# taz.de -- Musik-Biennale Venedig: Mit der Ewigkeit vertraut
> Wo Hingabe und Ernst befreiend wirken: Eindrücke von der 70. Ausgabe der
> Musikbiennale von Venedig zwischen Tiefenentspannung, Ballonkunst und
> Lärmbad.
(IMG) Bild: Laraaji spielt an der Zither vor dem Arsenale an der Musik-Biennale Venedig
An den Haaren fängt es an, dann wandern die Finger zur Nase, von dort
befühlen sie den Kehlkopf. Der Reihe nach werden beim Singen Organe
betastet. „Din-din-din daba din-din-din.“ Herz, Eingeweide und Knie, jeder
Körperteil klingt anders. Nicht die einzige interessante Erfahrung beim
Lachyogaworkshop an der Musikbiennale von Venedig. Wobei der New Yorker
Ambientmusiker Laraaji sagt, eigentlich sei das hier ein Playshop; alles
wirkt lustvoll inszeniert, und doch soll das Tast-Sing-Spiel beim
Soulsearching helfen.
Wer singt, betet gleich zweimal, wie es die Augustinermönche einst
formulierten. Laraaji hat auch etwas Mönchisches an sich. In Orange
gekleidet, strahlt der 83-jährige US-Künstler, der einst von Brian Eno im
New Yorker Washington Square Park entdeckt wurde, gravitätische Ruhe aus;
zwischendurch tapert er zu seiner Zither, klickert darauf ein paar Akkorde
und singt relaxt, obwohl er eigentlich Kommandos gibt. Wenn er einen großen
chinesischen Gong anschlägt, fühlt sich das an, als würde man von Big Ben
persönlich wach geküsst. Das Ding hallt im ganzen Raum nach, löst ein
episches, freundlich zugewandtes Bodybeben aus, an einem Sonntagmittag, an
dem die Gondeln in Venedig definitiv keine Trauer tragen.
Laraaji nimmt die Schüchternheit mit Vokalisen: „Din-din-din daba
din-din-din“, nur die Vokale ändern sich. Schon bugsiert er uns zur
Lobpreisung: „Ich habe eine schöne Nase / Ja, meine Nase ist sehr schön.“
Wir blicken auf die Nebenleute, lobpreisen deren Nasen. Ähnlich geht er
beim Lachen vor. Vom etwas zwanghaft hervorgepressten Operetten-Hahaha zum
ansteckenden Hohoho, schließlich ein Lachflash, der umso besser
funktioniert, je gleichmäßiger in den Rücken geatmet wird.
## Strumpfsockig über einen Teppich tanzend
Strumpfsockig tanzend geht es über einen Teppich; den Vorbeitanzenden in
die Augen schauend, sage ich: „I laugh you.“ Habe ich das wirklich gesagt?
Ja: Ich lache dich! Der Yogi buttert noch mit einem Gag drüber: „Bevor ihr
den Boss um Gehaltserhöhung angeht, erst ’ne Viertelstunde auf dem Klo
singen!“ So bringt er den ganzen Saal dazu, alle viere von sich zu
strecken. Augen zu: Gonggg! 90 Minuten später bin ich geistig und
körperlich erfrischt, die Touristenmassen – egal.
Laraajis Eröffnungskonzert „Alignment“ (Neujustierung) am Abend zuvor passt
bestens zum Motto „Child of Sound“ der 70. Musikbiennale von Venedig. Das
Kind im Titel steht für eine offene Form des Zuhörens. Manchen Zuschauern
an der alten Schiffswerft Arsenale fällt das schwer: Pausenlos glotzen sie
auf ihre Handys, während [1][Laraajis Zitherklänge] davonflattern wie
Schmetterlinge. Wenn er sich ans Synklavier setzt und mit knabenhafter
Stimme Standards aus dem American Songbook intoniert, wird seine Musik
spirituell. „Celestial Realms“ (Himmelsreich) heißt eines seiner Alben aus
den 1980ern. Bald färbt sich der Himmel blutrot, bevor die Sonne, begleitet
von Laraajis Zitherklängen, langsam in der Dunkelheit versinkt.
Um das Anzapfen von göttlichen Reservoirs ging es an der Musikbiennale
mehrfach. „Heaven Is Ours“ ist die Performance von brasilianischen
baloeiros aus den Favelas von Belo Horizonte und São Paulo betitelt, die zu
Baile-Funk-Klängen ihres DJs Anderson do Paraíso sieben Heißluftballons in
einer Halle des Arsenale vorführen und draußen einen in die Luft steigen
lassen. Baloeiros sind Geistesverwandte von Graffitisprayer:innen, alles
dreht sich um Stil.
## Ballons und Baile Funk
Passagiere werden keine befördert, Kabinen fehlen, trotzdem verheißen die
Ballons und ihre Hüllen aus Seidenpapier soziale Mobilität. Sie suggerieren
Freiheit, wo diese Mangelware ist. Ihre Hüllen zieren eigene Designs,
Konterfeis von Spielkarten und maskierte Superheld:innen; psychedelische
Farbschraffuren wie auf altem Porzellan. In Brasilien sind öffentliche
Vorführungen der Ballons verboten. Wie angegossen passt der Sound von DJ
Anderson do Paraísos fetter Bassdrum zum Anschwellen der Ballons durch
Heißluft. Auch das klickende Build-up der Hi-Hat verbindet sich mit der
aufwallenden Hülle, die im Wind wogt.
