# taz.de -- Lesung Writing Black Berlin: Komplett andere Geschichten im Gepäck
> Eine Berliner Veranstaltung wagte eine Bestandsaufnahme Schwarzer
> Gegenwartsliteratur. Dabei gelang ein zukunftszugewandter Leseabend.
(IMG) Bild: Anschreiben gegen die Kälte: Elisa Aseva, Yama Tessa Hart, Jenaba Samura (v. l.)
Ostberlin, gute Güte! Längst ist es bitterkalt in Deutschland. Wem es jetzt
erst fröstelt, der hat aber die letzten Jahre wohl im Winterschlaf
verpennt.
Wenn man sich als Schwarzer Mensch [1][durch öffentliche Räume manövriert,]
weiß man nur zu gut, wie hartnäckig sich der Frost hierzulande hält. In
Bahn oder Café wird man weißen Ganzkörperscans unterzogen, versucht
auszubüxen oder scannt frech zurück. Vielleicht erspäht man die einzig
andere Schwarze Person in der Raumecke, vielleicht nickt man ihr kurz zu.
Oder man fühlt sich aufs Glatteis geführt, weiß nicht, wie man sich
angemessen „Schwarz“ verhält.
In der Berliner Brotfabrik klappt am Freitagabend das laute Nachdenken über
Schwarze Realitäten, individuelle Träume und kollektive Dissonanzen
erstaunlich gut. Brotfabrik-Vorstand und Literaturvermittler Alexander
Graeff hat zu „Writing Black Berlin“ eingeladen. Die Gastro im früheren
Gasthaus am Caligariplatz summt und klirrt, aber man fühlt sich nicht
bedrängt.
Kurz durch das gemütliche Treiben zum Veranstaltungssaal gehuscht, geht es
los. Yama Tessa Hart, Elisa Aseva und Jenaba Samura haben auf blauen
Samtsesseln Platz genommen. Die drei wandeln zwischen den Kulturformen,
schreiben hier tagebuchartige Texte, dort queere Gedichte oder forschen zu
Postkolonialismus, alles aus Schwarzer Perspektive.
## Ein Safespace wird verboten
Moderatorin Jenaba Samura eröffnet das Gespräch mit einem Zitat der
Berliner Autorin und [2][Aktivistin May Ayim:] „deutschland im herbst/ mir
graut vor dem winter“. Deutschlands berühmteste afrodeutsche Dichterin
hatte den Rassismus der Deutschen jahrelang in ihren Texten entlarvt und
sich im August 1996 von einem Hochhaus in den Suizid gestürzt.
„Sch-Einheit“ hatte sie die deutsche Wiedervereinigung genannt, daran
erinnert Moderatorin Samura an diesem Abend vor dem Tag der Deutschen
Einheit.
Es geht damit weiter, dass Yama Tessa Hart ihr Gedicht „Ausgeschlossen“
vorträgt. In diesem redet einem das Umfeld ein, man sei selbst schuld,
ausgeschlossen zu sein. Ein Safespace wird zugleich verboten.
Scheinheiligkeit. In Harts Kurzgeschichte „Über Bord“ überkommt dey die
gute alte deutsche Tugend. Darin sprießen dey oder dem zwischen
verschiedenen Schiffen zunächst herumschwimmenden erzählenden Ich Flügel
aus dem Kopf, welche dabei helfen, die Schiffe aus der Luft als Illusionen
und soziale Konstrukte zu katalogisieren.
Auf die perfiden Täuschungsmanöver der Dominanzgesellschaft, die
Rassismusbetroffene als Schwarze Snowflakes herabwürdigt, macht Elisa Aseva
aufmerksam. Aus „Über Stunden“ liest sie kaleidoskopartige Kurznachrichten
vor und reflektiert über ihre Wohnzeit hinter dem Kotti und Schwarze
Gemeinschaft. „Man kommt über gelebte Diskriminierungserfahrungen zusammen,
aber hat komplett andere Geschichten im Gepäck“, sagt Aseva und erklärt,
dass es Phasen gab, in denen der Literaturbetrieb sich nicht sattsehen
konnte an Schwarzen Leidensgeschichten. „Super, da steckt ja alles drin“,
würden Agenten und Verlage weißen Autor:innen sicher nicht entgegnen.
Erst vor ein paar Wochen hatten die Autor:innen Tupoka Ogette und Don
Pablo Mulemba beim Berliner Literaturfestival Ähnliches thematisiert. Eine
Sci-Fi-Story als Schwarze Person schreiben? Why not! Der weißen
Dominanzgesellschaft fällt es schwer, Dualitäten auszuhalten. Immerhin
greifen einige von ihnen am Ende von „Writing Black Berlin“ beim
Büchertisch zu.
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Benjamin Freund
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