# taz.de -- Proteste um den America's Cup: Ein großes Unglück im Schatten des Vesuvs
       
       > Die Region um Neapel hat mit Übertourismus und Umweltverschmutzung zu
       > kämpfen. 2027 soll der America's Cup dort starten – zu viel für viele
       > Anwohner.
       
 (IMG) Bild: Widerstand gegen den America's Cup: Protestzug der Eventgegner zum Hafen von Neapel aus
       
       Wenn bei Procida die rote Sonne im Meer versinkt und den ehemaligen
       Italsider-Hochofen in ein gespenstisches Orange taucht, scheint der Golf
       von Neapel in einer zeitlichen Schwebe zu liegen. Auf der einen Seite
       wartet eine aufregende Zukunft, erkennbar an den Silhouetten der
       AC75-Rennjachten, die für den America’s Cup [1][2027], dem
       prestigeträchtigsten Segelevent der Welt, gerüstet sind und nur darauf
       warten, über das neapolitanische Meer zu rasen.
       
       Auf der anderen Seite harrt eine Vergangenheit, die nie zu vergehen
       scheint: eine dreißig Jahre alte industrielle Wunde, aus der immer noch
       Gift strömt. Neapel bereitet sich darauf vor, einen der größten
       Sportwettbewerbe überhaupt auszurichten, und das auf einem sozialen und
       ökologischen Schlachtfeld. Besonders in Bagnoli, dem Stadtteil Neapels, der
       als Standort für das Regattadorf ausgewählt wurde, wird der America’s Cup
       mit Argwohn betrachtet: Hier befürchten die Menschen, dass das Event vieles
       eher schlimmer als endlich besser macht.
       
       Fast ein Jahrhundert lang barg dieser Abschnitt der Phlegräischen Küste im
       Schatten des Vesuvs das Herz der italienischen Stahlindustrie.
       [2][Italsider (ehemals Ilva)] war nicht nur eine Fabrik; es war eine Stadt
       in der Stadt, die tausenden Familien Arbeit bot und das Wirtschaftswunder
       Süditaliens befeuerte. Doch die Umwelt zahlte den Preis für den
       Fortschritt. Als das Werk 1993 endgültig seine Pforten schloss, hinterließ
       es abertausende Quadratmeter vergifteten Terrains.
       
       Das Gebiet um Bagnoli ist eines der verschmutzesten ehemaligen
       Industriegebiete Europas. Bodenproben legten die gesamte Palette chemischer
       Schrecken offen: Arsen, Blei, Zink, Quecksilber, polyzyklische aromatische
       Kohlenwasserstoffe und den stillen Killer Asbest. Der Strandsand besteht
       größtenteils aus Produktionsabfällen, das Baden im Meer ist seit etwa
       dreißig Jahren verboten. Den Meeresboden bedeckt eine Schlammschicht, die
       die Meeresfauna erstickt und die Küste zu einer ewigen „roten Zone“ gemacht
       hat.
       
       Ob dieser Dauernaturkatastrophe kippte am 3. März diesen Jahres endgültig
       die Stimmung. Hunderte Anwohner, die [3][Initiativen] wie „No America’s
       Cup“, [4][„Mare Libero Napoli“] und andere gebildet hatten, probten den
       Aufstand, als im Rathaus eine Anhörung zu dem hochklassigen Segelevent
       stattfinden sollte.
       
       ## Kritik an Neapels Bürgermeister
       
       Am Ende gab es zwar nur einen verhafteten Demonstranten. Der symbolische
       Schaden aber war enorm: Besonders Bürgermeister Gaetano Manfredi gab ein
       äußerst bemitleidenswertes Bild ab. Er verschanzte sich hinter Barrikaden
       und einem massiven Polizeiaufgebot, das ihn vor dem Volkszorn schützen
       sollte: Weiter voneinander entfernt können Volk und Volksvertreter gar
       nicht sein.
       
       Dabei haben die Anwohnenden gar nicht unbedingt etwas gegen Segelsport –
       der immerhin vergleichsweise emissionsfrei daherkommt. Für sie steht nichts
       weniger als ihre Zukunft auf dem Spiel: „Wir warten seit Jahrzehnten auf
       die Sanierung von Bagnoli“, sagt Luigi, ein Bewohner der westlichen
       Vororte. „Und natürlich freuen wir uns, wenn dieser Teil von Neapel – der
       viel zu lange dem Verfall preisgegeben war – endlich wiederentdeckt wird.
       Aber bislang sieht es aus, als ob der ganze Mist weiter unter den Teppich
       gekehrt wird, statt ihn wirklich nachhaltig zu beseitigen. Eine
       Grundsanierung ist bitter nötig, aber sie sollte den Einwohnerinnen dienen,
       nicht einer kleine Elite, die nur an Jachthäfen und Hotels interessiert
       ist.“
       
