehr oder
       weniger unangetastet bleibt. SPD, CDU, Grüne und FDP hatten sich 2008 auf
       einen Rahmen geeinigt, der unter wechselnden Regierungen nicht angefasst
       werden sollte; SPD, CDU, Grüne und Linke hatten ihn ab 2018 verlängert.
       
       Versprochen hatte man sich von dem überparteilichen Konsens, dass Schulen,
       Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen eine gewisse Stabilität erfahren.
       Umgesetzt wurde so in Bremen die Inklusion – und die Abschaffung von Haupt-
       und Realschulen. Mittlerweile gibt es nach der vierjährigen Grundschule ein
       zweigliedriges Schulsystem, Eltern können entscheiden, ob sie ihre Kinder
       lieber auf ein Gymnasium oder auf eine Oberschule geben. Auch viele
       Oberschulen haben eine gymnasiale Oberstufe, das Abitur kann man also auch
       hier machen.
       
       ## Schuldfrieden gutes Zeugnis ausgestellt
       
       Das Gutachten wurde in wenigen Monaten umgesetzt, die
       Wissenschaftler*innen arbeiten mit Daten und Berichten der Behörden
       und mit Befragungen von verschiedenen Betroffenen, den Stakeholdern:
       Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen, pädagogisches Personal und
       Schüler*innen wurden befragt.
       
       Grundsätzlich wird dem Schulfrieden dabei ein gutes Zeugnis ausgestellt:
       Mit dem zweigliedrigen System können sich die meisten arrangieren, die
       Verlässlichkeit durch den Schulkonsens wird laut Studie als „Verbesserung
       gegenüber vergangenen Auseinandersetzungen“ wahrgenommen. Die meisten,
       heißt es, hätten ein Interesse daran, einen neuen Schulfrieden für die Zeit
       ab 2028 zu vereinbaren.
       
       Die schlechten Ergebnisse in Vergleichstests scheinen eine andere Sprache
       zu sprechen. Doch der Evaluationsbericht verteidigt das Bremer Schulsystem:
       Immerhin seien die Bildungsergebnisse weitgehend stabil geblieben – trotz
       zunehmender Heterogenität der Schüler*innen, trotz weitgehender Inklusion
       und trotz stark gestiegener Schüler*innenzahlen. 2025/26 gab es an den
       Oberschulen und Gymnasien in Bremen etwa 3.300 Schüler mehr als noch sieben
       Jahre zuvor, ein Anstieg um 11 Prozent.
       
       Auch und gerade die Oberschule, also die weiterführende Schulform, die
       neben dem Gymnasium für alle Kinder ab Klasse fünf besteht, kommt gut weg.
       Wer zwischen 2015 und 2020 die E-Phase, also die 11. Klasse, an einer
       Oberschule besucht hat, hat mit einer Wahrscheinlichkeit von 69,2 Prozent
       auch Abitur gemacht. Die Abiquote der E-Phase-Schüler*innen an den
       Gymnasien war mit 71,9 Prozent nur unwesentlich höher.
       
       Dabei sind die Voraussetzungen an den Oberschulen schwieriger: Etwa 21,1
       Prozent der Schüler*innen besuchen einen Vorkurs, sind also erst vor
       Kurzem nach Deutschland zugewandert; in Bremer Gymnasien sind es 8,6
       Prozent. Und die Quote von Schüler*innen, die in Armut aufwachsen, liegt an
       Oberschulen in der Stadt Bremen bei etwa 51 Prozent; in Gymnasien sind es
       26,3 Prozent. „Der Umsetzungsbericht kommt vor diesem Hintergrund zu dem
       Schluss, dass die Oberschule sich als eine leistungsfähige und
       sozial-integrative Schulart etabliert hat“, so steht in dem Gutachten.
       
       ## Debatte über Schulfrieden angestoßen
       
       In einer Veranstaltung mit GEW und Bildungsforscher Sven Pauling, der auch
       zu den Gutachtern gehört, will die Linke am Donnerstag eruieren, wie es
       „nach dem Schulkonsens“ weitergehen könnte. Ein bisschen klingt der Titel
       schon wie eine Absage an einen neuen Konsens, auf den man sich in Bremen
       parteiübergreifend einigen könnte – doch so will die bildungspolitische
       Sprecherin der Linken, Miriam Strunge, die Veranstaltung nicht unbedingt
       verstanden wissen.
       
       „Uns erschien der Schulkonsens lange eher als eine Verhinderung von
       Fortschritt. Eine Fortführung des Status quo“, sagt Miriam Strunge. Als
       eine Grundschule eine Verlängerung bis zur sechsten Klasse beantragt hatte,
       die nach dem Bremer Schulgesetz möglich ist, verhinderte der Schulkonsens
       am Ende die Umsetzung. Doch mit dem neuen Gutachten wurde für Strunge auch
       ein veränderter Schulkonsens greifbarer.
       
       Empfohlen wird in dem 60-seitigen Gutachten an mehreren Stellen die
       Möglichkeit, sogenannte Langformschulen einzurichten. Das sind Schulen, bei
       denen Schüler*innen von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam in
       einem Klassenverband lernen; Bildungsabbrüche nach Schulwechseln und auch
       die frühe Trennung nach Leistung sollen so vermieden werden.
       
       Die Grünen zeigen sich prinzipiell offen für die Idee: Zumindest müsse eine
       Langformschule eine Option sein. „Europa- und weltweite Beispiele zeigen
       uns ja, wie erfolgreich und auch normal es sein und funktionieren kann,
       dass Schüler*innen möglichst lange gemeinsam lernen, statt wie in
       Deutschland früh getrennt zu werden“, so die bildungspolitische Sprecherin
       der Fraktion, Franziska Tell. Umgesetzt werden solle so etwas nicht sofort
       und überall, sondern als Modellform: „Dort, wo Schulen daran interessiert
       sind und räumliche Bedingungen es hergeben, sollten wir es unbedingt
       ausprobieren.“
       
       Bei der SPD ist man noch etwas vorsichtiger. „Wir sind immer
       gesprächsbereit, was längeres gemeinsames Lernen angeht“, so Falko Bries
       als bildungspolitischer Sprecher der Fraktion. Aber wahrscheinlich sei es
       leichter umsetzbar, zunächst einmal die frühkindliche Bildung stärker zu
       verbinden: Vereinzelt werden in der Stadt schon Kitas an
       Grundschulstandorten geplant und umgekehrt. Auch so könnten Bildungsbrüche
       vermieden werden.
       
       Dass die Langformschule zum neuen Standard wird, wäre jedenfalls
       unerwartet: Bis auf die Linke hat sich dafür noch keine Partei klar
       ausgesprochen. Doch als Modellprojekt scheint es denkbar, sollten sich SPD,
       Grüne und Linke auch nach der nächsten Bürgerschaftswahl als Koalition
       versuchen.
       
       Der Schulfrieden allerdings stünde damit auf der Kippe: Die CDU hat sich
       bei einer Veranstaltung der GEW vor einigen Wochen als einzige Partei schon
       klar gegen die Gemeinschaftsschule ausgesprochen. Ohne sie erscheint ein
       „Schulkonsens“ wenig sinnvoll.
       
       7 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotta Drügemöller
       
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