# taz.de -- Eric Ehrhardt „Im Klauhof“: Das Buch als Räuberhöhle
       
       > Eric Ehrhardt nimmt die Sprache gehörig in die Mangel: Sein Band „Im
       > Klauhof“ setzt auf die erkenntnisstiftende Kraft von Albernheit.
       
 (IMG) Bild: Der Fünf-Finger-Rabatt am Werk
       
       Ein [1][Dieb ist mit einem Falschspieler] zu vergleichen, nicht aber mit
       einem Spielverderber. Letzterer stößt das Brett frustriert vom Tisch. Der
       Falschspieler dagegen nimmt das Spiel, ebenso wie der [2][Dieb die
       Eigentumsverhältnisse], maximal ernst, indem er gegen die Regeln verstößt.
       Ihr Bruch ist geradezu konstitutiv für die Norm, das Gesetz hat die
       Verbrecher nötiger als die Polizei. Und die Literatur braucht jene, die
       Sprache kaputtmachen, umformen, in die Mangel nehmen.
       
       Für beides, den Diebstahl und die artifizielle Verhunzung der Sprache,
       bietet sich nun Eric Ehrhardt als Experte an. Der 1989 in Magdeburg
       geborene Autor studierte Philosophie, Germanistik und Gräzistik in Leipzig,
       Basel und New York und lebt mittlerweile in Zürich.
       
       In seinem Band mit dem schon ganz lustigen Titel „Im Klauhof“ und dem noch
       lustigeren Untertitel „Nach einer Warenbegebenheit“ schickt er einen ebenso
       professionellen wie leidenschaftlichen Ladendieb mit seinem besten Freund,
       dem Rucksack Schlucki, durch ein „Einkaufsparadies“.
       
       ## „Klauen ist Kampf“
       
       Es kommen gleichwohl eher [3][Assoziationen zu Dantes Schilderung] der
       Hölle auf, wenn Ehrhardt seinen langfingernden Helden über Konsum,
       Eigentumsverhältnisse und „Werbekrieg“ sinnieren lässt. Das Militärische
       ist eines der hauptsächlichen Motivfelder, auf denen Ehrhardt seine
       Wortneuschöpfungen weidet, denn: „Kaufen ist Krieg, Klauen ist Kampf“.
       
       Sein Erzähler blättert im Handbuch der „Infamterietaktik“ und zitiert den
       Klassiker „Vom Kriegen“ des „Crall von Clauewitz“. Das diebische Verfahren
       spiegelt sich im Poetologischen. Da fehlt der ein oder andere Buchstabe
       oder er wurde ersetzt durch einen, der irgendwo anders mal vom Laster
       gefallen war.
       
       Dieses Buch ist eine Räuberhöhle, in der viel gelacht wird, doch in deren
       Zwielicht man sich auch leicht verirrt. Mit seiner Verstiegenheit passt der
       Band bestens ins Programm des Klagenfurter Ritter Verlags, eines der
       vornehmsten Häuser für Abseitiges und Experimentelles. Das Verlegen von
       Avantgarde hat am Wörthersee Tradition und man hat hier noch nie ein großes
       Gewese drum gemacht.
       
       ## Erkenntnisstiftende Kraft von Albernheit
       
       Ehrhardts Stil, der schulterzuckend zwischen Lyrik und Prosa herumlungert,
       setzt auf die erkenntnisstiftende Kraft von Albernheit, ja Impertinenz. Man
       denkt bei der Lektüre an Elfriede Jelinek, die dem Kalauer zu
       Nobelpreisehren verhalf, oder auch an den frühen Ernst Jandl. Beide
       Vorbilder stehen für eine produktive Delinquenz. Die Irritation über das
       Falsch- und Schiefklingende macht bei ihnen den Blick frei auf die
       Verfahren, mit denen sich Sprache über die Wirklichkeit legt, mit denen sie
       Grauen und Unrecht verschleiert, leugnet, beschönigt.
       
       An diese Tradition anschließend gibt sich „Im Klauhof“ als aufklärerisches
       Werk zu erkennen, doch um zu bestimmen, was denn hier nun beleuchtet wird,
       fehlt die notwendige Klarsicht. Der Text ist dermaßen dicht und dabei so
       verliebt in die eigene Motivik, dass er der Leserschaft seine höher
       gehenden Wahrheiten kaum offenbart. Das ist jedoch nur ein Mangel für jene,
       die glauben, man müsse alle Bücher von vorne bis hinten oder überhaupt
       lesen.
       
       Im Falle von „Im Klauhof“ ist ein anderes Verfahren angeraten, auf das auch
       die kryptografischen Illustrationen von Handzeichen hinweisen, mit denen
       der Autor sein Buch versehen hat. Nein, nicht notwendigerweise zum
       Durchlesen ist dieses Buch gedruckt worden, wohl aber zum Aufschlagen, zum
       Bestaunen all der Wortmonster und Satzungetüme – oder sogar, ins
       Performative strebend: zum Mitgehenlassen. Wer dieses Buch klaut, beweist
       Bildung und guten Geschmack!
       
       27 Oct 2026
       
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