# taz.de -- Lula und Bolsonaro in Brasilien: Kontrahenten wollten nicht streiten
> Kurz vor der Wahl platzt das TV-Duell zwischen Präsident Lula und seinem
> Herausforderer Bolsonaro. Woran das lag und was stattdessen lief.
(IMG) Bild: Straßenhändler in Brasilien: Wahlkampffahnen für Lula und Bolsonaro
Die große TV-Debatte zum Endspurt des Wahlkampfs in Brasilien hat nicht
stattgefunden. Statt eines Wortgefechts zwischen den [1][beiden Rivalen im
Wahlkampf] für das Präsidentenamt zu zeigen, lief am Donnerstagabend in der
brasilianischen TV-Globo die übliche Telenovela. Dass Luiz Inácio Lula da
Silva nicht hingehen würde, hatte er bereits am Vorabend angekündigt. Doch
Herausforderer [2][Flávio Bolsonaro] hatte beteuert, er werde auf jeden
Fall dabei sein, mit oder ohne Lula. Es wäre eine gute Gelegenheit für den
Senator gewesen, sich vor einem großen Publikum zum letzten
Wahlkampfskandal zu äußern.
Laut einer Falschmeldung soll der Kandidat geplant haben, bei einem
Wahlsieg die brasilianische Schutzpatronin Nossa Senhora da Conceição
Aparecida ihres Amts zu entheben. Hintergrund: Flávio Bolsonaro gehört
einer Pfingstkirche an und diese lehnt Heiligenverehrung grundsätzlich ab.
Da die brasilianische Bevölkerung überwiegend katholisch und der
Heiligenverehrung durchaus zugeneigt ist, fürchtete Bolsonaros
Marketingabteilung negative Auswirkungen unter den Wählern.
Zwei Stunden vor dem geplanten Debattenbeginn sagte allerdings auch
Bolsonaro seine Teilnahme ab. Angeblich „wegen der Zensur durch das Oberste
Wahlgericht“, wie er auf sozialen Medien begründete. Das Oberste
Wahlgericht hatte kurzfristig entschieden, dass während der TV-Debatte
weder ein leerer Stuhl gezeigt werden dürfe, der für Präsident Lula
reserviert gewesen wäre, noch dürften die anwesenden Kandidaten Fragen an
den Abwesenden formulieren.
## Jeder spricht auf einem anderen Kanal
Statt einander gegenüberzusitzen, sprachen die beiden Kontrahenten dann
unabhängig voneinander auf verschiedenen Kanälen. Bolsonaro wandte sich in
seinem, einer Tradition seines Vaters Jair nachempfundenen, wöchentlichen
Live-Streaming in seinem eigenen TV-Kanal bei Youtube an seine Anhänger.
[3][Präsident Lula] stellte sich zeitgleich den Fragen des Podcasts „Flow“,
einem der größten Interviewkanäle des Landes, der sich um Diversität der
Interviewten und politische Neutralität bemüht. Das Thema Schutzpatronin
erwähnte Bolsonaro in seiner Ansprache nicht.
Stattdessen beschuldigte er die Justiz, den Wahlprozess zu beeinflussen,
behauptete, er sei daran gehindert worden, an der Debatte teilzunehmen, und
warf Lula vor, zu feige für eine Konfrontation zu sein. Er selbst sei „die
einzige Garantie für Brasilien, wieder eine Demokratie zu werden“,
behauptete der ultrarechte Politiker, der nachgewiesenermaßen enge
Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen in Rio de Janeiro unterhält und
als Anwalt bereits einen Polizisten verteidigt hat, der bei einem Einsatz
ein fünfjähriges Kind erschossen hatte.
Lula erklärte, TV-Duelle seien fruchtlos, eine reine Spielerei und
kritisierte den politischen Gegner unter anderem dafür, dass der als
Senator über mehrere Jahre Verwandte des ehemaligen Polizisten angestellt
hatte, der verdächtigt wurde, am Mord der Stadträtin Marielle Franco
beteiligt zu sein. Er erinnerte daran, dass seine Regierung die meisten
Universitäten und öffentlichen Mittelschulen gegründet habe, und forderte
die Jugend auf, in die Politik zu gehen, um die Realität des Landes zu
beeinflussen. Zuletzt rief er die jungen Leute sowie die über 70-Jährigen,
die von der allgemeinen Wahlpflicht ausgenommen sind, zum Urnengang auf.
„Ihr habt keine Wahl“, wandte er sich an die Zuschauer: „Entweder ich oder
die Barbarei.“
Am Sonntag sind 158 Millionen Brasilianer aufgerufen, den Präsidenten, 27
Gouverneure und zwei Drittel des Kongresses zu wählen. Einer am Donnerstag
veröffentlichten Umfrage von Datafolha zufolge, liegt Lula mit 45 Prozent
der Wählerstimmen knapp vor Bolsonaro mit 40 Prozent. Falls keiner der
Präsidentschaftskandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erhält, ist für
den 25. Oktober eine Stichwahl angesetzt.
2 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christine Wollowski
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