# taz.de -- Südtiroler Dolomiten: „Heute ist Insta das Problem“
       
       > In Sexten prallen Kriegsgeschichte, Tiroler Identität und Übertourismus
       > aufeinander. Landschaft und Leute wehren sich gegen Vereinnahmung.
       
 (IMG) Bild: Im Ersten Weltkrieg standen sich auf den Berggipfeln Österreicher und Italiener gegenüber: Blick von der Anderter Alpe
       
       Als die dunklen Wolkenberge über die Bergkante rollen und die Temperatur
       absackt, drängt Rupert Gietl zur Eile. Er will trocken zur Bergstation der
       Kabinenbahn Rotwand kommen. Eigentlich bräuchte man das schlechte Wetter
       hier auf der [1][Anderter Alpe] in den Dolomiten nicht zu fürchten, denn im
       Fels finden sich überall Unterschlüpfe – Überreste von Lagern, Stellungen,
       Kommandobaracken, Schützengräben und Unterkünften. [2][Relikte aus dem
       Ersten Weltkrieg, als die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien quer
       durch die südlichen Kalkalpen verlief]. „Da lässt sich ein Regenguss sicher
       abwarten“, sagt Gietl. Heute hat er aber einen vollen Kalender und dafür
       keine Zeit.
       
       Bevor es zurückgeht, zeigt er die Reste einer Seilbahn, über die die
       Soldaten damals mit allem versorgt wurden. Eine simple Windenkonstruktion,
       die eine Menge Unbilden aushalten musste – wie auch die Gebirgsjäger,
       Bergsteiger, Söhne von Kleinbauern und Landarbeitern, die hier stationiert
       waren. Es gibt keine belastbare Zahl, wie viele Menschen an der
       Gebirgsfront zwischen Trient und Sexten getötet wurden. Vom [3][Stilfser
       Joch bis zum Isonzo könnte es bis zu 180.000 Tote gegeben haben] –
       verschiedenen Quellen zufolge starben ein bis zwei Drittel davon nicht
       durch Waffen, sondern durch Lawinen, Blitzschlag, Muren und Erfrierungen.
       
       Trotzdem hätten einige hier wohl „die Zeit ihres Lebens“ gehabt, wie man in
       Feldpostarchiven nachlesen könne, sagt Gietl. Er ist „Konfliktarchäologe“
       und hat viel geforscht zu den zweieinhalb Jahren von Mai 1915 bis Herbst
       1917, als sich Italiener und Österreicher auf Hochgebirgskämmen und Gipfeln
       feindlich gegenüberstanden. „Eigentlich nicht erstaunlich, wenn man weiß,
       wie hart und lebensgefährlich auch die alltägliche Arbeit in den Bergen
       hier für sie war – in den Stellungen waren sie zumindest versorgt.“
       
       Was Sexten noch bis heute bestimmt, ist die Erfahrung dieses Kriegs. Das
       Dorf direkt an der Front wird 1915 komplett evakuiert. Als die Menschen
       zwei Jahre später wiederkommen, stehen sie vor Trümmern. Dann der nächste
       Bruch: Mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain fällt Südtirol 1919 an
       Italien, ohne dass die deutschsprachige Bevölkerung befragt würde. Während
       die Region italianisiert wird und die Drei Zinnen über Nacht amtlich zu den
       Tre Cime werden, setzen die Sextner alles daran, ihre Tiroler Tradition zu
       retten und wiederaufzubauen. Aber erst einen weiteren Krieg und ein paar
       Jahrzehnte später, 1972, stellt das Zweite Autonomiestatut für Südtirol die
       deutsche Sprache mit der italienischen gleich.
       
       ## Erdrückende Fremdbestimmung
       
       Es kann sein, dass dieses Gefühl, sich gegen Fremdbestimmung wehren zu
       müssen, im aktuellen Konflikt zum Overtourism – zu viel Tourist:innen –
       bei den Menschen hier getriggert wird: Auf der italienischen Seite bilden
       sich schon morgens um sechs an der Bushaltestelle im venetischen Misurina
       lange Schlangen, hunderte Tourist:innen warten dicht gedrängt auf einen
       Platz im Shuttlebus zur Auronzohütte, um möglichst nah an die Tre Cime
       heranzufahren. In der Hauptsaison kommen bis zu 14.000 Menschen täglich in
       das Gebiet, das als Naturpark und Unesco-Weltnaturerbe eigentlich unter
       besonderem Schutz steht. Bei Krisengipfeln in der Region wünschten sich
       Bürgermeister eine Obergrenze von 2.000 Menschen.
       
       Reguliert wird bislang jedoch nur halbherzig, und die Regulierung endet an
       einer Verwaltungsgrenze: Wer über Toblach anreist, braucht seit 2025 eine
       Online-Reservierung, wer über Misurina kommt, bislang nicht.
       
       Die sozialen Medien sind voll mit Videos und Posts von Menschenmassen, die
       sich, im Sommer teils mit Flipflops, über den Rundweg um die Gipfel
       schieben oder hunderte Meter vor einer Hütte anstehen, die mit Sahne
       gefüllte Krapfen verkauft. „Die Sextner kommen hier gar nicht mehr hoch“,
       sagt Archäologe Gietl.
       