       Der America’s Cup wird als Auslöser für „wilde Gentrifizierung“ gesehen.
       Tatsächlich sieht der Plan den Bau neuer Luxushotelkomplexe und
       hochwertiger Unterkünfte vor, um die weltweite Segelelite willkommen zu
       heißen. Und das in einer Stadt, die seit Langem schon unter den Folgen des
       Übertourismus (Overtourism) leidet – das historische Zentrum hat sich in
       einen Themenpark für Touristen verwandelt, die Mieten in der Innenstadt
       sind unerschwinglich geworden. Die Anwohnenden befürchten, dass Bagnoli das
       nächste Viertel sein wird, das unter dem internationalen Ansturm
       zusammenbricht.
       
       Fabio, dessen Familie seit mehr als fünf Generationen in Bagnoli lebt, ist
       ebenfalls nicht gegen den America’s Cup, befürchtet aber, dass er der
       lokalen Wirtschaft eher nicht zugutekommt: „Es wird die größte
       Immobilienspekulation der letzten fünfzig Jahre sein, die das Viertel und
       seinen Charakter für immer verändern wird – zum Nachteil der Menschen, die
       dort leben. Was wir aber nicht brauchen“, sagt er, „sind Hotels für
       Touristen, die nur für die Regatta kommen. Das Viertel muss sicher gemacht
       und durch ein ernsthaftes Projekt zurückgewonnen werden, das Spekulanten
       fernhält.“
       
       Regierung und Verwaltung behaupten, „der America’s Cup sei ein positiver
       Schock“, also der Anstoß, um den Sanierungsprozess zu beschleunigen, der
       nach dreißig Jahren voller Skandale und Bürokratie ins Stocken geraten ist.
       Experten der Bürgerinitiativen prangern jedoch eine „kosmetische Sanierung“
       an, die nur an der Oberfläche arbeitet, um das Gebiet für Touristen und
       mediale Verwertung zugänglich zu machen.
       
       Eine echte Sanierung würde kontrollierte Ausbaggerungen und technische
       Arbeiten erfordern, die so derzeit nicht stattfinden. Die größte Angst der
       Bewohner Bagnolis ist, dass nach dem Ende der Regatta die tief sitzende
       Kontamination des Geländes bleibt, wo sie ist – tief versteckt unter einer
       Schicht aus Asphalt und Luxushotels.
       
       ## Schlechte Erfahrungen
       
       Dieses genauso tief liegende Misstrauen ist das Ergebnis jahrzehntelanger
       Misswirtschaft. Seit 1994 wurden Millionen Euro für gescheiterte Projekte
       wie „Bagnoli Futura“ ausgegeben, ein 2002 gegründetes öffentliches
       Unternehmen, das im Mai 2014 inmitten von Schulden und strafrechtlichen
       Ermittlungen in Konkurs ging.
       
       Und die Stadt Neapel, die ohnehin international nicht den besten Ruf hat,
       steht wieder vor großen Herausforderungen. Einerseits verfügt sie über eine
       außergewöhnliche Anziehungskraft und einer einzigartigen geografischen Lage
       und kann so weltweite Aufmerksamkeit auf sich ziehen; andererseits sind
       ihre Politiker chronisch unfähig, die strukturellen Probleme anzugehen, was
       Umwelt und Gesundheit sowie das Soziale betrifft.
       
       Bürgermeister Manfredi beharrt auf einer internationalen
       Revitalisierungsstrategie und sieht die Segelregatta als einzigartiges
       Schaufenster für ein modernes und dynamisches Neapel. Doch seine Bürger
       reagieren darauf mit Wut, was angesichts weiter steigender Zahlen von
       Atemwegserkrankungen in der Nachbarschaft und dem Umstand, sich im eigenen
       Zuhause wie unwillkommene Gäste behandelt zu fühlen, auch kein Wunder ist.
       
       Der America’s Cup 2027 wird nicht nur ein Wettstreit zwischen Skippern und
       modernster Technologie sein. Er wird die soziale Belastbarkeit der
       drittgrößten Stadt Italiens auf die Probe stellen. Und wenn die Regatta
       über die Bühne geht – sofern die Winde weh’n schnell und ohne Rücksicht auf
       das, was unter der Oberfläche liegt – wird die Kluft zwischen Stadt und
       Bevölkerung voraussichtlich nur noch tiefer geworden sein.
       
       Dabei liegen die Forderungen der Menschen von Neapel auf der Hand: Erst die
       Gesundheit, dann das Spektakel. Erst ein sauberes Meer für alle, dann
       Anlegestellen für Jachten. Während die Vorbereitungen auf den America’s Cup
       schon auf Hochtouren laufen, hat der Kampf um Bagnoli gerade erst begonnen.
       
       26 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alessio Paduano
       
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