# taz.de -- Elektronische Orgelmusik in Berlin: Im Maschinenraum des Sounds
       
       > Das Aggregate Festival feiert fünfjähriges Jubiläum. Mit
       > computergesteuerter Orgelmusik bringen Gamut Inc das Konzerthaus Berlin
       > zum Schwingen.
       
 (IMG) Bild: Lässt sich erstmals direkt über einen Computer spielen: die hunderte Jahre alte Orgel des Konzerthauses
       
       Wenn die Jehmlich-Orgel im Konzerthaus gespielt wird, erklingen oft
       Konzerte von Mozart, Bach oder Brahms, manchmal auch von Arvo Pärt,
       gespielt von renommierten Solist*innen. Beim diesjährigen Aggregate
       Festival steuern jedoch Softwares die Pfeifenorgel und spielen
       Kompositionen von Laurie Spiegel, Seth Horvitz, Phillip Sollmann, Konrad
       Sprenger und dem [1][Duo Gamut Inc], bestehend aus Marion Wörle und Maciej
       Sledziecki.
       
       Wörle und Sledziecki sind auch die Veranstalter von Berlins jährlichem
       Festival für neue Musik und computergesteuerte Pfeifenorgel. Für ihr
       fünfjähriges Jubiläum haben sie eine besondere Neuheit mitgebracht. Die
       hunderte Jahre alte Orgel des Konzerthauses bekommt ein Upgrade; sie wird
       modernisiert und zur sogenannten Hyperorgel umgebaut. Erstmals lässt sie
       sich über eine Midi-Schnittstelle komplett selbstständig und direkt über
       einen Computer steuern.
       
       Das Ganze sieht erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig aus. Der Spieltisch
       der Orgel steht auf der Bühne bereit, aber niemand bedient ihn. Stattdessen
       sitzen sich Gamut Inc an zwei Laptops gegenüber, scrollen gelegentlich und
       wippen mit den Köpfen zur Musik. Sie haben von der Komponistin Laurie
       Spiegel die Stücke „East River Dawn“ und „Drums“ aus ihrem Album „The
       Expanding Universe“ mitgebracht und für die Konzerthausorgel adaptiert.
       Aber auch ihre speziell angefertigte, winddynamische Pfeifenorgel „Black
       Square“ kommt zum Einsatz.
       
       Spiegels vielschichtig gewebter Klangteppich dehnt sich als erste
       musikalische Darbietung am Eröffnungsabend aus, das Atmen der Pfeifenorgel
       verliert hier und da seinen typischen Charakter; das Elektronische gewinnt
       die Überhand. Getaktete Triolenabläufe greifen wiederholt ineinander,
       erfinden sich neu und finden sich wieder. Mal schneller, mal langsamer,
       gänzlich unaufhaltsam schieben sich die Harmonien nach vorne.
       
       ## Mit dem Rücken zum Publikum
       
       Seth Horvitz, dessen Künstlername Rrose ist, übernimmt vor der Pause mit
       „studies for automated pipe organ“, seiner Uraufführung. Er sitzt am
       Spieltisch im ersten Rang, spielt ihn jedoch nicht. Sein Rücken ist dem
       Publikum zugekehrt, als sich die eindringliche Chromatik über den Saal des
       Konzerthauses ergießt. Immer höher klettern die Töne, bis es zu einem
       abrupten Ende kommt. Der Künstler erklärt nach dem Applaus, die Orgel sei
       ihr neues Dasein als elektronisches Musikinstrument noch nicht gewöhnt und
       mache manchmal komische Dinge, sie müsse neu hochgefahren werden.
       
       5 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://gamutinc.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann Toma-Toader
       
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