[2][Caterina Barbieri, die künstlerische Leiterin der Musik-Biennale], hat
mit „Child of Sound“ zum Abschied ihrer Amtszeit ein treffendes Motto
gewählt: Die Idee kam ihr 2025, als die US-Künstlerin Meredith Monk sich
über den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk gefreut habe „wie ein Kind“.
Gefällt Kindern etwas, fällt die Entscheidung spontan. Kein strategischer
Like. Keine politics. Das unvorhersehbar Spontane ist ein weiteres Muster
der Musikbiennale.
Die kanadische [3][Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson] schreibt in
ihrem Essay „The Gender of Sound“ davon, dass „jedes menschliche Geräusch
autobiografische Anteile“ habe. Lautäußerungen entstünden in „einem sehr
privaten Umfeld, und doch ist ihre Klangbewegung öffentlich vernehmbar“,
denn die menschliche Stimme ist hörbar nach außen gerichtet. Die
patriarchale Gesellschaft teilt Menschen in zwei Gruppen ein: solche, die
ihre Stimmen selbst zensieren, und solche, die diese Disziplinarmaßnahme
nicht einhalten können (was in der Antike den Frauen zugeschrieben wurde).
## Der Kobold mit dem schlohweißen Haar
Veranschaulicht wird das auf dem Konzert des [4][japanischen Noisekünstlers
Keiji Haino] am Samstagabend. Schon im Anmarsch auf die Bühne lässt der
Kobold mit dem schlohweißen Haar das Publikum entgeistert sein, indem er
vor der Bühne zwei Becken kurz und trocken über den Köpfen der Sitzenden
aufeinandercrasht, dass es nur so rumst. Dazu jault er auf, später tut er
das auch am Mikrofon in längeren halb sprachlichen Jeremiaden. Schwingt die
Becken in die Luft, schmeißt sie auf den Boden, hebt eines wieder auf,
rührt gründlichst darin mit einem Klöppel. Hainos Krach hypnotisiert. Wie
von der Tarantel gestochen springt er in die Luft, geht zu einem
Metallofon, klöppelt abwechselnd mit zwei Stäbchen.
Hingabe und Ernst – geradezu befreiend. Wo jeder anständige
Lesebrillenträger mit leiser Stimme Gelassenheit predigt, ist das Konzert
von Keijo Haino die reinste Anspannung mit erfrischend cholerischem
Dauerlärm. Er erhält den Goldenen Löwe fürs Lebenswerk, überfällig, für die
körperliche Schwerstarbeit, aber auch für die großartige Verwirrung, die
den 74-jährigen Keiji-San umgibt. Weil die Simultanübersetzung bei der
Preisverleihung überhaupt nicht klappt, sagt er beim Interview im
Biennalepalast erst mal gar nichts.
Dann bricht er sein Schweigen mit einem existenzphilosophischen Superhaiku:
„Das Bewusstsein, während der eigenen Existenz von einem Moment in den
nächsten zu kippen, macht uns mit der Ewigkeit vertraut. Zeit vergeht, ich
atme.“ Später ist zu erfahren, dass er sich beim Konzert die Fußsohlen
verkokelt hat, weil seine mit einem Synthesizer verbundenen Körpersensoren
Kurzschlüsse ausgelöst hatten.
Der in London lebende [5][Münchner Künstler Mechatok] könnte ein Enkel von
Keiji Haino sein. Auch, weil er sich wie Haino im Lärm pudelwohl fühlt. Nur
mit einer Gitarre kommt der 28-Jährige, der Emir Timur Toktemir heißt, am
Sonntag auf die Bühne, stöpselt sie in eine DJ-Loopstation. Inmitten von
elf Richtmikrofonen wirkt er zuweilen etwas unschlüssig. Umständlich zieht
er sich nach jedem Song den Hosenbund hoch, wobei er jedes Mal über sein
Gitarrenkabel stolpert. Wenn er endlich wieder ein Riff anspielt, mischen
sich Stile und Atmosphären auf danteske Weise. Tav Falco trifft Electronic
Body Music downtown. Die venezianische Jugend wird aus der Sitzlethargie
gerissen und beginnt enthusiasmiert zu shaken und zu moven.
Ein Zeichen für Verwurzelung in der Stadtgesellschaft setzt die
Musikbiennale 2026 mit Umsonstkonzerten. Schöner als die Rollschuhbahn in
dem Pinienwäldchen Pineta di Sant’Elena kann eine Bühne nicht sein.
Zwischen Spielplatz und Beachvolleyballfeld, Spaziergängerinnen und Anglern
wird eine Auftragskomposition des venezianischen Ambientmusikers Gigi Masin
und ein Werk der dänischen Komponistin ML Buch aufgeführt: Das achtköpfige
belgische Gitarrenensemble Zwerm XL lässt seine Äxte mal eiern, mal wie
Mandolinen im Wind klingen. Ein Sonntagsvergnügen ohne Weiteres.
16 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julian Weber
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