       ## Sorge um das Image
       
       Und nicht nur die Einheimischen fühlen sich aus ihrer eigenen Welt
       ausgegrenzt. Beim Tourismusverein Sexten ist der Vorsitzende Walter Holzer
       besorgt – und vor allem mächtig verärgert: [4][„Insta ist das Problem“],
       sagt er. „Der Mensch geht weg von der Individualität hin zur
       Schwarmteilnahme.“ Offenbar wollten „die Städter“ heutzutage „da sein, wo
       viele Menschen sind“. Das schrecke Stammgäste ab, Wanderer und
       Bergsteiger:innen, die seit Jahrzehnten in die Gegend kommen. „Die sehen
       die Bilder und denken, Sexten wäre zu voll.“
       
       Dabei lässt sich das leicht widerlegen. Denn wer vom Ortsteil Moos aus den
       Weg ins Fischleintal nimmt, der alternativ zu den Drei Zinnen führt, macht
       eine andere Erfahrung. Die 1.000 Höhenmeter auf hin und zurück knapp 14
       Kilometern sind eine knackige Tageswanderung. Und schon in dem im Sommer
       wie im Herbst von Blumenwiesen und Lärchenwäldern geprägten Fischleintal
       sieht man bald keinen Menschen mehr, wenn der Fels weiter oben nackter
       wird, erst recht nicht.
       
       Überhaupt bietet die Gegend rund 700 Kilometer markierte und beschilderte
       Wanderwege und doppelt so viele, die mit Steinmännchen gekennzeichnet und
       nur für Geübte geeignet sind. „Es gibt hier alles“, sagt Holzer. Im Sommer
       und Herbst Leichtwandern und Bergwandern, Felsklettern, im Winter
       Schneewandern, Ski alpin und nordisch. „Und es gibt auch die Zinnen, nur
       von anderen Punkten aus gesehen.“
       
       ## Hotel mit Geschichte
       
       Und auch die Geschichte lässt sich erleben – nicht nur im Freiluftmuseum
       auf der Anderter Alpe, sondern auch deutlich komfortabler im Hotel Drei
       Zinnen, das 1929 bis 1931 nach Plänen des Architekten [5][Clemens
       Holzmeister] gebaut wurde, einem Mitbegründer der Tiroler Moderne.
       Entstanden ist es zehn Jahre nach der Annexion, in einer Zeit, in der die
       italienische Verwaltung des faschistischen Italien systematisch gegen alles
       Deutsche vorging. Ein Haus im alpinen Baustil der deutschen Sprachregion zu
       errichten, war sicher ein nationalistisches Statement, vor allem aber die
       Fortsetzung einer jahrhundertealten Bautradition – in einem Moment, in dem
       diese Tradition gewaltsam unterdrückt wurde.
       
       Damit die Masse der sechs Geschosse sich harmonisch ins Ortsbild einfügte,
       nutzte Holzmeister den Hang, sodass das Gebäude nach vorn nur vier
       Stockwerke über die Straße ragt, dazu eine weiße Fassade und ausgewogene
       Proportionen. Eine Sensation war bei der Eröffnung das beheizte
       Außenschwimmbecken.
       
       Zur Eingangshalle gesellen sich eine traditionelle Stube, Karten- und
       Lesezimmer, die mit Fresken von Rudolf Stolz ausgestattet sind,
       folkloristisch, aber immer in schwungvoller Bewegung gezeichnete Figuren in
       Alltagsszenen. Holzmeister soll den Maler mit den Worten engagiert haben:
       „Wenn es Rudolf Stolz malt, brauche ich keinen Entwurf zu sehen.“ Ein Satz
       aus einer Zeit vor der nächsten Katastrophe. Denn während Stolz 1940 von
       NS-Gauleiter Franz Hofer in Innsbruck mit dem Mozart-Preis für „den
       nationalsozialistischen Machthabern genehme Arbeiten“ geehrt wurde, wurde
       Holzmeister vom selben Regime aus seinem Beruf und seinem Land vertrieben.
       
       Bis heute wird das Kartenzimmer im Hotel als Teil eines liebevoll bewahrten
       Gesamtkunstwerks präsentiert, wie es Traudel Watschinger nennt, die das
       Hotel in dritter Generation führt. Das gesamte Haus stehe unter
       Denkmalschutz, sagt sie. Nicht einmal die Möbel dürften unabgesprochen
       verändert werden. Die behutsame Erneuerung von ein paar Fenstern koste
       schon mal „fünfstellig“.
       
       Nur der Bretterzaun, der die Badenden im Außenpool in den 1930er Jahren –
       vom Pfarrer verfügt – aus Sittlichkeitsgründen abschirmen musste, ist
       inzwischen weg, der Blick frei auf die Sextner Sonnenuhr, eine ebenso
       interessante Struktur der Dolomiten wie die berühmten Zinnen. „Ansonsten
       müssen wir alles immer genauso reparieren, wie es war“, sagt Watschinger.
       „Wenn wir nicht nachhaltig sind, wer dann?“ Dann muss sich die Grande Dame
       verabschieden, eine Architektengruppe ist zu Gast. Die interessiert die
       Geschichte des Hauses, die Tiroler Moderne der Grenzregion, über deren
       Zukunft so oft andere entschieden, und die heute wieder herausgefordert
       wird – diesmal von der schieren Zahl derer, die nur auf ein Foto der
       Außenansicht aus sind.
       
       24 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.bellumaquilarum.it/deutsch/
 (DIR) [2] https://www.festungen.info/content/blick-in-die-geschichte/blick-in-die-geschichte-von-1870-bis-1918/schlachten-im-ersten-weltkrieg---alpenfront-1915---1918/
 (DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/vor-100-jahren-begonnen-letzte-schlacht-am-fluss-isonzo-100.html
 (DIR) [4] /Influencerin-Kamryn-Renae-Fashion-Wandern-OnlyFans/!6203631
 (DIR) [5] /Haymatloz/!1254414&s=clemens+holzmeister/
       
       ## AUTOREN
       
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